Das Klinikum Ernst von Bergmann (Quelle: imago images/Eberhard Thonfeld )
Video: rbb24 | 18.04.2020 | Tim Jaeger | Bild: imago-images/Eberhard Thonfeld

Corona-Ausbruch in Potsdams größter Klinik - Leitung des Bergmann-Klinikums räumt Versäumnisse ein

Nach dem schweren Coronavirus-Ausbruch hat die Leitung des Ernst von Bergmann-Klinikum erstmals Versäumnisse eingeräumt: Die Entwicklung sei nicht ausreichend erkannt worden. Nun steht die Frage im Raum, wie viele der 37 Todesfälle hätten verhindert werden können?

Nach dem schweren Ausbruch von Corona-Infektionen mit zahlreichen Todesfällen im Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann hat die Klinikleitung erstmals Versäumnisse eingeräumt. "Im Zeitraum vom 13. bis 26. März ist im Klinikum Ernst von Bergmann eine kritische Entwicklung im Rahmen der Corona-Pandemie nicht ausreichend erkannt worden", teilte die Geschäftsführung am Samstag nach einer nichtöffentlichen Beratung im Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung mit.

"Dabei sind tatsächlich nachgewiesene und registrierte Infektionen bei einzelnen Mitarbeitern nicht in einen inhaltlichen Zusammenhang gebracht und tiefgreifend analysiert worden", hieß es in der Mitteilung weiter. Dies betreffe insbesondere die Abteilungen Nephrologie (Nierenkrankheiten), Urologie, Geriatrie und Allgemeinchirurgie. "Damit hätten im Rückblick unter Umständen noch fundiertere Entscheidungen getroffen werden können", räumte die
Klinikleitung ein. "Die Geschäftsführung bedauert dies sehr."

Nach Angaben der Stadt sind im EVB-Klinikum bislang 37 mit Covid-19 infizierte Patienten gestorben.

Potsdamer Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung

Inwiefern die Versäumnisse strafrechtlich relevant sind, prüft gegenwärtig die Potsdamer Staatsanwaltschaft. Man prüfe konkret die Aufnahme von Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Freitag den Potsdamer Neuesten Nachrichten. Eine entsprechende Strafanzeige hatte die deutsche Stiftung für Patientenschutz gestellt. Auch Potsdam Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hatte die Ermittlungsbehörde eingeschaltet, nachdem er Ordnungswidrigkeitenverfahren gegen drei Ärzte und die Geschäftsführung eingeleitet hatte. Hier lautet der Verdacht Organisationsverschulden.

"Wir haben für das Misstrauen des Gesundheitsamtes und des Oberbürgermeisters absolut Verständnis - auch für Verfügungen und Anordnungen", erklärte Klinik-Geschäftsführer Steffen Grebner am Samstag dazu. "Wir werden etwaige Versäumnisse - insbesondere im Zeitraum vom 13. bis 26. März - transparent aufarbeiten und aktiv informieren", versprach Grebner.

Klinikleitung lieferte bislang keine lückenlose Dokumentation

Am Freitagabend hatte Potsdams Oberbürgermeister bei einer Aufsichtsratssitzung den Druck auf die Geschäftsführung des Klinikums wegen fehlender Unterlagen erhöht. Die Klinikleitung hatte der Stadt daraufhin eine neue Dokumentation zu den Corona-Infektionen zugesagt, sagte Schubert am Samstag in einer Sondersitzung des Hauptausschusses. Die Stadt hatte erst nach Androhung von Zwangsgeld am Donnerstag eine Dokumentation von der Klinikleitung bekommen. Schubert hatte jedoch erklärt, diese sei nicht vollständig. So gehe aus der Liste nicht hervor, welcher Mediziner mit welchen Patienten zu tun gehabt habe. 

Dazu erklärte Schubert dem rbb-Magazin "Brandenburg aktuell" am Samstag: "Es wäre sicherlich gut gewesen, wenn wir diese Informationen zu Beginn des Verfahrens, also vor drei Wochen gehabt hätten. Es geht nicht bloß um die Frage: Wann reagiert man? Man hätte die Verunsicherung, die in der Öffentlichkeit entstanden ist, sicherlich anders miteinander besprechen können."

Am Dienstag werde sich der Aufsichtsrat erneut mit den Vorgängen in der Klinik befassen, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow. Für Mittwoch sei eine weitere Sitzung des Hauptausschusses anberaumt. Dabei soll es nach rbb-Informationen auch um die Frage gehen, ob es personelle Konsequenzen geben wird.

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34 Kommentare

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  1. 34.

