Studentinnen mit Mund-Nasen-Schutz sitzen in einem Hörsaal einer Universität (Quelle: dpa/Alexandra Wey)
Audio: Inforadio | 24.09.2020 | Lena Petersen | Bild: dpa/Alexandra Wey

Vor dem Start des Wintersemesters - So bereiten sich die Berliner Unis auf das Hybridsemester vor

Anfang November startet das Hybridsemester. Studierende kommen zum Teil in die Unis. Zum Teil besuchen sie Seminare und Vorlesungen online von zu Hause aus. Das wird für Studierende und Lehrpersonal eine logistische Herausforderung. Von Lena Petersen

Gabriel Tiedje studiert Wissenschafts- und Technikgeschichte an der Technischen Universität in Berlin-Tiergarten. Der 29-Jährige ist Mitglied des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) und hofft, dass die Studierenden im Wintersemester nicht zu kurz kommen. "Es kann sein, dass das alles hervorragend läuft, und die Uni das mit der Taktung von den Räumen und dazwischen Saubermachen organisiert bekommt. Oder es wird halt irgendwie im Chaos enden. Da bin ich gespannt."

Das an der TU Berlin alles coronakonform abläuft, muss Vizepräsident Hans-Ulrich Heiß mitverantworten. Wie an allen Hochschulen in Berlin und Brandenburg sollen vor allem die Erstsemester in die Uni kommen. "Die Vorstellung, dass ich da jetzt in eine neue Universität an einem neuen Ort komme und irgendwie auf mein Studi-Zimmer reduziert bin, die war also auch für alle Lehrenden hier ein Horror. Deswegen haben wir uns entschlossen, in jedem Studiengang eine Pflichtlehrveranstaltung des ersten Semesters auf jeden Fall in Präsenz durchzuführen."

Auch in den Laboren soll es vor Ort Seminare geben. Kritik kommt von den Berliner Studierenden. Auch unter den Erstsemestlern gebe es Risikopatienten. Wäre der Studienanfang auch online in den Heimatorten möglich, müssten nicht tausende Neuankömmlinge während der Pandemie eine Wohnung suchen.

Insgesamt 90 Prozent der Lehre verlagert die TU Berlin ins Netz. Die Räume werden technisch ausgerüstet, damit Studierende streamen können. "Wir wollen auch den Remote-Studierenden, die im Ausland vielleicht fest sitzen, die Möglichkeit geben, teilnehmen zu können", erklärt Heiß.

Schauspielunterricht in der Bar jeder Vernunft

Die Universität der Künste (UdK) will dagegen stärker auf die Anwesenheit der Studierenden statt auf Online-Lehre setzen. Damit sich die Schauspiel- und Musikstudierenden nicht zu nahe kommen, braucht die UdK mehr Platz, sagt Präsident Norbert Palz. Gesang, Schauspiel, Musik, Tanz – an allen 18 Standorten, wo es kreativ und spontan zugeht, müssen die Studierenden jetzt auf Hygiene achten. "Wir versuchen aber für jeden Raum eine individuelle Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen: was für Lünftungszyklen möglich sind und ob es eine mechanische Belüftung gibt", erklärt Palz.

Man werde auch CO2-Ampeln einsetzen, um die Luftqualität zu überpüfen. Damit sich die Studierenden nicht zu nahe kommen, braucht die UdK mehr Platz. Architekt Palz ist momentan auf der Suche. "Ich habe verschiedene Berliner Institutionen, Theater und auch Hotels angeschrieben und darum gebeten, ob sie noch zusätzliche Räume, Ballsäle oder Bankettsäle haben, die wir mit benutzen können." So hat die Bar jeder Vernunft einen Raum für die Schauspielstudierenden zur Verfügung gestellt.

Raumkonzepte und realistische Stundenpläne

Die Hochschulen müssen nicht nur Raumkonzepte erarbeiten, sondern auch realistische Stundenpläne. Das sei schwierig, sagt der Studiendekan der lebenswissenschaftlichen Fakultät an der Humboldt-Universität, Rüdiger Krahe. Zum Teil liegen zwischen Online-und Offline-Seminaren nur 30 Minuten. "Das wird vielen Studierenden nicht reichen, um nach Hause zu kommen. Die Humboldt-Universität investiert gerade darin, auch in den Bibliotheken Arbeitsplätze einzurichten, um dort dann auch möglicherweise an Vorlesungen teilnehmen zu können." Krahe weiß aber, dass das nicht reichen wird, um die große Masse der Studierenden aufzufangen. Auch Labore lassen sich nicht durch Videokonferenzen ergänzen. Deshalb weisen jetzt auf dem Fußboden Pfeile aus schwarz-gelben Klebeband die Laufrichtung. Statt 30 dürfen hier nur noch bis zu zwölf Studierende forschen.

"Detailplanung kann Senat nicht leisten"

Neben den Details muss auch das Grundsätzliche geklärt sein. Was bei einer bestimmten Infektionsdynamik zu tun ist, darüber hat sich in Berlin die sogenannte Corona-Taskforce ausgetauscht - ein Zusammenschluss der Senatskanzlei, Wissenschaft und Forschung, sämtlichen Hochschulen, Fachhochschulen, Instituten und dem Studierendenwerk. Ein gemeinsam mit der Charité entwickelter Stufenplan soll Orientierung geben. Er dient als Fahrplan für das Hybridsemester mit seiner Mischung aus Online-Lehre und Präsenz. "Es ist sinnvoll, dass ein paar Rahmenbedingungen gesetzt sind, aber gerade wenn es um die Lehre geht, brauchen wir eine Detailplanung, die der Berliner Senat nicht leisten kann", sagt Rüdiger Krahe. Diese könnten nicht für alle Veranstaltungen gleichermaßen gelten.

Der TU-Student Gabriel Tiedje fürchtet, dass während des Hybridsemesters mehr junge Leute als sonst ihr Studium abbrechen. Sein Appell an die Hochschulen: Sie müssten sich jetzt für den richtigen Umgang mit den bevorstehenden Schwierigkeiten entscheiden. Dabei sei eine ehrliche Kommunikation wichtig, so der 29-Jährige. Tietje sagt, er glaube allerdings, dass viele Universitäten eher ein "Heile-Welt-Bild" vor sich hertragen.

Was Sie jetzt wissen müssen

Beitrag von Lena Petersen

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren