Interview | JVA Tegel im Lockdown - "Das Käfig-Dasein lässt sich nicht mehr wegträumen"

Mi 19.01.22 | 14:34 Uhr | Von Efthymis Angeloudis
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Ein Flur in der Justizvollzugsanstalt Tegel in Berlin (Quelle: dpa/Tim Brakemeier)
Bild: dpa/Tim Brakemeier

Nach mehreren Corona-Ausbrüchen in der JVA Tegel wurden die Teilanstalten des Gefängnisses abgeriegelt und die Bewegungsfreiheit der Inhaftierten beschränkt. Ein Insassenvertreter berichtet, wie sich das Gefängnis im Gefängnis angefühlt hat.

Keine Besuche, kaum Telefonate, nur zweimal am Tag Zellenaufschluss: Mitte Dezember wurden in drei Teilanstalten der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel Corona-Fälle nachgewiesen. Erst isolierte man die einzelnen Anstalten voneinander, dann wurde auch die Bewegungsfreiheit der Inhaftierten beschränkt. Hans-Peter Maier hat den Lockdown im Gefängnis selbst miterlebt: Er ist Insassenvertreter der Teilanstalt 5 der JVA in Tegel. rbb|24 hat mit ihm gesprochen.

rbb|24: Herr Maier, die JVA-Tegel war in den vergangenen Wochen wegen mehrerer Corona-Fälle im Lockdown. Wie haben Sie diesen Lockdown erlebt?

Hans-Peter Maier: Grundsätzlich sind wir im Gefängnis ausgeschlossen, das ist ja der Sinn des Ganzen. Das hinter-mehreren-Schleusen-Sein hat auch seine Vorteile. Man fühlt sich in solchen Situationen geschützt, weil man nicht mit so vielen Menschen zu tun hat.

Andererseits ist dieses Abgeschiedensein auch negativ. Weil man das Gefühl hat, Informationen erst aus zweiter oder dritter Hand zu erfahren. Dinge, die einen persönlich betreffen. Also macht man sich automatisch Sorgen. Man fängt an, sich zu fragen: Wie geht es weiter? Wie sehen die Abläufe innerhalb des Gefängnisses aus, wie wird das organisiert? Dinge, die für uns alle wichtig sind, fallen weg, wie Arbeit, Bildung, natürlich aber auch die persönlichen Kontakte.

Wie halten Sie Kontakt zur Außenwelt, wenn Besuche nicht mehr erlaubt sind?

Die Anstaltsleitung hat uns die Möglichkeit gegeben, Skype zu benutzen. Diese Möglichkeit gab es vorher nicht, nicht in diesem Maße. Für mich persönlich war es merkwürdig. Vielleicht ist das ein Generationsproblem, denn ich habe Skype, schon bevor ich ins Gefängnis kam, kaum benutzt. Das hat die Besuchsprobleme für mich nicht weggeräumt, sondern sogar verstärkt.

Wenn ich mit meinem Herzblatt skype, habe ich immer das Gefühl, ich sehe diesen geliebten Menschen. Dann will die Hand sich ausstrecken und sie berühren und kann es nicht, weil da nur eine kalte Oberfläche ist. Deswegen ziehe ich es vor, zweimal oder dreimal am Tag kurz zu telefonieren und die Stimme in meinem Ohr zu fühlen als diese Oberfläche zu sehen, die sich merkwürdig und künstlich anfühlt. Skype kann also die persönlichen Kontakte auf keinen Fall ersetzen.

Sind denn auch Besuche von dem jeweiligen Rechtsbeistand erlaubt? Haben die Insassen Kontakt zu ihren Anwälten?

Ich bin schon seit vielen Jahren von der Pflicht befreit, mich mit Anwälten zu treffen. Ich bin schon über zehn Jahren endgültig verurteilt worden. Insofern kann ich das nur aus durch Gesprächen und den Erfahrungen meinen Mitgefangenen wiedergeben.

Natürlich haben sich die meisten große Sorgen gemacht. Der Kontakt mit den Anwälten ist seitens der Anstaltsleitung so organisiert worden, dass man den Wunsch aufrecht erhalten konnte. Vergessen Sie nicht, es geht nicht darum, dass man seinen Anwalt umarmen können muss. Man muss mit ihm konferieren können. Und das wurde, soweit ich weiß, gut aufrecht erhalten.

Das hier ist ein Männergefängnis. Und Männer neigen oft dazu, zu glauben, dass sie auf jede Problemsituation sofort eine Lösung finden müssen. Und wenn man das nicht kann, verschärft sich die Angst.

