Hochhäuser in der Gropiusstadt in Berlin-Neukölln (Quelle: imago images/Schöning)
Audio: rbbKultur | 14.11.2020 | Dena Kelishadi | Bild: imago images/Schöning

Corona-Hotspot Neukölln - "Soziale Ungleichheit wird durch die Pandemie besonders sichtbar"

Berlin-Neukölln zählt zu einem der Corona-Hotspots. Die Menschen hier stellt die Corona-Pandemie vor viele Fragen. Oft sind sie mit der Situation überfordert, auch wegen ihrer Wohnsituation. Spurensuche in einem Bezirk im Ausnahmezustand. Von Dena Kelishadi

Gülhan Helvaci-Ballikaya sitzt am Schreibtisch in der Beratungsstelle des Türkischen Frauenvereins Berlin. Hier berät sie Einwanderinnen im persönlichen Gespräch. Aber ob sie das eigentlich noch darf, da ist sie sich gar nicht sicher. Ihr Sohn ist in Quarantäne, er ist einer von 1.600 Schülerinnen und Schülern, die sich laut Neuköllner Bezirksamt derzeit isolieren müssen.

Weil es in seiner Klasse einen Infektionsfall gab, soll ihr Sohn nun zwei Wochen zuhause bleiben. Gülhan Helvaci-Ballikaya sagt, sie wisse nicht, ob das nun auch für sie gilt. Sie wolle niemanden gefährden und ist verunsichert. Eigentlich ist es ihr Job, Antworten zu geben. Aber gerade hat sie nur Fragen. So wie viele hier im Bezirk.

Gülhan Helvaci-Ballikaya (Quelle: rbb/Dena Kelishadi)
Gülhan Helvaci-Ballikaya berät Einwanderinnen in Neukölln | Bild: rbb/Dena Kelishadi

Überforderung und viele Fragen

Die Corona-Pandemie stellt Menschen in ohnehin schwierigen Lebenslagen vor viele Fragen. Bin ich sicher vor einer Covid-19-Erkrankung? Was ist zu tun? Was zu unterlassen? Gülhan Helvaci-Ballikaya erzählt, dass die Frauen, die zu ihr in die Beratung kommen, oft verwirrt und überfordert mit der Pandemie seien, auch wegen ihrer Wohnsituation.

Soziale Ungleichheit besonders sichtbar in Neukölln

Nur wenige Kilometer vom Türkischen Frauenverein Berlin entfernt lebt und arbeitet Emilia Roig derzeit im Homeoffice. Die Leiterin der Organisation "Center for Intersectional Justice", sagt, die Pandemie habe bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten verschärft. "Die Corona-Bestimmungen sind in großen Wohnungen einfacher einzuhalten. Neukölln ist ein dicht besiedelter Bezirk mit einerseits vielen großen Altbauhäusern mit wenigen Menschen und andererseits kleinen Hinterhofwohnungen und Sozialwohnungen mit vielen Menschen. Diese soziale Ungleichheit wird durch die Pandemie besonders sichtbar", sagt Emilia Roig.

Epidemiologe sieht erhöhtes Infektionsrisiko bei Migranten

Statistisch leben Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt häufiger in Ballungsräumen. Zudem sind sie oft in kleineren Wohnungen zuhause als die alteingesessene Bevölkerung.

Der Epidemiologe und Mediziner Wolfram Herrmann erforscht an der Charité die medizinische Versorgung in Berlin. Er sagt: "Umso dichter und enger man wohnt, umso höher ist das Risiko sich mit Sars-CoV-2 anzustecken." Die Familien von Einwanderern seien durchschnittlich größer und kinderreicher, zum Teil leben mehrere Generationen zusammen. Das Coronavirus treffe sozial schlechter gestellte Menschen generell härter - und darunter seien vermehrt Migranten.

Infektionsgeschehen und Ethnie getrennt betrachten

Für Emilia Roig ist es dennoch wichtig, die Herkunft und das Infektionsgeschehen getrennt zu betrachten. Denn die Ethnisierung und Kulturalisierung des Problems berge auch eine Gefahr: "Am Anfang der Pandemie hat sich gezeigt, dass sich viele fälschlicherweise sicher gefühlt haben, wenn sie keinen Kontakt zu Chinesen oder China hatten. Bestimmten ethnischen Communities eine besondere Rolle im Infektionsgeschehen zuzuweisen, ist daher kontraproduktiv", sagt Roig.

Wenn allerdings Großeltern mit Kindern und Enkeln in den gleichen vier Wänden leben, sind sie einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Das sei oftmals eine soziale, keine ethnische Frage.

Die soziale Situation birgt noch ein weiteres Risiko mit, sagt der Gesundheitsforscher Herrmann: "Häufig sind das Leute, die zum Beispiel rauchen oder aus verschiedenen Gründen ein etwas höheres Gewicht haben. In Studien hat sich gezeigt, dass das beides Faktoren sind, die zu schwierigeren Verläufen führen."

Man sehe daran sehr gut, dass die soziale Situation nicht nur das Risiko sich zu infizieren erhöht, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass es bei einer Infektion zu einem schlimmeren Verlauf kommt.

Erst die Sorglosigkeit, dann ein tödlicher Fall in der Familie

In der Familie von Gülhan Helvaci-Ballikaya gab es vor Kurzem einen tödlichen Corona-Fall. Sie hat ihre Großtante verloren; eine 84-Jährige, die mit ihrem Ehemann, ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter in Rudow zusammengewohnt hat. Das Ehepaar hatte oft Besuch von ihren anderen Kindern.

Alles ging sehr schnell: Innerhalb von vier Tagen verstarb die Großtante. Vermutlich hat sie sich in der Tagesspflege in Neukölln mit dem Virus angesteckt. Vier Haushalte mussten aufgrund der Ansteckung in Quarantäne.

Gülhan Helvaci-Ballikaya habe vorher das Risiko, sich mit dem Virus anzustecken und daran schwer zu erkranken, nicht richtig abwägen können, sagt sie. Bis sie selbst eine Angehörige verloren hat. Dieses diffuse Gefühl der Sorglosigkeit, das sie beschreibt, hatten auch andere, wie die Gespräche mit ihren Klientinnen zeigen.

Emilia Roig (Quelle: rbb/Dena Kelishadi)
Infektionsgeschehen und Ethnie sollten getrennt betrachtet werden, meint Emilia Roig | Bild: rbb/Dena Kelishadi

Berliner Senat müsste anders aufklären

Hat der Senat es versäumt, zielgruppengerechter aufzuklären? Wolfram Herrmann von der Charité kritisiert, dass am Anfang der Pandemie alle Informationen nur auf Deutsch verfügbar waren. Das habe sich zwar mittlerweile verändert. "Es gab dann auch den Brief des Regierenden Bürgermeisters in verschiedenen Sprachen. Aber das setzt voraus, dass man sich diese Informationen aktiv zusammensucht und da ist schon eine gewisse Lücke in der Kommunikation", sagt der Wissenschaftler. Er sieht nach wie vor politischen Handlungsbedarf.

Traditionellen Familien wie der von Helvaci-Ballikaya verlangen die Abstands- und Kontaktvermeidungsregeln offenkundig besonders viel ab. Dass sie beispielsweise nach dem Tod ihrer Großtante ihre trauernden Verwandten nicht besuchen konnte, sei hart gewesen, sagt Gülhan Helvaci-Ballikaya. "Aber in der Corona-Pandemie durften wir das nicht und wir haben uns alle drangehalten. Obwohl wir Türken sind", sagt sie mit einem Lachen. Dass sie lacht, täuscht kaum darüber hinweg, wie traurig und schwer zu ertragen diese pandemischen Zeiten für viele sind. Auch und besonders für Menschen mit Migrationsgeschichte.

