#Wiegehtesuns? | Der Sexpartygänger - "Jetzt bin ich sozusagen zwangsmonogam"

Kitkat Club in Berlin (Quelle: dpa)
Bild: dpa

Für manche ist Fitness ein wichtiger Ausgleich zur Arbeit, für Johannes* sind es queere Sexpartys, die ihm nun fehlen. Noch kann er nachvollziehen, dass Sexclubs geschlossen bleiben. Doch wie lange hält sich die Community noch zurück? Ein Protokoll.

Corona betrifft uns alle –  nicht nur in Berlin und Brandenburg. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Johannes [Name von der Redaktion geändert] ist 32 Jahre alt. Der Soziologe lebt in Berlin-Wedding, war vor Corona sexuell sehr aktiv mit diversen Partnern und bezeichnet sich selbst als "Sexpartygänger". So geht es Johannes:

Normalerweise habe ich mehrere Sexualpartner oder Freunde, mit denen ich auch Sex habe: einen Primärpartner/Primärpartnerin, einen Transmann, mit dem ich mich manchmal treffe, einen non-binary-Menschen, mit dem ich relativ eng bin. Mehrere andere Leute, Männer, Frauen, Menschen, die dazwischenstehen, mit denen man sich zum Spielen [Anm. d. Redaktion: Interaktion im Bereich Sadomasochismus/Masochismus] trifft, oder die ich aus der Szene kenne.

Und ich gehe auf Partys, mehr oder weniger Underground-Partys, alles in der Regel im queeren SM-Bereich. Wir treffen uns dort. Wenn es passt, spielen wir miteinander, und wenn es nicht passt, dann wird nett gequatscht. Vor Corona habe ich auch welche organisiert. Das war schon ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, und der ist jetzt komplett weg. Ich vermisse ihn sehr sehr stark.

Jetzt habe ich nur noch mit meinem Primärpartnermenschen Sex, bin sozusagen zwangsmonogam. Ich bin echt heilfroh, dass wir nicht zusammenleben, denn sonst würden wir uns total auf den Sack gehen. So haben wir die Möglichkeit, uns sowohl aus dem Weg zu gehen, als auch uns nah zu sein.

Ansonsten heißt es: keine anderen Partner, nur ein bisschen online-Geflirte. Es wird alles vertagt auf "die Woche nach Corona". Für diese nicht ganz ernst gemeinte Woche nach Corona gibt es superviele Verabredungen für Orgien.

Ganz ehrlich, ich habe sogar rumgefragt, ob jemand etwas von Coronapartys weiß. Ich weiß wirklich nicht, ob ich zu einer hingegangen wäre, es hat mich einfach interessiert. Aber niemand weiß von einer Coronaparty.

Die Maskenpflicht ist kein Problem in der SM-Szene, (lacht)! Daran würden wir uns sehr gerne halten. Für viele Leute ist das ein Fetisch, der passt ganz gut in die jetzige Zeit. Aber es gibt ganz wenige Sexpraktiken, die eineinhalb Meter Abstand gewährleisten, deshalb sehe ich, dass die Beschränkungen noch länger andauern werden.

Ich würde sagen, das gesamte hedonistische Berlin ist weggebrochen. Alles, was Genuss angeht, ist durch Corona betroffen. Stattdessen arbeite ich viel mehr. Alles besteht irgendwie nur noch aus Arbeiten und Schlafengehen.

Mir fehlt schon sehr stark dieser Ausgleich, dieses loslassen können, was Hedonismus im positiven Sinne macht. Abschalten, auf andere Gedanken kommen, genießen. Manche Leute gehen ins Fitnessstudio oder tun was auch immer – allen, die ich kenne, fehlt der Ausgleich, der uns jeweils individuell glücklich macht. Bei mir sind das eben Sexpartys und queere Themen mit queeren Menschen von Angesicht zu Angesicht zu besprechen. Die gesamte Community fehlt mir. Nicht, dass ich jetzt dagegen rebelliere, ich hab' mich schon damit abgefunden, es ist jetzt einfach so. Wobei ich manchmal echt auf Corona schimpfe. Aber es ist so ein Verharren. Und ich merke, dass ich angespannter bin.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Infektionsgefahr in einem Sexclub oder auf einer Sexparty größer ist als in einem Stadion. Ich habe Angst, dass die Politik das anders sieht, und dass das negativ für uns ausgehen würde. Und ich habe Angst, dass es Läden wie das Kitkat oder das Berghain einfach nicht mehr geben könnte. Dass Berliner Clubs, ob groß, ob klein, diese Krise nicht überleben werden. Ich hoffe wirklich, dass die Politik etwas dagegen unternimmt.

Für die Zukunft habe ich jedoch Hoffnung! Dass die Läden wieder aufmachen, dass ich wieder meine Partys machen kann. Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn es anders wäre. Wahrscheinlich gäbe es zaghafte Versuche, in die Illegalität abzudriften.

