Interview | Immunologe Leif Erik Sander - "Man sollte auch Kindern und Jugendlichen eine Impfung anbieten"

Ein Jugedlicher erhält in Madrid eine Corona-Impfung (Bild: imago images/Chema Moya)
Bild: Inforadio | 16.08.2021 | Leif Erik Sander | Bild: imago images/Chema Moya

Noch in dieser Woche will die Stiko ihre Impf-Empfehlung für Kinder ab zwölf Jahren überarbeiten. Womöglich auch deshalb, weil neue Daten aus den USA vorliegen. Diese legen eine Impfung nah, meint Charité-Experte Leif Erik Sander im rbb-Interview.

 

Berlin liegt aktuell bei einer Inzidenz von über 60, das heißt, nach den alten Regeln des vergangenen Winters und Frühjahrs müsste der Senat nun Maßnahmen einleiten, um diese Zahl wieder nach unten zu drücken. Doch inzwischen sind 55 Prozent der Menschen in Berlin vollständig geimpft. Wieviel das angesichts der Delta-Variante wert ist, was aus dem Inzidenzwert werden sollte und warum Impfungen für Kinder und Jugendliche Sinn machen könnten - darüber spricht Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Charité, mit Inforadio-Moderatorin Dörte Nath.

rbb: Herr Sander, wie bewerten Sie diese Inzidenz von über 60 in Berlin?

Leif Erik Sander:
Man muss sich jetzt vor allem die Trends ansehen. Wir sehen derzeit kontinuierlich steigende Inzidenzen. Natürlich kann man diese Zahlen jetzt nicht mehr eins zu eins übersetzen, wie das vor dem Start der Impfkampagne noch der Fall war oder zu Beginn, als noch sehr wenige Menschen geimpft waren. Natürlich haben wir jetzt große Teile der Bevölkerung schützen können durch eine Impfung.

Allerdings dürfen wir auch nicht vergessen: Es gibt natürlich noch einen erheblichen Teil von Ungeschützten, dazu zählen vor allen Dingen auch Kinder und Jugendliche. Und es gibt auch Menschen, die nicht gut auf die Impfung ansprechen. Hohe Inzidenzen werden auch wieder zu Krankenhausaufnahmen intensiv stationären Patienten führen. Und auch zu Todesfällen, das sehen wir auch.

Baden-Württemberg orientiert sich jetzt ganz offiziell nicht mehr an der Inzidenz, sondern an der Krankenhaus-Auslastung. Macht das Sinn?

Wenn man auf die Indizes schaut, wie viele Betten belegt sind und wie viele Intensivbetten, dann macht das natürlich Sinn, das zeichnet ein realistisches Bild der Lage. Andererseits kann man dann eben nicht sehr vorausschauend reagieren, weil so etwas mit einer gewissen zeitlichen Latenz auftritt. Bevor ein Patient auf der Intensivstation landet, vergehen meist zehn bis 14 Tage nach der Ansteckung. Und dann kann es sein, dass da schon eine große Welle kommt, die man dann nicht antizipiert.

Man muss auf verschiedene Indikatoren schauen, dabei vor allem auf die Trends. Wenn die steil nach oben gehen, dann musste man entsprechend reagieren. Wir wissen noch nicht ganz genau, wie das Verhältnis nachher sein wird, wie viele Infektionen es gibt und wie viele davon dann ins Krankenhaus müssen auf Grundlage der Impfquote. Das ist schwieriger zu kalkulieren, als es vorher war.

Jetzt sind wir ja mit der Zahl der vollständig Geimpften noch ziemlich weit entfernt von der Herdenimmunität. Mindestens 85 Prozent vollständig Geimpfte braucht man dafür, heißt es ja immer. Wenn sich jetzt aber mehr und mehr herausstellt, dass auch Geimpfte sich anstecken und das Virus weitertragen können - kann man dann eine Herdenimmunität überhaupt erreichen?

Die klassische Herdenimmunität im eigentlichen Sinne, dass dann der Erreger nicht mehr zirkulieren kann und vollständig eliminiert wird, das ist, glaube ich, nicht mehr erreichbar, weil dieses Virus anscheinend eben auch und bei Geimpften wieder zur Ansteckung führen kann und auch zur Weitergabe.

