Ravekultur Retten! Wasserdemo - Rebellion der Träumer, vor dem Urbankrankenhaus in Berlin Kreuzberg
Bild: Eventpress Porikys/dpa

Regeln zur Virus-Eindämmung missachtet - Scharfe Kritik an Corona-Demo auf dem Landwehrkanal

Mit ein paar Booten wollten Fans der Berliner Rave-Kultur am Sonntag für den Erhalt der corona-gebeutelten Clubs demonstrieren. Am Ende versammelten sich aber viel mehr Menschen - dicht beieinander und meist ohne Mundschutz. Nun hagelt es Kritik.

Nach einer Boots-Demonstration zu Pfingsten auf dem Berliner Landwehrkanal mit bis zu 400 Booten ist der Veranstalter "Rebellion der Träumer" massiv in die Kritik geraten. Die Versammlung "Für die Kultur - Alle in einem Boot" war von der Spree über den Landwehrkanal nach Kreuzberg gezogen. Laut Veranstalter sollte unter anderem auf die Bedrohung der Club-Kultur aufmerksam gemacht werden. Allerdings nahmen statt der angemeldeten 100 Personen rund 3.000 teil, oftmals ohne Mundschutz und ohne den Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten.

Polizei setzte auf Deseskalation

Laut Polizei wurde die Demo vom Veranstalter aufgelöst.  Dieser habe die Teilnehmenden zunächst mehrmals aufgefordert, die Abstände einzuhalten. Das aber habe nicht geklappt - der große Andrang habe den Veranstalter offenbar überfordert, sagte eine Polizeisprecherin am Dienstag auf Nachfrage des rbb. "Aufgrund der nicht eingehaltenen Abstände zueinander und von Beschwerden über zu laute Musik, beendete der Anmelder nach einem Gespräch mit der Polizei seine Versammlung gegen 17.35 Uhr", so die Polizei. Allerdings habe es bis 21 Uhr gedauert, den Landwehrkanal und das Ufer zu räumen.

Anders als bei den Corona-Demonstrationen am Samstag wurden laut Polizei keine Ordnungswidrigkeiten festgestellt oder Strafanzeigen gestellt. Das geschehe nur, wenn Personen "den Anweisungen der Polizei nicht folgt", so die Polizeisprecherin, "vor allem, wenn man sich gar nicht einsichtig zeigt". Die Beamten seien bemüht, "Augenmaß und Fingerspitzengefühl" zu zeigen. So habe es vor allem auf dem Landwehrkanal einfach lange gedauert, bis die Paddel- und Schlauchboote wegbewegt werden konnten.

Der Bußgeldkatalog zur Eindämmungsverordnung gilt weiterhin, hatte Innensenator Andreas Geisel (SPD) vergangene Woche deutlich gemacht. Kritik des Verfassungsgerichts sei umgesetzt und die entsprechenenden Paragraphen soprachlich angepasst worden, so Geisel. In Berlin drohen bei Verstößen gegen die Corona-Auflagen bis zu 25.000 Euro Bußgeld.

Clubcommission kritisiert Veranstalter

Die Berliner Clubcommission distanzierte sich von der Demo und rief die Teilnehmer auf, vorübergehend weniger Menschen zu treffen. "Um das Risiko einer Ausbreitung einer möglichen Infektion zu unterbinden, bitten wir alle Teilnehmer*Innen der Demo ihre sozialen Kontakte in den nächsten 14 Tagen auf ein Minimum einzuschränken - insbesondere beim Umgang mit älteren oder kranken Menschen", teilte das Gremium in sozialen Medien mit.

Die Veranstalter hätten "zweifellos gute Intentionen" gehabt, hieß es im Statement der Clubcommission. "Boote mit Beschallung und Redebeiträgen auf dem Wasser - und das lange Spreeufer sollte dazu dienen, dass die Teilnehmer*Innen ausreichend Abstand halten können."
Leider sei der Plan nicht aufgegangen und es seien deutlich mehr Menschen gewesen als erwartet. Die Demo stehe im Kontrast zu ihren Bemühungen, im Rahmen ihrer "United We Stream"-Kampagne Bewusstsein zu schaffen und Social Distancing einzuhalten, hieß es.

Kalayci: "Grob fahrlässig"

Scharfe Kritik kam auch von Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). "Ich bin entsetzt über die Bilder vom Wochenende", teilte Kalayci am Dienstag mit. "Die Partyszene und die Clubs waren die Hotspots in Berlin zu Beginn der Ausbreitung des Coronavirus. Es war richtig und wichtig diese frühzeitig zu schließen, um die schnelle und unkontrollierte Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern." Kalayci bat um Verständnis für die schwierige wirtschaftliche Lage der Clubs. "Dafür gibt es finanzielle Hilfen. Aber das, was am Wochenende auf dem Landwehrkanal passierte, ist in Pandemiezeiten grob fahrlässig."

