Wiegehtesuns?: Patienten stehen Schlange vor einer Berliner Praxis (Quelle: dpa/Steinberg)
Symbolbild | Bild: dpa/Steinberg

#Wiegehtesuns? | Der Angestellte - "Wir machen Überstunden trotz Kurzarbeit"

Im April hat Simon seinen neuen Job als angestellter Zahnarzt in einer Berliner Praxis angefangen. Sofort landete er in der Kurzarbeit. Doch zu tun gibt es mehr als genug. Simon fragt sich, warum er eigentlich nicht Vollzeit beschäftigt ist - ein Protokoll.

Corona betrifft uns alle –  nicht nur in Berlin und Brandenburg. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Simon (Name von der Redaktion geändert) ist 31 Jahre alt und arbeitet als angestellter Zahnarzt seit April in einer Berliner Praxis - in Kurzarbeit. So geht es Simon:

Seit 6. April bin ich in Kurzarbeit. Das war quasi mein Start in der neuen Praxis. Nur eine Woche lang habe ich "normal" gearbeitet. Doch nicht nur ich bin davon betroffen, auch meine sieben Kolleginnen und Kollegen sowie die Helferinnen. Es heißt, dass sogar noch ein neuer Kollege dazukommt. Warum? Wenn wir doch eh schon Arbeitsausfall haben und weniger arbeiten dürfen?

Bereits an meinem ersten Arbeitstag wurde mir die Vereinbarung zum Kurzarbeitergeld vorgelegt. Die musste ich unterschreiben, zunächst nur mit der Information, falls es soweit käme. Es kam soweit, fünf Tage später schon. In der Vereinbarung stand zwar, was Kurzarbeit ist, aber nichts davon, wie lange sie dauern wird, oder wie das ganze abgerechnet wird.

Mein Chef konnte mir nicht sagen, wie viel Gehalt ich am Ende des Monats bekommen würde und wie lange ich in Kurzarbeit sein werde. Die Zahnärzte haben meistens ein Fixgehalt und dann eine Umsatzbeteiligung. Wir können den Umsatz aber nicht richtig aufbauen, weil wir ja wegen der Kurzarbeit weniger arbeiten. Mir ist auch nicht klar, wie unser Chef das alles zusammenrechnet.

Wir machen Überstunden trotz Kurzarbeit. Natürlich ist es sowieso ein Luxus in dem Job pünktlich Feierabend zu machen, manchmal dauern Behandlungen eben länger. Aber in dieser Ausnahmesituation mit der Kurzarbeit ist mir nicht klar, warum wir Überstunden machen müssen, wenn es angeblich zu wenig zu tun gibt, um uns in Vollzeit zu beschäftigen.

Seit Anfang April bin ich zwei bis drei Tage im Dienst. Diese Woche beispielsweise arbeite ich 16 Stunden, aber verteilt auf drei Tage. Das ist weniger als die Hälfte meiner normalen Arbeitszeit. Gleichzeitig bleibe ich pro Dienst etwa 30 bis 45 Minuten länger als ich bezahlt werde.

In den ersten beiden Aprilwochen hatten wir wenig zu tun durch die Corona-Krise. Ich denke auch, dass die Leute Angst hatten, auch durch die Panik, die durch die Medien und Politik angeschoben wurde. Mittlerweile kommen die Patienten aber wieder ganz normal. Weil wir aber weiterhin in Kurzarbeit sind, müssen zum Beispiel einige Schmerzpatienten ziemlich lange warten.

Unübersichtlichkeit, Unklarheit, Unsicherheit – das sind meine Gefühle derzeit. Ich frage regelmäßig nach, wie lange die Kurzarbeit noch dauern wird, aber mein Chef kann mir keine Auskunft geben. Meinen Kollegen geht es ähnlich. Einer sagte mir, er habe noch nie so wenig in seinem Leben verdient. Vor allem für die mit Familie ist es ein ziemliches Problem. Ich für meinen Teil kann allerdings auch nicht wirklich etwas planen, denn ich weiß ja nicht genau, wie mein Kontostand am Ende des Monats aussieht. Warum müssen wir überhaupt weiter in Kurzarbeit arbeiten, wenn wir doch genügend Patienten haben? Wie soll ich auf Dauer so arbeiten?

Wie geht es Ihnen? Wie sieht Ihr Alltag gerade aus? Erzählen Sie rbb|24 Ihre Geschichte in Zeiten von Corona! Einfach eine Mail schicken an internet@rbb-online.de. Wir melden uns bei Ihnen.

Gesprächsprotokoll: Karo Krämer

Was Sie jetzt wissen müssen

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

16 Kommentare

  1. 15.

    Genauso ist es.
    Angestellte Zahnärzte verdienen deutlich weniger, als es sich viele Menschen vorstellen. Meine Frau geht Dank Kurzarbeitergeld und fehlender Umsatzbeteiligung (die beginnt je nach Vertrag erst ab einem bestimmten Umsatz) mit 1100 Netto nach Hause. Und wir Zahnärzte sind eindeutig dem größten Risiko (wie gefährlich das große C auch immer sei) ausgesetzt, uns zu infizieren.

  2. 14.

    Ich kenne mehre Zahnärzte, die ein Basisgehalt von 1500,00€ Und nicht 3500,00€ haben. Und davon kann man nun wirklich nicht leben. Leider hat ein Großteil der Bevölkerung noch nicht mitbekommen, daß Zahnärzte nicht mehr die Großverdiener von Gestern sind. Auch hier hat ein Wandel eingesetzt.