Sendung: rbbKultur, 14.11.2020, 19:05 Uhr

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Beitrag von Dena Kelishadi

13 Kommentare

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  1. 13.

    "Die Familien haben die Entscheidung selber getroffen wie viele Kinder man bekommt und mit wem man zusammen lebt."
    Sie haben sich sicher erst überlegt, ob ihre Wohnung im Falle einer globalen Pandemie genügend Zimmer zur Isolation von erkrankten Familienangehörigen hat, bevor sie Ihre Familienplanung angegangen sind, richtig?

    "Nicht die soziale Situation birgt das Risiko..."
    Alle, die sich schon mal ernsthafter (als nur populistisch) mit diesem Thema beschäftigt hat, wissen, dass dies schlicht Unsinn ist.

    "das(sic) die meisten zugezogenen Migranten schon seit vielen Jahren ohne annähernd ausreichende Deutschkenntnisse oder Englischkenntnisse in Deutschland leben. "
    Wahnsinn, sie kennen also ALL dieser "zugegzogenen Migranten"? Faszinierend.
    Ich kenne nämlich nur etwa ein Dutzend Migrantinnen. Das sind praktisch nur Leute, die sich auf Deutsch mit mir unterhalten, oder sich die größte Mühe geben, es demnächst tun zu können.

  2. 12.

    Ich denke auch, dass man Schwierigkeiten hat so manches zu verstehen. Seit Anfang der Pandemie sehe ich täglich Menschen, die sich noch mit Handschlag, Küsschen und Umarmungen begrüßen. In den kleinen Lädchen werden keine Masken getragen weder vom Verkäufer noch von den Kunden. Die Aufzüge in den Hochhäusern werden ohne Maske benutzt und selbst in einigen Barberläden wird alles ohne Maske angeboten. Tut mir leid, es müssen sich nun mal alle an die Regeln halten, wir kriegen es sonst nicht in den Griff. Und wie es aussieht, sind die meisten uneinsichtig, spricht man sie an, wird man beschimpft, es wird provokant gehustet und dazu "Corona" gerufen. Ich glaube nicht wirklich, dass es an der Sprache liegt, es ist wohl eher so, dass sich einige Menschen nichts sagen lassen wollen. Leider gibt es keine Kontrollen, hier kann ja jeder machen was er will ohne was zu befürchten zu müssen.

  3. 11.

    Ich weiß von einem Fall in Treptow, wo eine Mutter in Quarantäne ist, weil sie positiv getestet wurde. Weder der schulpflichtige Sohn noch der Ehemann haben als Kontaktpersonen eine Quarantäneanordnung bekommen. Der Sohn kann also weiter zu Schule gehen, der Mann zur Arbeit. Solange es keine wirklich einheitliche Regelung gibt, kann das auch nix werden. Und in Neukölln ist es nochmal schwerer, weil es hier auch sprachliche Barrieren gibt. Es muss eben Infos in allen Sprachen geben, die von nicht unerheblichen Teilen der Einwohner gesprochen werden. Heute kam der Brief von Müller. Alles auf Deutsch, auf der 2. Seite der Hinweis, dass man sich die Infos unter den genannten Links im Internet besorgen kann. Ob der Verweis auf die Eigenverantwortung wirklich zieht? Ich habe da so meine Zweifel.

  4. 10.

    Die Ausführungen des Experten sind interessant. Sie widersprechen sich zu 100 Prozent mit einem aktuellen Bericht über Afrika und seinen Slums, wo die Wohnverhältnisse deutlich schlechter sein sollen, aber kaum jemand irgendwelche Corona-Auswirkungen spürt.

  5. 9.

    "Die Familien von Einwanderern seien durchschnittlich größer und kinderreicher, zum Teil leben mehrere Generationen zusammen. " Die Familien haben die Entscheidung selber getroffen wie viele Kinder man bekommt und mit wem man zusammen lebt.