Clubs hätten die Möglichkeit, finanzielle Hilfe von Land und Bund zu beantragen. "Ich habe es am Anfang der Pandemie gesagt und sage es heute, es ist nicht die Zeit für Partys", so Kalayci. "Das Virus ist nach wie vor da und eine Gefahr für die Gesundheit aller Menschen!"

Kritik auch von der Bezirksbürgermeisterin

Auch die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne) kritisierte die Demo-Teilnehmer. Der Urbanhafen biete sich "grundsätzlich nicht an" für solche Aktionen, schrieb Herrmann auf Twitter. "Dort ist nämlich ein Krankenhaus, in dem Menschen auch um ihr Leben kämpfen und da finde ich derartige Partys einfach unangebracht."

Kalayci wies darauf hin, dass die Corona-Ampel des Senats am Dienstag erneut auf rot springen könnte. Die Reproduktionszahl, die die Ausbreitung des Virus anzeigt, habe in den vergangenen beiden Tagen über dem Grenzwert 1,2 gelegen. Kommt ein dritter Tag hinzu, springt eiine der drei Ampeln auf rot. Sind zwei von drei Ampeln rot, will der Senat Lockerungen zurücknehmen. "Riskieren wir nicht die erreichte Eindämmung des Virus", appellierte Kalayci, "riskieren wir nicht aufs Gefährlichste unsere Gesundheit und letztlich unsere Freiheiten, halten wir uns alle an Abstands- und Hygieneregeln und tragen Mund-Nasen-Bedeckung."

Florian Kluckert, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, kommentierte: "Die Veranstaltung zeigte deutlich, dass die Politik wohl kaum verantworten kann Clubs wieder zu öffnen, solange die Besucher zu Eigenverantwortung weder bereit noch in der Lage sind." Er kritisierte zugleich den Senat: Dieser erlasse Verordnungen, "an die sich viele dann nicht halten und auch keine Konsequenzen zu befürchten haben".

Veranstalter bitten um Entschuldigung

Auf Facebook räumten die Veranstalter am Montag ein, Fehler gemacht zu haben. Man sei "überwältigt von der breiten Unterstützung" gewesen, man hätte für "ein umfassenderes Sicherheitskonzept, auch in Zusammenarbeit mit den Behörden" sorgen müssen. "Wofür wir uns ganz deutlich Entschuldigen möchten, ist der mehr als schlecht gewählte und symbolisch völlig unangemessen Demo-Endpunkt vor einem Krankenhaus", heißt es weiter. "Das hätten wir und die anderen beteiligten Akteure besser machen müssen. Dies tut uns leid und dafür möchten wir uns aufrichtig entschuldigen."

An der Forderung, dass Berlins Musikclubs in der Coronakrise mehr Hilfe benötigen, halte man jedoch fest. "Wir fordern eine offene Debatte darüber, wie Vermögende von Amazon bis Immobilienwirtschaft an den Kosten der Krise beteiligt werden können."

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74 Kommentare

  1. 74.

    Sie vielleicht. Ich nicht, wie auch schon andere für sich angemerkt haben. Auf die negativen Auswirkungen dadurch kann ich gut verzichten. Und auf die Clubs sowieso. Von der Love-Parade werden wir ja zum Glück schon verschont.

  2. 73.

    So ist es. Ich verstehe nicht, warum so viele das nicht verstehen. Jetzt sieht man, dass die 2 Wochen Schlappheit nach der Virusgrippe, die wir immer schlimm fanden, ein Klacks sind gegen das, was bei schweren Verläufen passiert. Wenn das Geschehen nicht unter Kontrolle bleibt, braucht Berlin die Messeklinik vielleicht nicht gerade für Covid-erkrankte sondern für die Dialyse derer, die es gerade noch do überstanden haben. Soviele Dialysekapazitäten hat Berlin nämlich auch nicht und die Senatsverwaltung Gesundheit weiß das und denkt das mit. Die sind klüger als mancher oberflächlich denkt.

  3. 72.

    Schön, dass die sogenannten Demonstrieren ihren ganzen Müll und Dreck liegengelassen haben. Da wird einem doch das Herz warm.

  4. 71.

    Also bei Ihrer Einstellung fehlen mir die Worte. Ich glaube manche Berliner haben echt langeweile und brauchen ne Beschäftigung. Vielleicht sollten sie mal beim Senat nachfragen ob sie in den Krankenhäusern, Arztpraxen aushelfen können. Weil diese die Hilfe bald dringend nötig haben wenn es solche egoistischen Demos gibt. Mal ein bisschen Köpfchen anschalten, das hilft manchmal.