Was die Impfung weiterhin sehr gut gewährleistet, ist, dass die allermeisten Geimpften gar nicht krank werden und schon gar nicht schwer erkranken. Man darf auch nicht vergessen: Es gibt zwar Impfdurchbrüche, die sind aber relativ gesehen zu ungeimpften Menschen selten. Die Impfung hat einen Effekt, aber dieser Effekt kommt eben aufgrund der Delta-Variante erst dann zum Tragen, wenn sehr viel mehr Menschen geimpft sind.

Zu diesen Menschen gehören dann ja vielleicht auch Kinder und Jugendlichen über zwölf Jahren. Die Ständige Impfkommission (Stiko) wird voraussichtlich in dieser Woche ihre neue Empfehlung bekanntgeben. Wie bewerten Sie das?

Es ist tatsächlich so, dass Kinder und Jugendliche zum Glück seltener schwer erkranken durch dieses neue Coronavirus. Allerdings wissen wir noch nicht ganz genau, wie die Verläufe mit dieser Delta-Variante sind.

Es gibt Berichte aus den USA und anderen Ländern, dass es dort jetzt bei sehr hohen Infektionszahlen auch mit schwerkranken Kindern zu Krankenhaus-Einweisungen kommt. Es gibt also schon auch ein Potenzial dafür, dass auch Kinder schwer erkranken. Die amerikanischen Behörden verfolgen das sehr genau. Deren Auswertungen zeigen: Wenn man die Risiken einer Impfung vergleicht mit denen einer Infektion, dann sagen sie ganz klar, dass alles dafür spricht, auch Kindern und Jugendlichen eine Impfung anzubieten. Denn auch hier sind Langzeitfolgen einer Infektion vollkommen unklar. Von daher ist meine ganz persönliche Einschätzung die, dass man auch diese Altersgruppe impfen, beziehungsweise ihnen eine Impfung anbieten sollte.

Herr Sander, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Dörte Nath, Inforadio.

Sendung: Inforadio, 16. August 2021, 7:05 Uhr

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49 Kommentare

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  1. 49.

    Wenn es Corona nicht gibt oder recht harmlos ist, warum wollen Sie nicht die Kosten übernehmen. Erkennen Sie den Widerspruch?

  2. 44.

    Lieber Robroy,(Kommentar 36.)- daß diejenigen, die zur Zeit mit einem schweren Covid19-Verlauf in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen liegen meist Ungeimpfte sind,-
    und daß z.B. ein Herr, der die Intensivstation und Intubation überlebt hat,- was zu einem sehr hohen Prozentsatz nicht der Fall ist,- und der mit den Folgen der Erkrankung noch sehr,- und vielleicht für immer,- zu kämpfen hat und haben wird,- äußerte,- er wünschte er hätte sich impfen lassen, und ihm wären diese körperlichen und seelischen traumatischen Qualen erspart geblieben,- und daß dies kein Einzelfall wäre,-
    das konnte man z.B. aus den Nachrichten und Interviews der öffentlich-rechtlichen TV-Sender erfahren !-

  3. 43.

    Lieber Frank,(Kommentar 24.), - daß die Risiken schwerwiegender, langfristiger oder sogar dauerhafter Konsequenzen sowohl einer Covid19-Infektion, als auch einer Long-Covid-Erkrankung - sogar auch bei Jugendlichen - vielfältiger, häufiger und höher sind, als die Risiken einer Impfung, - erschließt sich einem, - sofern man interessiert und engagiert und fortlaufend (,- z.B. weil man "verwundbare" Menschen in der eigenen Familie hat, -) die Informationen der öffentlich-rechtlichen Medien, der diesbezüglichen Sondersendungen, sowie der immer wieder aktualisierten Stellungnahmen und Interviews der verantwortungsbewußtesten Wissenschaftler zur Kenntnis nimmt ! -
    Auch das die mRNA-Impfstoffe bereits seit längerem z.B. für die Krebstherapie erforscht werden,- und erfolgreich in der Ebola-Bekämpfung sind,- konnte man dort erfahren !-
    Ich habe den Eindruck Steffi gehört eher zu den informierten Eltern,- und entscheidet verantwortungsbewußt für ihr Kind !-

  4. 42.
    Antwort auf [SB] vom 16.08.2021 um 22:51

    Wenn es Corona nicht gibt oder recht harmlos ist, warum wollen Sie nicht die Kosten übernehmen. Erkennen Sie den Widerspruch?

