Schauspielerin Lena Baader arbeitet als Rettungsassistentin (Quelle: privat)
Bild: privat

#Wiegehtesuns? | Die Rettungsassistentin - "Da fühlt man sich verarscht vom System"

Schichtdienst, viel Verantwortung und schlechte Bezahlung - aber Lena Baader liebt ihren neuen Job. Seit Corona arbeitet die gefragte Schauspielerin als Rettungsassistentin. Protokoll eines Umstiegs in ein anderes Leben.

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als viele andere Ereignisse zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Lena Baader lebt in Berlin-Charlottenburg und ist Schauspielerin und Moderatorin. Seit Mitte März arbeitet sie als Rettungsassistentin. So geht es Lena Baader:

Schauspielerin zu sein war immer mein großer Traum, auch schon als Kind. Direkt nach dem Abitur habe ich meine Schauspielausbildung gemacht und dann sofort in dem Beruf gearbeitet. Weil ich damals schon sehr sportlich war, wurde ich seit 2010 für verschiedene Actionshows engagiert. Bei den Shows sind immer Sanitäter dabei für den Notfall. So habe ich diesen anderen Beruf kennengelernt und später eine Ausbildung als Rettungsassistentin gemacht, quasi als zweites Standbein.

Mitte März 2020 wurden wegen Corona alle geplanten Filmprojekte abgesagt. Parallel habe ich mitbekommen, dass händeringend medizinisches Fachpersonal gesucht wird und hab mich gleich gemeldet. Ich fühlte mich auch in der Pflicht, zu helfen. Seither arbeite ich als Rettungsassistentin.

Es war natürlich eine Herausforderung von einem auf den nächsten Tag ein ganz anderes Leben und einen anderen Arbeitsalltag zu haben, andere Aufgaben, andere Kollegen. Der Rettungsdienst ist viel stressiger als die Schauspielerei. Aber dieses Gefühl ist toll, da zu helfen, wo es am nötigsten gebraucht wird. Die meisten Leute sind sehr dankbar.

Ich versuche, mir immer Zeit zu nehmen für die einzelnen Patienten, mit ihnen zu sprechen. Sie sind froh, wenn ihnen jemand die Hand hält und sagt, es wird alles gut. Leider ist bei den Einsätzen die Schutzkleidung Mangelware. Normalerweise müsste man nach jedem Patientenkontakt alles wechseln. Das ist aber gar nicht möglich.

Angst habe ich keine, mich anzustecken, ich gehöre nicht zur Risikogruppe. Ich will aber auch nicht andere anstecken. Deswegen versuche ich, Abstand zu halten. Und Händehalten geht auch mit Handschuhen.

Im Moment haben wir tatsächlich weniger Lappalien. Die Leute rufen nicht nachts um drei den Rettungsdienst, wenn sie seit 3 Tagen Bauchschmerzen haben. Das passiert sonst leider oft. Aber gerade wollen die Leute gar nicht ins Krankenhaus - aus Angst, sich anzustecken. Ich bekomme jetzt viel tiefere Einblicke ins Gesundheitssystem und merke, wie ungerecht es ist. Fast alle im medizinischen Bereich werden zu schlecht bezahlt, haben viel zu lange Arbeitszeiten und sind völlig unterbesetzt. Das ist eine Zumutung. Man klatscht für das Rettungsdienstpersonal und die Politiker erhöhen sich heimlich die Diäten. Da fühlt man sich verarscht vom System. Da müsste dringend was geändert werden.

Was ich mache, wenn Corona vorbei ist? Wahrscheinlich werden sich die Filmprojekte nur so überschlagen, und ich werden dann weniger Zeit haben für den Rettungsdienst. Aber ich will es auf jeden Fall nebenbei noch weiter machen. Der Job ist sehr spannend und abwechslungsreich. Man kann helfen und eventuell Menschenleben retten, das macht mir einfach sehr viel Spaß. Es gibt so viele Bereiche, in denen gerade dringend Mitarbeiter gesucht werden, sogar ohne spezielle Qualifikation. Da kann sich jeder einbringen. Ich finde, dass wir alle in dieser schwierigen Zeit helfen müssen, wo es nur geht.

Gesprächsprotokoll: Ula Brunner

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13 Kommentare

  1. 13.

    Ich komme nicht aus der Branche, aber ich kann mir vorstellen, dass sich der Preis nicht nur aus einem Stundenlohn für 3-5 medizinisch ausgebildetes Fachpersonal zusammensetzt, sondern z.B. auch aus Benzinkosten, Instandhaltungskosten der Fahrzeuge und Geräte, Verbrauchsmaterial für die Behandlung, Bezahlung der Bereitschaftszeit der Helfenden, damit die gleich zur Stelle sein konnten, als Sie sie gebraucht haben...

  2. 12.

    Wer bitte bekommt das viele Geld, was der Rettungseinsatz kostet frage ich mich. An die 1400 Euro zahle ich als Privatversicherte für die Fahrt ins Krankenhaus mit 2 Rettungssanitätern und kuzem Einsatz des Notarztwagens. Ca. eine 3/4 Stunde Arbeitszeit.

  3. 11.

    Für das BER-Monster und die vermeintlichen Corona-Opfer der Wirtschaft ist genug staatliches Kapital vorhanden, aber beim Gesundheitssystem für Normalbürger*innen wird gegeizt.

  4. 10.

    Wer von der Materie nicht so bescheidweis sollte nicht kommentieren. Aber es ist doch schön das Herr Müller und seine Beamten ganz einfach mal sich ihr geld um58Prozent erhöht haben. Aber es ist kein geld für wichtiges da.

  5. 9.

    Genauso sieht es mal aus! Irgendwie scheint ausserhalb das niemand zu sehen geschweige zu verstehen. Das Gesundheitssystem war mal besser , anerkannter und vernünftig bezahlt, das ist allein durch das sparen an Personalkosten nicht mehr gegeben. Die katastrophalen Folgen erfassen wir erst jetzt in der Krise und noch ist nur der Gipfel zu sehen. Bleibt alle gesund!

  6. 8.

    83 Minuten in der 112 Notruf-Warteschleife mit Todesfolge !? Frau K. wurde am 22.04.2020 in Berlin-Karlshorst 83 Minuten in der Notruf-Warteschleife gehalten und erst nach nochmaliger 112 Wahl wurde sie verbunden, Notfallpatient Tod nach 1 Stunde und 30 Minuten hat er bedauerlicher Weise aufgegeben, das grenzt ja schon an eine Euthanasie.

  7. 7.

    Stimmt alles, das geht so nicht weiter, gar keine Frage! Vielleicht kapiert man es ja durch Corona, aber ich muss sagen, meine Hoffnung ist gering.

  8. 6.

    @Tobias

    Es ist kein bashing wie sie es nennen. Es ist Realität. Kaputt gespart als Synonym für kein Personal, Fahrzeuge die nicht der neuesten Technik entsprechen, diese Fahrzeuge ständig ausfallen auf Grund von Problemen. Wachen die auseinander fallen weil Sanierungen aus Kostengründen nicht statt finden. Schutzkleidung die fehlt/zu geringe Stückzahlen vorhanden sind oder mangelhaft für die aktuellen Anforderungen sind. Wir schaffen die
    Hilfsfristen kaum noch einzuhalten, wenn ihnen was passiert brausen sie dann den Messias der ihnen hilft bis wir eintreffen.

  9. 5.

    Was immer dieses kaputtgespart soll, wenn etwas kaputt ist dann geht es nicht mehr, also verstehe ich nicht wie sie überhaupt da noch arbeiten können.
    Wenn es nur allgemeines bashing gegen den Arbeitgeber sein soll, dann kann ich ihnen versichern dass ist in jedem Job der Welt so und das einzige was man dagegen tun kann ist entsprechend gewerkschaftlich oder nicht dagegen aufzubegehren und dem Arbeitgeber deutlich zu machen dass man unter diesen Bedingungen nicht weiter arbeitet.
    Da gibt's nicht den großen Messias der ihnen dann 50% mehr Geld irgendwoher zaubert.

  10. 4.

    @F. Usselbart

    Sie mögen Recht haben, aber unsere Besoldung steigt nicht um 5% bzw 10% wie die Diäten der Abgeordneten. Wir haben jetzt mal das Vergnügen von fast 4% erhalten zu haben.
    Des Weiteren haben wir über 10 Jahre auf Erhöhung verzichten dürfen und sind bis heute nicht angepasst an das Bundesniveau wie der Senat immer uns als Möhre vor die Nase hält.
    Dazu kommt, das alles kaputt gespart ist bei uns. Wachen in katastrophalem Zustand, der Fuhrpark ist älter als das Alter der Besatzungen. Die Personalstärke wird immer kleiner aber die Alarme steigen an.
    Was bei Berlin brennt versprochen wurde ist wie so vieles noch nicht umgesetzt.
    Wir treffen später ein, als das Gesetz es verlangt.

  11. 3.

    Das sehe ich genauso. Die Verlogenheit über all die Jahre es stehe kein Geld zur Verfügung, auf einmal fließen aus allen Ecken die Milliarden, aber auch nur für die, die jetzt aktuell bedroht sind. Denjenigen, denen vorher schon dass Wasser bis zum Hals stand (Pflege) die dürfen in der Situation verharren. Die hat man sich zurecht gestutzt und mürbe gemacht in all den Jahren. Mit dem Wissen, es läuft mehr schlecht wie recht, dann können die auch erst einmal so weiter machen. Allein die Tatsache, dass immer noch nicht alle Krankenhäuser mit den nötigen Schutzkleidungen ausgerüstet wurde, ist unfassbar!

  12. 2.

    ... ja, Rettungsassistenten und fast alle im Gesundheitswesen werden beschissen bezahlt, da muss was passieren. Verzichtbar finde ich dieses klischeehafte "Politiker erhöhen sich heimlich die Diäten". Erstens geht da überhaupt nichts heimlich, zweitens sind die Diäten von Abgeordneten (nur die kriegen "Diäten") noch bescheiden gemessen an dem, was Unternehmensbosse und Großaktionäre einstreichen - auch im Gesundheitswesen. Und letztere sind auch nicht abwählbar. Es bringt doch nichts, erst Volksvertreter zu wählen und sie dann zu beschimpfen.

  13. 1.

    Erst einmal vielen lieben Dank für Ihre Arbeit. Dieser gilt natürlich auch für alle anderen im Gesundheitssystem. Durch diese Krise werden die Baustellen deutlich. Hier zeigt sich klar, was die fabulierungen von Wettbewerb im Gesundheitsbereich wert sind, wenn es zur Sache geht. Das Gesundheitswesen gehört in öffentliche Hand, die Mitarbeiter müssen über BAT entlohnt werden, und die Bürgerversicherung ist zwingend einzuführen. Gesundheit darf kein Spekulationsobjekt sein. Und wer da meint von Planwirtschaft zu lamentieren, sollte sich einen Blick in unsere Nachbarschaft werfen wo dieses System praktiziert wird. Denen kann man vieles vorwerfen, aber bestimmt keine sozialistische Planwirtschaft.

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