    Es geht nicht um Fehler beim Pflegepersonal- die trotzdem nicht passieren sollten. Es geht um die Leitungsebenen, die auch das Pflegepersonal zu Leidtragenden machen. Und: nur weil Berlin oben steht, heißt das nichts. Könnte auch Potsdam oder ein anderer Ort dort stehen. Das sind doch Pseudonyme.
    .

  2. 33.

    Wenn für das aus Kommentar 26 - "Um die medizinische Versorgung der Kinder- und Jugendklinik weiter sicherzustellen, werden die dringend benötigten Ärzte und Pflegekräfte der Kinderklinik nicht vorsorglich unter Quarantäne gestellt" - die Gesundheitsbeigeordnete und die Amtsärztin der Stadt Potsdam glich mit zur Verantwortung gezogen werden, würde ich mich tierisch freuen.

    Was ich dem Oberbürgermeister vorwerfen kann, weiß ich nicht so genau. Aber wenn ihm jemand die Ohren langziehen möchte... bitte... ich werde nicht dazwischen gehen.

  3. 32.

    Es gibt nur eine vernünftige und zielführende Lösung: Die ganze Führungsseilschaft (früher hieß das wohl Kader), bestehend aus Verwaltung und (Chef-, Ober-) Ärzten gegen eine kompetente Mannschaft aus den alten Bundesländern austauschen. Den Bürgermeister gleich mit!

  4. 31.

    Warum nennen Sie nicht auch den Oberbürgermeister Mike Schubert ? Anstatt seiner Verantwortung in Potsdam nachzukommen tingelte Mike Schubert lieber im Ausland umher.

  5. 30.

    Und wer ist für die hunderten von Überlastungsanzeigen in erster Linie zuständig? Die Geschäftsleitung und die vorgesetzten Ärzte? Mensch, da versucht Potsdam ja ausnahmsweise mal die richtigen zur Verantwortung zu ziehen.



  6. 29.

    Aus einem Volk von Bundestrainern ist in kürzester Zeit ein Volk von Medizinalräten geworden. Beachtliche Leistung. Respekt.

  7. 28.

    Bitte den Artikel "schwarze Station" im Spiegel Nr. 17/18.4.2020 lesen, Jonathan Stock und Maurice Weiss waren in der Klinik und haben sehr objektiv berichtet. Ich finde die Berichterstattung von pnn und rbb und die Handlung von dem Bürgemeister mehr als enttäuschend.

  8. 27.

    Ja, und es kann nicht genug Beifall geben. Hunderte von Mitarbeitern im EvB haben schon 2018/19 Überlastungsanzeigen gestellt.
    Wenn Kkinikpersonal streikt schaut die Bevölkerung schon komisch. Hätten die Mitarbeiter alle kündigen sollen? Dann wäre die Klinik zu. Maul aufmachen interessiert leider NIEMANDEN, bis er Tote gibt.
    Corona deckt nun viele Missstände auf ... Kliniken, Pflege, Schulen, Handel ... es wird Zeit. Traurig für die, die in diesem Zusammenhang ihr Leben und ihre Gesundheit lassen müssen.

  9. 26.

    Die einzige fragwürdige Entscheidung am EVB war 20 infizierte Ärzte und Pfleger weiterarbeiten zu lassen. Die Entscheidung wurde öffentlich verbreitet. Niemand aus Politik und Gesundheitsamt kann behaupten, er hätte nichts gewusst. https://www.bz-berlin.de/berlin/umland/zweijaehriges-kind-aus-berlin-mit-coronavirus-in-potsdamer-klinik

    Es ist eine Schande jetzt auf die Klinikleitung zu zeigen nachdem es von allen toleriert wurde

  10. 25.

    "jahrelange Sparerei in den Kliniken" stimmt nicht ganz so. Beim Pflegepersonal wurde gespart und Ärzte bekommen überproportional seit Jahren mehr. Der Zusammenhang wird leider gerne verschleiert. Es ist auch zu hinterfragen wie es sein kann das Medizin beinah kostenlos studiert werden kann und dann viele ins Ausland gehen. Ein Medizinstudium kostet so etwa 200.000 Euro dem Steuerzahler.

  11. 24.

    Soweit mir bekannt war der Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert schon Tage zuvor über die kritische Lage in der Potsdamer Ernst von Bergmann Klinik informiert worden. Der Aufnahmestopp wurde erst am Mittwoch den 1. April veranlasst. Das Potsdamer Rathaus mit Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert hat das Sagen im Aufsichtsrat. Die Schuldzuweisungen des Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert lenkt nur vom eignen Fehlverhalten der Politik ab. Die Rücktrittsforderungen an die Geschäftsleitung des Krankenhauses sind nicht angebracht in der Lage. Ein Krankenhauses ohne Geschäftsleitung geht gar nicht. Ein Rücktritt des Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert ist überfällig. Ministerien Golze oder Horst Gramlich wurde für weit weniger abgelöst. Aus falsch verstandener Parteitreue wird noch an Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert festgehalten. Die Politikverdrossenheit wird zunehmen dadurch. Glücklicher gibt schon einige die scheinbar auf Distanz zu Mike Schubert .....