  5. 70.

    Ja das sehe ich auch so obwohl ich kein Arzt bin. Aus dem Bekanntenkreis sind 2 vorher gesunde junge Menschen erkrankt. Eine hat nach Wochen immernoch damit zu tun und der andere muss zur Dialyse. Beide vorher kerngesund. Und angesteckt weil jemand mit Erkältungsympthomen arbeiten gegangen ist. Man sollte auch weiterhin Respekt vor der Erkrankung haben und auch Rücksicht auf die Menschen nehmen den ihre Gesundheit am Herzen liegt. Diese paar Hygieneregeln tun niemanden weh... ein bisschen Abstand und einen Mundschutz... so schwer ist das doch nicht.

  6. 69.

    Glaubt irgendwer daran, dass diese Leute ihre Sozialkontakte einschränken werden, bei diesem Verhalten? Wer sich an den Ding beteiligt hat, dem sind die anderen Leute herzlich egal. Da ging es allem Anschein nach nur um das eigenee Ego.

  7. 68.

    Hoffen wir das Beste.
    Wer sich aber draußen so verhält,passt ja ggf. Indoor auch nicht besonders auf. Ist einfach mal das völlig falsche Signal und nicht umsonst wurden die Teilnehmer/innen nachträglich vom Veranstalter aufgefordert,in den kommenden 14 Tagen ihre Sozialkontakte auf ein Minimum zu beschränken.

  8. 67.

    " es gab Abstand, " sieht auf dem Bild so aus , aber die Gespräche werden sicher lautstark gewesen sein und damit kommen wieder die bösen Arosole ins Spiel , bleibt zu hoffen, dass es keine Infektionen gegeben hat

  9. 66.

    Sie haben völlig Recht , ganz besonders mit dem Begriff " Genesene " , viele werden das gleichsetzen mit " wieder gesund " , tatasächlich heißt es aber nur : sind nicht an Covid gestorben...

  10. 65.

    Meine Kritik bezog sich auf den Vergleich der Kommentatorin zwischen den Demos in den USA und der Clubdemo in Berlin. In den USA gelten andere Vorschriften als bei uns, insofern kann der Bezug zur Corona-Eindämmung nicht greifen. Bitte die Kommentare richtig lesen.

  11. 64.

    1. Die Polizei hätte Personalien aufnehmen können. Leider sieht man auch an diesem Beispiel die Kapitulation des Rechtsstaates. Das Ordnungamt müsste nur mit Strafzetteln durch die Stadt. Überall Verstöße. Und die Kassen würden sich füllen. Aber nichts passiert. Das ist doch pures Versagen. Klar, dass jeder macht was er will.
    2. Rein virentechnisch sehe ich jedoch keine große Gefahr. Die Pärchen in den Booten kannten sich vermutlich eh. Außerdem können Boote nicht oft den Platz wechseln. Also viele Personen sind sich nie begegnet.

  12. 61.

    Ohne Strafen passiert nichts ist halt so!

  13. 59.

    Die Ergänzungen in § 1 hatte ich zwar gesehen, aber die waren bisher in anderen Paragrafen, also bei den konkreten Nutzungen, bisher eigentlich auch schon enthalten. Deshalb dürfte das eigentlich nicht gemeint sein, meine ich jedenfalls. Mal sehen...

  14. 58.

    Die Clubcomission macht es sich sehr einfach, indem sie sich von der ausufernden und gegen die Coronaregeln verstoßende Demonstration distanzieren. Sie hatten es in der Hand, die Demo abzubrechen. Warum werden sie nicht zur Rechenschaft gezogen? Wozu gibt es staatlich verordnete Regeln, wenn bei Verstößen keine Konsequenzen erfolgen? Was ist das für ein staatliches Nichthandeln?

  15. 57.

    Ich weiß wirklich nicht was es hier zu meckern gibt. Jede Gruppe hatte ihr eigenes Bötchen, es gab Abstand, gute Stimmung und es fand draußen statt. Also alles bestens, außer natürlich für Dauernörgler.

  16. 56.

    Unvernuft und Rücksichtslos!!! Aber es sind Wenige. Ich verstehe die Kommentatoren auf dieser Seite nicht, die das gut finden. Vielleicht waren sie selber dabei.

  17. 55.

    Wie dumm und egoistische müssen manche Menschen sein.
    Besonders der Veranstalter, war doch klar das sich in Berlin genügend Berufsdemonstrirer finden.

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