  3. 13.

    Solcher Missbrauch sollte sofort angezeigt werden, auch wie in dem Fall unten mit dem Programmierer.
    Ich verstehe immer gar nicht warum sich so viele Leute das gefallen lassen, diesem unverschämten Zahnarzt müsste man sofort das Handwerk legen.

  4. 12.

    Ein Angestellter ZA mit Fixgehalt plus Umsatzbeteiligung kommt normal auf über 5000€ im Monat. Fix mind. 3500, Umsatzbeteiligung zwischen 15 und 25% des erwirtschafteten Honorars, sind mind 1500. So, davon nun Kurzarbeit. Ein wirklich gelungenes Beispiel für Kurzarbeiter.... Lieber rbb, nehmt doch bitte andere Beispiele.

  5. 11.

    Lufthansa ohne Not? Die stehen am Abgrund ohne Staat. Und VW hat die Produktion eingestellt gehabt und der Absatz fehlt auch jetzt usw... Wo informieren Sie sich denn?

  6. 10.

    Genauso ist es. Da hakt etwas. Vlt. könnte der rbb mal die Arbeitgeberseite befragen? Oder mit der Bundesagentur für Arbeit diese Thematik besprechen? Ich finde den Bericht sehr merkwürdig.

  7. 9.

    Ihre Vergleiche hinken. Wenn in der Produktion Stillstand herrscht, dann wäre die Alternative zur Kurzarbeit die betriebsbedingte Kündigung, wollen Sie das? Bei dem Zahnarzt ist der Fall unklar.

  8. 8.

    Überstunden trotz Kurzarbeit? Vielleicht interessiert sich ja der Staat dafür, dass hier Steuergelder bloß dazu verwendet werden, den Lohn der Beschäftigten zu drücken, und ein Auftragsrückgang im Kurzarbeitsantrag bloß fälschlich behauptet zu worden sein scheint. Darauf würde ich aber nicht warten und in so einem Unternehmen umgehend einen Betriebsrat gründen, der kann dann (unkündbar) mit dem Chef verhandeln ob er die Sache selber korrigiert, oder ob ein Arbeitsgericht eingreifen muss.

  9. 7.

    Als ich von 30 Überminuten las, musste ich leider kurz rausgehen und in den Wald brüllen.. 30 min als Zahnarzt... dürften im normalen Gehalt includiert sein. Dass nebenbei Kurzarbeitsbetrug gemacht wird, ist natürlich der Gipfel der Unverschämtheit. Aber wie würde man sonst an Villa, Boot und Blondinen kommen, mit ehrlicher Arbeit jedenfalls nicht...

    Ich habe vor etlichen Jahren eine Ausbildung beim ZA/KFO aufgrund dessen abgebrochen. Es hat sich offenbar nichts geändert seither... Ganz ganz übel...

  10. 6.

    Wenn die Geschichte wahr ist, dann nur die Info an den Zahnarzt, dass sich in dem Fall nicht nur der Arbeitgeber, sondern auch der Arbeitnehmer strafbar macht. Das sollte jemand, der intelligent genug ist, Zahnarzt zu werden, aber bei seinen Recherchen zum Thema Kurzarbeit bereits herausbekommen haben.

  11. 4.

    Das hört sich nach Missbrauch der Kurzarbeiterregelungen an. Ich würde zu ver.di gehen, mich rechtlich beraten lassen und dann mal freundlich, aber bestimmt mit dem Chef reden. Als Mitglied von ver.di bekommst du kostenlosen Rechtsrat und im Fall einer gerichtlichen Auseinandersetzung auch kostenlosen Rechtsschutz.

  12. 3.

    Ich bin entsetzt wie ,im Beispiel des jungen Zahnarztes, das Instrument „Kurzarbeit“ von immer mehr Firmen missbraucht wird. Die Zahnarztpraxis ist ja in bester Gesellschaft: Adidas,BMW, VW,Lufthansa usw. machen es ja auch so. Ohne wirkliche Not wird der Staat zur Kasse gebeten. Ich würde diesen Arzt anzeigen. Damit dieser Missbrauch ein Ende findet.

  13. 2.

    Frag doch mal Deinen Chef wieviel er aus dem Rettungsschirm für Zahnärzte bekommnne hat, vielleich gibt er Dir wa davon ab!!! Grins...

  14. 1.

    Das sieht bei meinem Mann ähnlich aus. Er ist Pogrammierer. Es gibt gerade mehr Arbeit, als in den Monaten zuvor und trotzdem wurde er in Kurzarbeit versetzt. Der Gesetztgeber macht die Option auf und einige Unternehmen, die es gar nicht bräuchten, nutzen die Gelder um sich finanziell besser auf zu stellen. Die Maßnahme der einfachen Kurzarbeit ist toll und sinnvoll, wo es gebraucht wird. Aber ansonsten gehört es weg.

Das könnte Sie auch interessieren

Eine stark überfüllte Papiertonne in einem Berliner Hinterhof (Bild: rbb/Mühlberger)
rbb/Mühlberger

Der Absacker - Das Schlechteste erwarten, das Beste hoffen

Politik und Fußball, Sex, Crime und dann auch noch Wetter: Der Nachrichtentag hatte einiges zu bieten. Sarah Mühlberger macht sich derweil Gedanken über eine Zeit, die niedrige Erwartungen lehrt. Und kämpft mit Papierbergen.