  12. 23.

    Zu "jahrelange Sparerei in den Kliniken" - Wenn die Mitarbeiter des Klinikums nachdem sie auf der Toilette waren keine Zeit haben, sich ihre Hände zu waschen, sollen sie gefälligst ihr Maul aufmachen. Stattdessen bekommen sie hier Beifall, unter was für harten Bedingungen sie aufgrund der ganzen Sparerei doch arbeiten müssen.

  13. 22.

    Tolle Feststellung.... "Mediengedöns, oh Gott wie viele mussten da jetzt sterben"... Tatsächlich gehört selbst das zu den bisher unbeantwortet gebliebenen Fragen. Wie viele an Corona gestorbene Patienten haben sich aller Wahrscheinlichkeit im Krankenhaus angesteckt und wie viele wurden bereits aufgrund einer Infizierung eingeliefert. Und für diese recht einfache Frage hatte das Klinikum mehr als 14 Tage Zeit und nicht mal das können sie beantworten.

    "Bei einer derartigen öffentlichen Hysterie werden sich andere Kliniken schwer tun, ihr Personal zu testen..." Ist ja wohl ein schlechter Witz. Auf die Idee kam das Klinikum doch nicht als Samariter. Nachdem sie nicht mehr durchgesehen haben, wo die ganzen infizierten Patienten herkamen, war das der letzte Strohalm.

  14. 21.

    Rücktritt der Geschäftsleitung wäre richtig!

  15. 20.

    Ich finde halt den Aktionismus, die Patienten wild von A nach B zu verlegen, ohne alles zu dokumentieren, tödlich im Falle von Seuchen (MRSA, Corona, Rota und Noro...). Heutzutage muss alles rückverfolgbar sein, auch wer mit wem in Kontakt trat, und wann, und wer entlassen wurde und wohin. Das war aber schon seit Anfang März bekannt, also in der Trompete ein paar Jungs beeinander standen. Da kann nicht das EvB Ende März kommen und nix davon wissen...

    War das 2jährige Kind mit Corona der Anfang, oder brachte es ein Pfleger mit oder ein Doc? Ist am Schluss egal, aber wie bei Läusen: Hauptsache, es wird nicht weiterverteilt...

    Wenn es nicht so tragisch wäre, mit so vielen Toten, könnte man ja sagen "shit happens", aber da ist mehr passiert....

    Und ganz Potsdam-Mittelmark ist (neben Potsdam) nun auch verseucht. Danke dafür.

  16. 19.

    Wer sagt denn, dass die Ansteckung von einem Patienten ausging?
    Personal wurde lange nicht getestet, ggf. erst, wenn es Symthome hatte.
    Scheinbar ist Corona doch viel ansteckender als MRSA.
    Neueste Studie heute aus Kalifornien ergab, dass dort auf jeden Corona Erkrankten mit Symthomen bis zu 80 Angesteckte ohne Beschwerden kommen. Wen vom arbeitenden Personal will man denn da verantwortlich machen?

    Aber ... der Fisch stinkt immer vom Kopf ...

  17. 18.

    Stimme 100 prozentig zu....hinterher können immer alle klugen Rat geben

  18. 17.

    Aufklärung halte ich ebenfalls für wichtig. Nur halte ich es für völlig verfehlt jetzt vorzuverurteilen. Es ist eine absolute Ausnahmesituation. Dass sich im Rückblick manche Entscheidungen als falsch herausstellen, führt nicht dazu, dass es sich zwingend um Fehler der Ärzte oder der Geschäftsführung handelt. Die Geschäftsführung und die Ärzte nun ohne jegliche Anhaltspunkte der fahrlässigen Tötung zu bezichtigen, wie es die Stiftung Deutscher Patientenschutz tut, finde ich katastrophal. Denn wie schon gesagt: Wer im Februar die jetzige Situation gekannt hätte, hätte damalige Entscheidungen anders getroffen (Beispiel Karneval). Das führt aber nicht dazu, dass jeder Veranstalter einer Karnevalsfeier Anfang Februar ein Fall für die Staatsanwaltschaft ist. Aufklärung muss sein - jedoch sachlich. Das was derzeit geschieht gleicht einer Hexenjagd. Das Gesundheitsamt hat das Klinikum zum Abschuss freigegeben, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen.

  19. 16.

    Alles klingt toll. Was aber passiert nun mit den Verantwortlichen??? Beförderung???

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