Flüchtlinge Jüterbog (Quelle: rbb/Claudia Stern)
Audio: Antenne Brandenburg | 06.04.2020 | Claudia Stern | Bild: rbb/Claudia Stern

Jüterbog - Geflüchtete nähen Hunderte Corona-Masken fürs Seniorenheim

Schutzmasken sind in Corona-Zeiten Mangelware. Wer kann, näht sich selbst eine. Drei Geflüchtete aus Jüterbog machen das derzeit im großen Stil - freiwillig und nicht für sich selbst, sondern für das Pflegepersonal eines Seniorenheims. Von Claudia Stern

Was Sie jetzt wissen müssen

Babak und Hamid sitzen an der Nähmaschine. Jeden Tag acht Stunden produzieren sie Stoffmasken am Fließband - solange die alten Maschinen in der kleinen Nähstube der Flüchtlingshilfe Jüterbog durchhalten. In ihrer Heimat Iran haben die beiden Männer als Näher gearbeitet. Babak hatte sogar eine eigene Werkstatt, in der er sechs Jahre lang Sport- und Babykleidung hergestellt hat, erzählt er. Stoffmasken nähen sei deshalb "sehr einfach" für ihn und seinen Kollegen. Schließlich müsse man nur "geradeaus nähen".

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Stoffmasken am laufenden Band produziert der Iraner Hamid in der Nähstube der Flüchtlingshilfe Jüterbog. | Bild: rbb/Claudia Stern

"Wir möchten zeigen, das Flüchtlinge auch helfen können"

Mehr als 200 Masken aus weißem und blauem Baumwollstoff haben die beiden Männer innerhalb weniger Tage gefertigt - viele Hundert weitere sollen folgen. "Wir möchten zeigen, dass die Flüchtlinge auch helfen können und auch helfen wollen. Das ist unsere Einstellung in dieser Ausnahmesituation, in dieser auch gefährlichen Situation", sagt Babak, der 2016 nach Deutschland kam und inzwischen sehr gut Deutsch spricht.

Flüchtlingshelferin Mechthild Falk sagt, sie wisse, wie sehr es den Geflüchteten am Herzen liegt, etwas zurückgeben zu können: "Sie versuchen, zum Ausdruck zu bringen: Wir haben vieles hier empfangen, als wir nach Deutschland kamen, und jetzt haben wir mal eine Möglichkeit, zum Ausdruck zu bringen, wie dankbar wir dafür sind."

Helfen wollen Babak, Hamid sowie eine gelernte Schneiderin aus Afghanistan, die wegen ihrer Kinder zu Hause näht, in der Corona-Krise vor allem denen, für die die Gefahr am größten ist: die Alten. Deshalb versorgen sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Johanniter-Seniorenzentrums Jüterbog, das nur ein paar Häuser von der kleinen Nähstube entfernt ist, nun mit ihren Stoffmasken.

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Andreas Bellmann, Leiter des Johanniter Seniorenzentrums Jüterbog, trägt selbst auch Mundschutz | Bild: rbb/Claudia Stern

Hilferuf aus dem Seniorenheim

Entstanden ist die Idee nach einem Hilferuf des Heimleiters in der vergangenen Woche. Andreas Bellmann sorgt sich um die 75 Bewohner des Seniorenzentrums, die wegen ihres Alters und verschiedener Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören und durch das neuartige Coronavirus besonders gefährdet sind.

Im Moment sei noch ausreichend Schutzausrüstung vorhanden, erzählt Andreas Bellmann. Der Nachschub lasse aber auf sich warten. Im Falle einer Infektion innerhalb der Einrichtung würde es deshalb schnell eng werden. "Zur Versorgung der Senioren werden im Ernstfall sogenannte FFP2/FFP3-Schutzmasken benötigt", hieß es in dem Aufruf, in dem er Menschen oder Unternehmen, die solche Schutzmasken haben, darum bat, sie im Altersheim abgeben.

Eine Flüchtlingshelferin, die zu DDR-Zeiten als Krankenschwester in Berlin gearbeitet hatte, hörte davon und erinnerte sich an die OP-Tücher aus Baumwollstoff, die nach der Umstellung auf Einmal-Material aussortiert worden waren und seitdem auf ihrem Dachboden lagerten.

Mit Babak, Hamid und der Schneiderin aus Afghanistan war dann schnell das nötige Know-how gefunden, die Produktion konnte beginnen - zunächst ein bisschen schleppend, weil die altersschwachen Nähmaschinen die ungewohnte Belastung nicht gewöhnt waren. Nach ein paar Reparaturen läuft es jetzt und bald könnten die Produktionszahlen sogar regelrecht in die Höhe schnellen. Denn mithilfe einer Förderung durch das Land Brandenburg kann die Flüchtlingshilfe Jüterbog demnächst sogar neue professionelle Nähmaschinen anschaffen.