Wie geht es Ihnen? Wie sieht Ihr Alltag gerade aus? Erzählen Sie rbb|24 Ihre Geschichte in Zeiten von Corona! Einfach eine Mail schicken an internet@rbb-online.de. Wir melden uns bei Ihnen.

Das Gesprächsprotokoll führte Vanessa Klüber

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12 Kommentare

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  1. 12.

    "Wissen Sie, was eine monatliche HIV, bzw. eine lebenslange Medikation kostet.
    Diese wird von der Allgemeinheit getragen, egal welcher sexuellen Orientierung." was ist das für eine Argumentation.
    Alles wird von allen getragen und HIV kann jeder bekommen, egal welche sexuelle Orientierung.

  2. 11.

    Warum sollten Homosexuelle regelmäßiger zum Arzt gehen ?
    Wegen dem "schlechten" Gewissen, hinterher ?

    "Außerdem finanzieren wir unseren Spaß meist selbst und liegen niemandem auf der Tasche."
    Bitte, nicht so einfach argumentieren.
    Wissen Sie, was eine monatliche HIV, bzw. eine lebenslange Medikation kostet.
    Diese wird von der Allgemeinheit getragen, egal welcher sexuellen Orientierung.

    Dass Sie dies hier auch noch versuchen zu politisieren, zeugt eher von einer Abwälzung der eigenen Verantwortung, einen Schuldigen zu suchen..

  3. 10.

    Weder im Bericht noch in meinem Kommentar steht enggeistig etwas von Schwulen. Wenn Sie beides auf diese Form reduzieren, sind Sie voreingenommen, nicht ich!
    Zwei Dinge nur noch: Was nützen regelmäßige Arztbesuche bei Nachweiszeiten zwischen Tagen (Tripper) und mehreren Monaten (HIV)?
    Wie sind alle durch Sex auf die Welt gekommen? Sie tragen nichts zur Fortpflanzung bei!
    Doch drei Dinge, drittens an den anderen Kommentator: Nordkorea hat sehr hübsche Frauen!!! Und nun breche der shitstorm über mich herein...bin weg.

  4. 8.

    Für mich liest sich der Bericht von Johannes* sehr interessant und gibt einen Eindruck in ein mir völlig fremdes Leben(-sgefühl). Und ich gewinne lediglich das Gefühl eines Menschen, der mit sich und seinem Lifestyle sehr glücklich ist und sich verantwortungsvoll verhält, wenn er seine Kontakte so reduziert hat.

  5. 7.

    Aber es hat doch hier noch gar kein Spießbürger etwas gegen die Sexparty Szene geschrieben.
    Viel zu unwichtig für die Spießer. schade was?

  6. 6.

    Vielen Dank für Ihren sehr ausführlichen geschilderten Kommentar. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

  7. 5.

    Allen verkniffenen Spießbürgern hier, die keinem etwas gönnen und am liebsten alle für immer einsperren würden, wünsche ich eine schöne Reise nach Nordkorea, hoffentlich tretet ihr die bald an und seid nicht mehr in Deutschland.

  8. 4.

    Schwule sind bestimmt keine Superspreader - von was auch immer.
    Sie haben sicherlich mehr Sex - aber gehen auch regelmäßiger zum Arzt.
    Dass der rbb hier leider wieder so ein affiges Extrembeispiel bringt, dass uns die Masken wiie gerufen kämen bzw. wir es nicht mehr ohne Sexparties aushalten, was soll das? Man kann auch mal anderen Hobbies nachgehen.
    Zur Verteidigung jedoch: Sexualität hat Sie alle auf die Welt gebracht. Sexualität ist gesund und Teil männlichen Lebens.
    Außerdem finanzieren wir unseren Spaß meist selbst und liegen niemandem auf der Tasche.
    Dass wir uns jetzt auch noch bei SPD, Grünen und Linkspartei unsere Szene zurückbetteln müssen...
    Im Grunde besteht gerade ein Sex-, Feier und Vergnügungsverbot.
    Gut, 2021 sind jBerlin-Wahlen. Denke mal, wird eine neue Szene-Partei geben.

  9. 3.

    Schön das es mal jemand, wenn auch entschärft, formuliert, was da so abgeht. Es sei ihnen gegönnt, aber das sind die Stätten von Superspraedern und nicht nur von Corona! Und nicht die leider immer noch geschlossenen Prostitutionsstätten!!!!

  10. 2.

    Danke für diese Geschichte! Wir müssen uns alle unsere schwierigen und schönen Geschichten erzählen, um zu verstehen, um zu relativieren, um in Verbindung zu sein und zu bleiben. Schwierigkeiten und Leid ist vielfältig. Haber gerade die Reportage auf tagesschau.de über Indien gelesen.......

  11. 1.

    wie sieht es aus mit Abstandsregeln in Parks, Supermärkten, Discountern, Centern etc. Werden die auch alle von ihm ignoriert ?

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