Hans-Peter Maier, Insassenvertreter Teilanstalt 5

Ist das Zusammentreffen zwischen den Insassen beschränkt worden? Sind zum Beispiel Hofgänge oder das gemeinschaftliche Essen erlaubt?

Das hat sich natürlich genau wie in der Gesamtgesellschaft auch hier immer wieder verändert. Man hat Vorsorge getroffen, dass übermäßige Kontakte, die zu Risiken führen, unterbunden wurden. Die Häuser durften nicht mehr miteinander verkehren.

Als es vor einigen Wochen eine ziemlich akute Lage gab, da haben sich Leute in mehreren Häusern infiziert, wurden auch die Sektionen voneinander getrennt und dann mussten wir Abstand halten und Maske tragen. Natürlich stehen auch Beamte ständig hinter uns und halten uns manchmal zurück, wenn wir jemanden umarmen wollen. Wir mussten uns alle erstmal daran gewöhnen.

Musste man während des Lockdowns in der Strafanstalt länger am Tag in seinen Zellen bleiben?

In meinem Haus, im Haus 5, war alles noch recht menschlich. Wir hatten für eine gewisse Zeit eine strikte Unterteilung der Häuser. Es gibt allerdings auch andere Häuser, wie das Haus 2, dort sieht die Situation ein wenig anders aus. Dort gab es viele Verdachtsfälle und die Leute durften wochenlang wenig bis gar nicht miteinander verkehren und waren voneinander getrennt. Die Insassen hatten nur Zeit, ihr Essen zu holen, kurz zu duschen und dann wieder in ihre Bereiche zurückzukehren.

Der Insassenvertreter des Hauses 2 hat mir berichtet, dass es da sehr hart gewesen ist und das ist es teilweise immer noch. Wir hatten diese Situation im Haus 5 für nur wenige Tage und das war hart genug. Ich kann mir vorstellen, wie das ist, wenn man wochenlang unter Quarantäne ist, beziehungsweise abgegrenzt ist und nur das Elementarste tun kann.

Hatten die Insassen Angst vor einer Infektion? Wie sind sie mit dieser Angst umgegangen?

Ja, natürlich gab es die. Und es gibt sie teilweise noch. Wir hatten viele Ängste. Was mir aber aufgefallen ist, ist ein Grundtenor, denn die meisten haben gar keine Angst um sich selbst. Die, die wirklich Angst haben, haben Angst um ihre Leute draußen. Sie haben Angst um ihre Kinder. Sie haben Angst um ihre Lieben. Sie haben Angst davor, was wird. Die Leute sind isoliert. Oft bedeutet das auch wirtschaftliche Konsequenzen. Es ist gar nicht mal so einfach. Können die Kinder zur Schule? Kann ich meine Kinder noch sehen? Und wie geht's zu Hause? Kommt meine Frau zu Hause die Situation zurecht? Das sind genau die gleichen Fragen, die die Menschen draußen haben, nur in verstärkter Form.

Das hier ist ein Männergefängnis. Und Männer neigen oft dazu, zu glauben, dass sie auf jede Problemsituation sofort eine Lösung finden müssen. Die meisten von uns sind so erzogen. Und wenn man das gar nicht kann, weil man eingesperrt ist, dann verschärft sich diese Angst.

Was ist das Schlimmste an einem Lockdown im Gefängnis?

In der Zelle sitzen ist Bestandteil unserer Strafe. Natürlich tun wir als Menschen alles, um uns im Kleinen unsere Freiheiten zu erhalten. Wir wissen, wir sind hier aus einem bestimmten Grund. Daneben wollen wir uns aber im Umgang mit uns selbst alles erlauben, was unsere Menschlichkeit definiert.

Dazu gehört eben auch, ob ich mich in meiner Freizeit entscheiden kann, ob ich duschen gehe, wann ich duschen gehe, ob ich mir etwas koche oder ob ich mich mit anderen zusammensetze. Und wenn das fehlt, wenn dort was wegbricht, spürt man noch intensiver, dass man in einem Käfig sitzt. Und das Käfig-Dasein lässt sich bei noch so viel Fantasie nicht mehr wegträumen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Efthymis Angeloudis

Sendung: Inforadio, 13.01.2022, 18:25 Uhr

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Beitrag von Efthymis Angeloudis

1 Kommentar

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  1. 1.

    Auch für alle anderen Menschen, die in Quarantäne gehen müssen ist es belastet.
    Ich kann das Gejammere um die Insassen des Gefängnis nicht mehr hören.
    Es ist nun mal kein Hotel Aufenthalt.

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