#Wiegehtesuns? | Die Rettungsassistentin - "Da fühlt man sich verarscht vom System"

So 26.04.20 | 21:54 Uhr
Schauspielerin Lena Baader arbeitet als Rettungsassistentin (Quelle: privat)
Bild: privat

Schichtdienst, viel Verantwortung und schlechte Bezahlung - aber Lena Baader liebt ihren neuen Job. Seit Corona arbeitet die gefragte Schauspielerin als Rettungsassistentin. Protokoll eines Umstiegs in ein anderes Leben.

Das Coronavirus stellt unser Leben auf den Kopf. In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Alltag gerade aussieht – persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Lena Baader lebt in Berlin-Charlottenburg und ist Schauspielerin und Moderatorin. Seit Mitte März arbeitet sie als Rettungsassistentin. So geht es Lena Baader:

Schauspielerin zu sein war immer mein großer Traum, auch schon als Kind. Direkt nach dem Abitur habe ich meine Schauspielausbildung gemacht und dann sofort in dem Beruf gearbeitet. Weil ich damals schon sehr sportlich war, wurde ich seit 2010 für verschiedene Actionshows engagiert. Bei den Shows sind immer Sanitäter dabei für den Notfall. So habe ich diesen anderen Beruf kennengelernt und später eine Ausbildung als Rettungsassistentin gemacht, quasi als zweites Standbein.

Mitte März 2020 wurden wegen Corona alle geplanten Filmprojekte abgesagt. Parallel habe ich mitbekommen, dass händeringend medizinisches Fachpersonal gesucht wird und hab mich gleich gemeldet. Ich fühlte mich auch in der Pflicht, zu helfen. Seither arbeite ich als Rettungsassistentin.

Es war natürlich eine Herausforderung von einem auf den nächsten Tag ein ganz anderes Leben und einen anderen Arbeitsalltag zu haben, andere Aufgaben, andere Kollegen. Der Rettungsdienst ist viel stressiger als die Schauspielerei. Aber dieses Gefühl ist toll, da zu helfen, wo es am nötigsten gebraucht wird. Die meisten Leute sind sehr dankbar.

Ich versuche, mir immer Zeit zu nehmen für die einzelnen Patienten, mit ihnen zu sprechen. Sie sind froh, wenn ihnen jemand die Hand hält und sagt, es wird alles gut. Leider ist bei den Einsätzen die Schutzkleidung Mangelware. Normalerweise müsste man nach jedem Patientenkontakt alles wechseln. Das ist aber gar nicht möglich.

Angst habe ich keine, mich anzustecken, ich gehöre nicht zur Risikogruppe. Ich will aber auch nicht andere anstecken. Deswegen versuche ich, Abstand zu halten. Und Händehalten geht auch mit Handschuhen.

Im Moment haben wir tatsächlich weniger Lappalien. Die Leute rufen nicht nachts um drei den Rettungsdienst, wenn sie seit 3 Tagen Bauchschmerzen haben. Das passiert sonst leider oft. Aber gerade wollen die Leute gar nicht ins Krankenhaus - aus Angst, sich anzustecken. Ich bekomme jetzt viel tiefere Einblicke ins Gesundheitssystem und merke, wie ungerecht es ist. Fast alle im medizinischen Bereich werden zu schlecht bezahlt, haben viel zu lange Arbeitszeiten und sind völlig unterbesetzt. Das ist eine Zumutung. Man klatscht für das Rettungsdienstpersonal und die Politiker erhöhen sich heimlich die Diäten. Da fühlt man sich verarscht vom System. Da müsste dringend was geändert werden.

Was ich mache, wenn Corona vorbei ist? Wahrscheinlich werden sich die Filmprojekte nur so überschlagen, und ich werden dann weniger Zeit haben für den Rettungsdienst. Aber ich will es auf jeden Fall nebenbei noch weiter machen. Der Job ist sehr spannend und abwechslungsreich. Man kann helfen und eventuell Menschenleben retten, das macht mir einfach sehr viel Spaß. Es gibt so viele Bereiche, in denen gerade dringend Mitarbeiter gesucht werden, sogar ohne spezielle Qualifikation. Da kann sich jeder einbringen. Ich finde, dass wir alle in dieser schwierigen Zeit helfen müssen, wo es nur geht.

Gesprächsprotokoll: Ula Brunner

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