Beherbergungsverbot, Collage dpa/Fotostand
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Audio: Radioeins | 13.10.2020 | Interview mit Jonas Schmidt-Chanasit | Bild: dpa/Fotostand Download (mp3, 6 MB)

Interview | Beherbergungsverbot - "Die einfachen Basisregeln konsequent umsetzen - das ist das Entscheidende"

Das Beherbergungsverbot sorgt für Uneinigkeit. Nicht nur in der Bevölkerung, auch in Politik und der Wissenschaft ist die Maßnahme höchst umstritten. Wichtiger sei es, bestehende Basisregeln umzusetzen, sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit.

rbb: Herr Schmidt-Chanasit, ein Land wie Mecklenburg-Vorpommern hatte in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner knapp acht positive Tests, Berlin-Neukölln circa 171 (Stand 13.10.2020). Ist es angesichts dieser Zahl nicht nachvollziehbar, dass Mecklenburg zurzeit keine Neuköllner bei sich haben möchte und ein Beherbergungsverbot verhängt?

Jonas Schmidt-Chanasit: Die Frage ist, wie viele infizierte Neuköllner nach Greifswald fahren? Wir haben in der Vergangenheit keine Superspreading-Events von Neuköllnern in Greifswald gesehen. Insofern bin ich eigentlich zuversichtlich, dass dieser Reiseverkehr, gerade auch von Familien, eben nicht dazu führt, dass wir hier ein massives Ausbruchsgeschehen in Mecklenburg-Vorpommern haben.

Sollte das Beherbergungsverbot innerhalb Deutschlands also wieder aufgehoben werden?

Ja, weil es auch gar nicht durchsetzbar ist. Die Situation ist so dynamisch, und der nachgeschaltete Apparat - also die Testungen, die Verfolgungen, und wer das überprüfen muss - ist gar nicht so flexibel, um so schnell darauf zu reagieren. Es lässt sich einfach nicht realistisch umsetzen. Ganz abgesehen von den Problemen, die dadurch erzeugt werden, dass man natürlich Testkapazitäten wegnimmt von den Menschen und den Personengruppen, die wirklich auf diese Teste angewiesen sind. Von den Kosten ganz zu schweigen, die Familien tragen müssen, die mal zwei Wochen irgendwie in ihr Haus an der Ostsee wollen. Da muss eine vierköpfige Familie jetzt 500 oder 600 Euro zahlen. Das ist natürlich fernab jeder Realität.

Als Politikerin oder Politiker kann man angesichts steigender Zahlen nicht einfach gar nichts tun. Was sollte denn jetzt entschieden werden?

Es ist ja bereits sehr viel entschieden worden. Wir haben grundlegende Maßnahmen, und die müssen mal durchgesetzt werden. Das ist doch der entscheidende Punkt, wo man hin muss. Die Regelung, die Familienfeiern zu begrenzen, ist etwa sehr zielgerichtet und sehr verhältnismäßig gewesen. Das muss jetzt einfach auch umgesetzt werden, gerade in Neukölln, in Friedrichshain oder Kreuzberg. Da braucht man eben zusätzliche Kapazitäten. An dem Punkt muss man arbeiten und nicht an dem Punkt zu verhindern, dass die vierköpfige Familie in ihr Ferienhaus in Greifswald fährt. Denn mit diesem Verwirrspiel und diesem Irrsinn an Regeln, gerade was das Beherbergungsverbot betrifft, wird man letztlich das Vertrauen in der Bevölkerung verspielen. Und das ist gerade das Wichtige.

Was hilft?

Eine Rückbesinnung auf die einfachen Basisregeln, die uns in der letzten Zeit sehr gut durch diese Pandemie getragen haben: also AHA plus L – das Lüften ist noch hinzugekommen. Dass das konsequent umgesetzt wird, ist das Entscheidende. Es ist nicht plötzlich ein Raumschiff gelandet, wo wir jetzt eine völlig neue Situation haben, überhaupt gar nicht. Die Infektionen entstehen genauso wie eben vor wenigen Monaten oder Wochen auch. Nur, dass es eben viel mehr sind. Und insofern muss noch viel stärker darauf geachtet werden, dass die bestehenden Regeln durchgesetzt werden.

Immer wieder wird in diesen Tagen gefordert, nicht nur auf die Infektionszahlen zu schauen, denn die Krankenhäuser sind noch immer weit von einer Überlastung entfernt. Wonach sollen wir uns richten, welches ist Ihre Empfehlung?