"Eine Riesenhilfe" im Alltag

Für das Johanniter-Seniorenzentrum Jüterbog sind die Stoffmasken der Geflüchteten zwar kein Ersatz für diese professionellen Schutzmasken, im Alltag seien sie aber trotzdem "eine Riesenhilfe", sagt Bellmann. Denn die Mitarbeiter sind bereits seit gut zwei Wochen angewiesen, im Dienst immer einen Mundschutz zu tragen - um eine vielleicht unbemerkte eigene Infektion nicht auf die Bewohner zu übertragen. Die waschbaren Baumwollmasken sollen nun anstelle der Einwegmasken aus Papier und Vlies-Stoff benutzt werden.

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Flüchtlingshelfer Mechthild Falk und Werner Simonsmeier freuen sich über das Engagement. | Bild: rbb/Claudia Stern

Das Engagement der Geflüchteten lobt der Heimleiter ausdrücklich: "Ich finds großartig. Die sind ja zu uns gekommen aus einem Leid heraus, aus verschiedensten Gründen, und können jetzt auch Hilfe zurückgeben. Die sind ja tagelang schon dabei und nähen die Masken." Auch viele andere Menschen aus Jüterbog zeigen sich beeindruckt von der Aktion, wollen sogar selbst einsteigen und Masken nähen.

Die Flüchtlingshelferin Mechthild Falk sagt, sie freue sich über das positive Feedback, viel mehr noch hoffe sie aber, dass die Corona-Masken auch langfristig einen Schub für die Integration der Geflüchteten in der Stadt gäben. "Ich hoffe, das setzt jetzt wirklich deutliche Zeichen. Die Idee mit dem Stoff kam zwar von einer Deutschen, aber die, die das jetzt machen, das sind die Geflüchteten", sagt sie und fügt lachend hinzu: "Die können das - ich könnte das nicht, weil ich noch nie an einer Nähmaschine gesessen habe."

Nähen gegen die Angst

So nähen die Geflüchteten in Jüterbog unermüdlich weiter. Für die Alten, später vielleicht für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus oder das Pflegepersonal im Krankenhaus. Und vielleicht auch ein bisschen für sich selbst - um nicht untätig zu sein in dieser Krise. Denn Angst vor dem Coronavirus haben auch Babak und Hamid, die gemeinsam mit vielen anderen Geflüchteten in einer Gemeinschaftsunterkunft leben. "Ich denke, das ist gefährlicher als die Situation für normale Menschen in einer Wohnung. Wir müssen einfach mehr aufpassen", sagt er.

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Einmal Probetragen. Passt! Wieder zwei Masken fertig. | Bild: rbb/Claudia Stern

Beitrag von Claudia Stern

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7 Kommentare

  1. 7.

    Warum bedienen jetzt wieder Einige ihre Feindbilder? Was hat die AfD damit zu tun? Die drei Näher würden von mir sofort einen unbefristeten Aufenthaltsstatus bekommen. Dies könnte auch für Andere ein Ansporn sein, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Und dies sage ich als AfD-Wähler, der hofft, dass solches Verhalten nicht nur eine Ausnahme bleibt.
    Übrigens, AfD-Wähler arbeiten oftmals in systemrelevanten Berufen.

  2. 5.

    Diesen Nähern sollte man sofort feste Arbeitsverträge geben. 1. Sie arbeiten in Berufen die gebraucht werden. 2. Es wird niemanden der Arbeitsplatz weggenommen. 3. Wer Arbeit hat, kann selber für sich sorgen. 4. Welche Nationalität die Masken näht ist eigentlich sch... egal hauptsache es macht sie überhaupt jemand.

  3. 4.

    Klasse Kommentar Rosa!
    Die Rechtsnationalen haben hoffentlich genug damit zu tun sich selbst zu zerlegen, eine offene humane Zivilgesellschaft braucht die nicht.

  4. 2.

    Gute Tat! Ich hoffe, dass es kurzfristig genug Stoffe und Gummiband gibt. Und für diejenigen eine gute Wohnung, einen festen, guten Arbeitsplatz und die Asylanerkennung. Dann sind sie keine Flüchtlinge mehr, sondern Bestandteil unseres Gemeinwesens. Bestimmt haben sie auch Sorgen um ihre Verwandten, die im Iran diese Pandemie überstehen müssen. Sie haben meinen Dank und mein Mitgefühl. ps. Welchen nennenswerten Beitrag für Pflegepersonal haben bisher die AfD-Ortsvereine und deren Anhänger geleistet?

  5. 1.

    Gute Idee, nette Geste und eine schöne Hilfe für das Altersheim.
    Vielleicht sollten unsere Krankenhäuser auch mal darüber nachdenken, ob waschen und sterilisieren nicht besser ist als Einweg aus China.

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