Interview | Beherbergungsverbot - "Die einfachen Basisregeln konsequent umsetzen - das ist das Entscheidende"

Di 13.10.20 | 17:54 Uhr
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Beherbergungsverbot, Collage dpa/Fotostand
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Audio: Radioeins | 13.10.2020 | Interview mit Jonas Schmidt-Chanasit | Bild: dpa/Fotostand Download (mp3, 6 MB)

Das Beherbergungsverbot sorgt für Uneinigkeit. Nicht nur in der Bevölkerung, auch in Politik und der Wissenschaft ist die Maßnahme höchst umstritten. Wichtiger sei es, bestehende Basisregeln umzusetzen, sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit.

rbb: Herr Schmidt-Chanasit, ein Land wie Mecklenburg-Vorpommern hatte in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner knapp acht positive Tests, Berlin-Neukölln circa 171 (Stand 13.10.2020). Ist es angesichts dieser Zahl nicht nachvollziehbar, dass Mecklenburg zurzeit keine Neuköllner bei sich haben möchte und ein Beherbergungsverbot verhängt?

Jonas Schmidt-Chanasit: Die Frage ist, wie viele infizierte Neuköllner nach Greifswald fahren? Wir haben in der Vergangenheit keine Superspreading-Events von Neuköllnern in Greifswald gesehen. Insofern bin ich eigentlich zuversichtlich, dass dieser Reiseverkehr, gerade auch von Familien, eben nicht dazu führt, dass wir hier ein massives Ausbruchsgeschehen in Mecklenburg-Vorpommern haben.

Sollte das Beherbergungsverbot innerhalb Deutschlands also wieder aufgehoben werden?

Ja, weil es auch gar nicht durchsetzbar ist. Die Situation ist so dynamisch, und der nachgeschaltete Apparat - also die Testungen, die Verfolgungen, und wer das überprüfen muss - ist gar nicht so flexibel, um so schnell darauf zu reagieren. Es lässt sich einfach nicht realistisch umsetzen. Ganz abgesehen von den Problemen, die dadurch erzeugt werden, dass man natürlich Testkapazitäten wegnimmt von den Menschen und den Personengruppen, die wirklich auf diese Teste angewiesen sind. Von den Kosten ganz zu schweigen, die Familien tragen müssen, die mal zwei Wochen irgendwie in ihr Haus an der Ostsee wollen. Da muss eine vierköpfige Familie jetzt 500 oder 600 Euro zahlen. Das ist natürlich fernab jeder Realität.

Als Politikerin oder Politiker kann man angesichts steigender Zahlen nicht einfach gar nichts tun. Was sollte denn jetzt entschieden werden?

Es ist ja bereits sehr viel entschieden worden. Wir haben grundlegende Maßnahmen, und die müssen mal durchgesetzt werden. Das ist doch der entscheidende Punkt, wo man hin muss. Die Regelung, die Familienfeiern zu begrenzen, ist etwa sehr zielgerichtet und sehr verhältnismäßig gewesen. Das muss jetzt einfach auch umgesetzt werden, gerade in Neukölln, in Friedrichshain oder Kreuzberg. Da braucht man eben zusätzliche Kapazitäten. An dem Punkt muss man arbeiten und nicht an dem Punkt zu verhindern, dass die vierköpfige Familie in ihr Ferienhaus in Greifswald fährt. Denn mit diesem Verwirrspiel und diesem Irrsinn an Regeln, gerade was das Beherbergungsverbot betrifft, wird man letztlich das Vertrauen in der Bevölkerung verspielen. Und das ist gerade das Wichtige.

Was hilft?

Eine Rückbesinnung auf die einfachen Basisregeln, die uns in der letzten Zeit sehr gut durch diese Pandemie getragen haben: also AHA plus L – das Lüften ist noch hinzugekommen. Dass das konsequent umgesetzt wird, ist das Entscheidende. Es ist nicht plötzlich ein Raumschiff gelandet, wo wir jetzt eine völlig neue Situation haben, überhaupt gar nicht. Die Infektionen entstehen genauso wie eben vor wenigen Monaten oder Wochen auch. Nur, dass es eben viel mehr sind. Und insofern muss noch viel stärker darauf geachtet werden, dass die bestehenden Regeln durchgesetzt werden.

Immer wieder wird in diesen Tagen gefordert, nicht nur auf die Infektionszahlen zu schauen, denn die Krankenhäuser sind noch immer weit von einer Überlastung entfernt. Wonach sollen wir uns richten, welches ist Ihre Empfehlung?

Es wird nicht nur auf die Test-positiven-Zahlen geschaut, die anderen Zahlen werden natürlich auch berücksichtigt: Der R-Faktor oder eben auch die Auslastung der Intensivstationen, Hospitalisierung. Das alles wird immer auch in Betracht gezogen. Nur medial wird es zum Teil doch ein bisschen anders dargestellt. Diese Ampellösung, die es auch in Berlin gibt und die man jetzt bundesweit diskutiert, ist durchaus eine gute Lösung. Der Bürger sieht gleich auf den ersten Blick: Okay, wie ist die Situation in meiner Region? Und die muss natürlich auch regional sein, weil es eben genau die angesprochenen Unterschiede zwischen Mecklenburg und Neukölln gibt

Sie haben mal gesagt, dass die aktuelle Situation auf den Intensivstationen das Geschehen von vor vier Wochen abbildet, weil es von der Ansteckung bis hin zu dramatischen Folgen beim Patienten Wochen dauert. Wenn es auf den Intensivstationen voll wird, ist es dann zu spät, weil wir dann vier Wochen lang im Chaos versinken?

Das ist jetzt sehr dramatisch: "im Chaos versinken" und "zu spät". Man kann immer reagieren. Der entscheidende Punkt ist, wann wir bestimmte Maßnahmen verstärken sollten oder verstärkt darauf achten, dass sie auch umgesetzt werden. Es ist nicht die Zeit dafür, mit 600 Leuten große Hochzeitsfeiern zu feiern. Und es ist auch nicht die Zeit dafür, massenhaft illegale Partys abzuhalten. Das ist der springende Punkt. Da müssen wir uns nicht irgendwas Neues ausdenken. Wir brauchen kein Beherbergungsverbot oder sonstige Sperenzchen. Sondern: Da, wo die Infektionen entstehen, muss letztendlich eingegriffen werden. Dann haben wir auch nicht irgendwann das Problem, dass die Intensivstation mit Patienten überlaufen.

Mit dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit sprach Marco Seiffert für Radioeins. Der Beitrag ist eine redaktionell bearbeitete Version des Hörfunkinterviews. Dieses können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Header des Beitrags nachhören.

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