  5. 41.
    Antwort auf [SB] vom 16.08.2021 um 22:51

    Machen wir erst einmal einen Anfang bei Corona. Bei Corona sind auch die wirtschaftlichen Folgekosten zu betraten, sollten wir diese auch auf die Ungeimpften verteilen?

  6. 40.

    Die Mehrheit der Komentare hier ist so unterirdisch schlecht, wie man es sich am Stammtisch der Bildungsfernen RTL-Kosumenten so vorstellt. Berufsmäßig switchen sie zwischen Bundestrainer und Chefvirologe hin und her. Anfangs habe ich mich ja noch über euch aufgeregt. Aber inzwischen brauche ich das als Erheiterung. Danke

  7. 39.

    Oma und Opa sind doch geimpft, da kann das Enkelkind sie nicht in dem.Tod treiben.
    Sollte ich Covid bekommen, trage ich diese Kosten gern selbst....wenn in Zukunft wirklich jeder seine Kosten selber trägt.
    Das heisst ich zahle keine fremden Impfungen, keine Abnehmkur und auch kein Alg2....das kann.msn weiterführen

  8. 38.

    Gute Idee hier noch eine alle nicht Geimpften sollten im Falle der Erkrankung die Kosten alleine tragen wer nichts für die Gesellschaft macht soll auch nicht auf Kosten anderer seinen Egoismus ausleben.

  9. 37.

    Ich kann 1 und 1 zusammen rechen und sogar lesen. Fragen sie einmal die im Krankenhaus jetzt liegen was sie von einer Impfung halten. Alle sagen hatte ich doch bloß nicht auf die Impf-Gegner und ihre falschen Worte gehört. Wenn Sie mir nicht glauben finden dazu Videos in Internet insbesondere den USA. Da es dort mehr Impf-Gegner gibt folglich auch mehr solcher Videos. Aber dies sind bestimmt für Sie nur arbeitslose Schauspieler oder haben anderer unsinnige Theorien parat.

  10. 36.

    Sie sind Oberärztin und an der Front? Oder woher haben Sie dieses Wissen?

  11. 35.

    Die Grundlagenforschung beruht auf Krebstherapien, nicht auf Covid 19 Erkrankungen. Die Umstellung auf Covid 19 Viren war ein Leichtes und wurde mit Millarden unterstützt. Sie glauben nicht um Ernst, dass man diese Millarden für Millionen Krebserkrankte ausgegeben hätte?

  12. 34.

    Ach ja - stimmt: wir vergessen ja leider immer, dass alle Eltern gleichermaßen gut informiert und auf demselben (hohen) Bildungsstand sind.

  13. 33.

    Werden dann Eltern von nicht geimpften Kindern die Tests an den Schulen selber zahlen müssen?

    Wieder ein Weg, mit dem die Politik den Druck auf die Eltern erhöhen wird

  14. 32.

    Genau richtig warten wir ab und lassen wir ein paar 10.000 Menschen an Corona streben, bis langzeiterprobter Impfstoff in 10 bis 20 Jahre da ist.

  15. 31.

    Klar wenn der Liebe kleine Oma und Opa angesteckt hat und diese Tot sind werden Sie auch den Sinn von Impfungen verstehen. Alle nicht Geimpften sollten im Falle der Erkrankung die Kosten alleine tragen wer nichts für die Gesellschaft macht soll auch nicht auf Kosten anderer seinen Egoismus ausleben.

  16. 30.

    Und genau zur richtigen Zeit wurde dazu eine Studie in der Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlicht:

    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/126121/Studie-Long-COVID-bei-Kindern-und-Jugendlichen-eher-selten

    “Kinder und Jugendliche erholen sich in der Regel innerhalb weniger Tage von einer Infektion mit SARS-CoV-2. Längere Erholungsphasen mit Residualsymptomen, auch als Long COVID bezeichnet, sind nach den Ergebnissen einer prospektiven Kohortenstudie in Lancet Child & Adolescent Health eher selten.“

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