Es wird nicht nur auf die Test-positiven-Zahlen geschaut, die anderen Zahlen werden natürlich auch berücksichtigt: Der R-Faktor oder eben auch die Auslastung der Intensivstationen, Hospitalisierung. Das alles wird immer auch in Betracht gezogen. Nur medial wird es zum Teil doch ein bisschen anders dargestellt. Diese Ampellösung, die es auch in Berlin gibt und die man jetzt bundesweit diskutiert, ist durchaus eine gute Lösung. Der Bürger sieht gleich auf den ersten Blick: Okay, wie ist die Situation in meiner Region? Und die muss natürlich auch regional sein, weil es eben genau die angesprochenen Unterschiede zwischen Mecklenburg und Neukölln gibt

Sie haben mal gesagt, dass die aktuelle Situation auf den Intensivstationen das Geschehen von vor vier Wochen abbildet, weil es von der Ansteckung bis hin zu dramatischen Folgen beim Patienten Wochen dauert. Wenn es auf den Intensivstationen voll wird, ist es dann zu spät, weil wir dann vier Wochen lang im Chaos versinken?

Das ist jetzt sehr dramatisch: "im Chaos versinken" und "zu spät". Man kann immer reagieren. Der entscheidende Punkt ist, wann wir bestimmte Maßnahmen verstärken sollten oder verstärkt darauf achten, dass sie auch umgesetzt werden. Es ist nicht die Zeit dafür, mit 600 Leuten große Hochzeitsfeiern zu feiern. Und es ist auch nicht die Zeit dafür, massenhaft illegale Partys abzuhalten. Das ist der springende Punkt. Da müssen wir uns nicht irgendwas Neues ausdenken. Wir brauchen kein Beherbergungsverbot oder sonstige Sperenzchen. Sondern: Da, wo die Infektionen entstehen, muss letztendlich eingegriffen werden. Dann haben wir auch nicht irgendwann das Problem, dass die Intensivstation mit Patienten überlaufen.

Mit dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit sprach Marco Seiffert für Radioeins. Der Beitrag ist eine redaktionell bearbeitete Version des Hörfunkinterviews. Dieses können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Beitrags nachhören.

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16 Kommentare

  1. 16.

    ".... von vielen Politikern laut geäußert wurde, man möge doch den Herbsturlaub in Deutschland buchen....." - da hatten die in ihren Glaskugeln bestimmt noch nicht die Entwicklungen (z.B. in Berlin) gesehen und noch darauf vertraut, dass Hirn die Handlungen der Menschen bestimmt.

  2. 15.

    „ Der Begriff Beherbergungsverbot ist etwas irreführend finde ich, weil es ja letztlich nur eine Beherbungseinschränkung ist. Man kann mit einem negativen Test doch Urlaub in Brandenburg machen.“
    Die „nur“ Einschränkung für „Risikourlauber“ ist:
    - ein negativer Test, nicht älter als 48h
    D.h. Wenn ich Samstag in den Urlaub fahren wollte, dann müsste ich mich Donnerstag testen lassen. Und beten, dass ich das Testergebnis rechtzeitig bekomme. Wenn’s später kommt, kann ich es in die Tonne schmeißen & Montag nochmal anfangen. Bezahlen muss ich den Test sowieso.
    Für eine Familie mit Kindern hört es schon an dieser Stelle auf.
    Für MecPom, also die Ostsee, gilt seit Frühjahr:
    - ZUSÄTZLICH zum negativen Test noch eine Quarantäne von 5 Tagen, d.h. die ersten 5 Tage des Urlaubs soll man in seinem Hotelzimmer /Appartment bleiben.

    Das ist besonders bitter, wenn man bedenkt, dass noch im August von vielen Politikern laut geäußert wurde, man möge doch den Herbsturlaub in Deutschland buchen.

  3. 14.

    Sehe ich ganz genauso. Ohne irgendwelchen Politikern was unterstellen zu wollen, scheinen sich hier vorhandene Interessenkonflikte aufzutun. Man schielt zu sehr auf die Richtung das Mainstreams, vermutlich dabei die nächsten Wahlen im Auge habend, und vermutlich gibt es auch zu enge Verknüpfungen zu Wirtschaftsunternehmen. Ich habe z.B. bis heute nicht begriffen, dass sich ein grüner Ministerpräsident so vehement für die Automobilindustrie einsetzen kann.

  4. 13.

    Soziale Kompetenz ist das, was ich bei vielen Menschen augenblicklich vermisse.
    Was mich auch einigermaßen rätseln lässt ist, dass die Bundesländer in der Hinsicht, was die finanziellen Hilfen für die Wirtschaft betrifft, einig sind; da ist unser Land EIN Land, aber was den Föderalismus in Sachen Umsetzung der Corona und Reiseregelungen betrifft, da kocht jedes Bundesland wie zu Zeiten von Grafschaften und Fürstentümern sein eigenes Süppchen. Tolle Einigkeit; ziemlich fragwürdig, wie ich es empfinde.