    "Die soziale Situation birgt noch ein weiteres Risiko mit, sagt der Gesundheitsforscher Herrmann: "Häufig sind das Leute, die zum Beispiel rauchen oder aus verschiedenen Gründen ein etwas höheres Gewicht haben."
    Nicht die soziale Situation birgt das Risiko, sondern mehrheitlich die freie Entscheidung zu Rauchen, sich falsch zu ernähren, Alkohol zu trinken und sich nicht ausreichend zu bewegen.

    Und wenn hier bemängelt wird, das die Informationen nicht direkt am Anfang in sämtlichen Sprachen vorhanden waren, so muss man auch darüber reden, das die meisten zugezogenen Migranten schon seit vielen Jahren ohne annähernd ausreichende Deutschkenntnisse oder Englischkenntnisse in Deutschland leben.

  6. 8.

    Lesen Sie bitte den Abschnitt nochmals.
    Der von Ihnen zitierte Satz bezieht sich darauf, dass sich die trauernden Angehörigen nicht besuchen durften und sie sich daran gehalten hatten. "Obwohl" sie Türken seien. (Dieser Zusatz war offensichtlich ironisch gemeint.)
    Die Aussage bezieht sich also NICHT auf die Trauer selbst, sondern auf die zu diesem Zeitpunkt geltenden coronabedingten Regeln und ihre Einhaltung.
    Die Interviewte hat auch KEINE Äußerung gemacht, dass sie denke, dass Deutsche nicht trauern würden.
    Eine solche Behauptung haben SIE SELBST da hineingelesen. Es wurde aber tatsächlich NICHTS DERGLEICHEN geäußert.

    Zum Thema Sprache:
    Wenn die Aufgabe ist, Menschen zu schützen, dann müssen dazu nötige Informationen diese Menschen auch erreichen. Bedeutet: nicht nur in Amtsdeutsch, sondern auch in einfachen Sätzen, in anderen Sprachen, in extra großer Schrift, oder zum Hören. Wenn dies nicht gemacht wird, zeigt das, dass die Aufgabe zu schützen nicht ernst genommen wird.

  7. 7.

    Kann man die Leute nicht einfach unter vulnerable Gruppen einordnen und schon ist alles gut und klar. Oder besser Neukölln , der vulnerable Bezirk. Anfällig für alles. Das Adjektiv ist so schön und sollte gekürt werden.

  8. 5.

    Da kann Frau Helvaci-Ballikaya beruhigt sein, für sie gilt keine Quarantänepflicht.

  9. 4.

    "Wir haben uns alle dran gehalten, obwohl wir Türken sind".
    Das klingt so, als ob Deutsche nicht um ihre Angehörigen trauen. So ein Blödsinn. Corona gibt es weltweit, die Pandemie ist nicht nur in Deutschland. In Deutschland werden Infos in deutscher Sprache verfasst.

  10. 3.

    Kein Wunder das Neukölln zum Hotspot wird. Die Frau ist dich von allen guten Geistern verlassen. Ihr Sohn in Quarantäne und sie verbreitet womöglich den Virus. Ich dachte eigentlich gerade Menschen die als Berater auftreten sollten das wissen.

  11. 2.

    Also im sozialen Wohnungsbau, eigentlich in Allen betroffenen Gesetzen, die Wohnraumgröße anpassen. In Arbeits- / Arbeitsstätten- / Kita- / Schule- / Ausbildungsstätten- Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien den Menschen mehr Platz geben. Betreuungsschlüssel anpassen. - Kurz mehr Raum, mehr Personal. - Mehr Sprachunterricht auch für Kinder deutscher Eltern. - Bezahlt das Personal nach Tarif und setzt die Sozial-Versicherungspflicht durch.

  12. 1.

    komischerweise hatte ich das schon vor Monaten hier angesprochen und wurde gleich als Nazi beschimpft.

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