  5. 12.

    Jeder Mensch mit analytischen Fähigkeiten und sozialer Kompetenz besitzt die Fähigkeit so etwas einzuschätzen.

  6. 10.

    Ich begreife sowieso nicht, warum die Tests für Deutschland kostenpflichtig sind. Im Sommer wurden zig Tausend Urlauber die im Ausland waren, teilweise ganz weit weg, kostenlos getestet. Was sagen Sie dazu Herr Schmidt-Chanasit. Sie haben das doch mit getragen.
    Wer Geld hat um in den Pazifik zu fliegen wird umsonst getestet und eine sechsköpfige Familie aus Berlin, die in Templin Urlaub machen möchte, muss zahlen. Und sie prangert das jetzt an. Wieso Pazifik für Schwerverdiener umsonst.

  7. 8.

    Der Begriff Beherbergungsverbot ist etwas irreführend finde ich, weil es ja letztlich nur eine Beherbungseinschränkung ist. Man kann mit einem negativen Test doch Urlaub in Brandenburg machen.

  8. 6.

    Ich stelle mir gerade das Gejammere vor wenn anstelle eines MNS alle mit einer MM-1 Rüsselmaske rumlaufen müssten. Nunja, das Gejammere würde leiser werden.
    Im Kern stimme ich ihnen zu.

  9. 5.

    Ich habe heute ein Interview mit der Ministerpräsidentin von MV gesehen und ich verstehe ihren Standpunkt. Wir können uns Scouts usw. sparen, wenn man einer unkontrollierten Ausbreitung Tür und Tor öffnet. Vielleicht sollten das die Fachleute auch mal beachten und vor allem mit einer einheitlichen Meinung auftreten. Die sind ja teilweise noch zerstrittener und widersprüchlicher als die Politiker.

  10. 4.

    Hier mal ein Artikel der Süddeutsche https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-test-ct-wert-umfrage-gesundheitsaemter-1.5057646?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

    Das Problem der einheitlichen Test kommt auch noch hinzu! Viele sind nicht mehr infektiös werden tauchen aber in den Zahlen auf. @RBB diesen Punkt hat man im Artikel vergessen...

  11. 3.

    Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hatte sich zu Anfang der Pandemie, als es keinerlei Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel für die Bevölkerung gab, hingestellt und behauptet, dass das Tragen eines MNS unwirksam und sogar noch schädlich sei. Wer im Rahmen Wehrdienst schon mal mit KCB zu tun hatte, hat an dieser Stelle über so viel Inkompetenz nur den Kopf geschüttelt und ist vor Lachen nicht mehr in den Schlaf gekommen.
    Irgendwie hat das an die Begründung der Mangelwirtschaft in der ehemaligen DDR erinnert. Dort hatte das Politbüro auch erklärt, dass bestimmte Dinge die es nicht gab, schädlich seien. Bei Herrn Schmidt-Charasit waren es die Masken, weil es die nicht gab.
    Jetzt stellt er sich hin und behauptet, dass das Beherbergungsverbot schädlich sei, vermutlich weil ein Teil der Bevölkerung es nicht will und die öffentliche Meinung kippt. Nein Danke, da halten wir doch mehr zu den Ansichten der Frau Schwesig, die sie heute nochmal begründet hat.

  12. 2.

    Wenn man das hier so liest, oder auch andere Interviews von Wissenschaftlern, hat man den Eindruck die Politiker entscheiden ohne Experten zu befragen.
    Wenig hilfreich sind Drohungen mit dem nächsten Lockdown, aber das hat man noch immer nicht begriffen, dass mit allem womit die letzten Monate gedroht wurde irgendwann keinen mehr interessiert.
    Was man mit der ganzen regelwut und immer neuen verboten erreicht ist, das die Mitte (die leugner und auch die hysteriker erreicht man eh nicht) sich mehr und mehr abwendet.
    Es gibt Zuviel von .... es könnte sein ... unter Umständen.....es ist möglich....
    Und dann der Impfstoff.... lat. Spahn noch dieses Jahr .... der nächste sagt im Frühjahr und der Dritte meint im Sommer und dann setzt Merkel allem die Krone auf ... wir werden auf unbestimmte Zeit mit Einschränkungen ....
    Auf unbestimmte Zeit .... das werden nicht viele mitmachen.

  13. 1.

    Warum hört keiner auf ihn?

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