Julie (links) und Lena (rechts) Matzeit am Flughafen von Neu-Delhi (Quelle: Privat)
Privat
Video: rbb|24 | 17.03.2020 | Skype-Interview | Bild: Privat

Wie die Corona-Krise Urlaubern zusetzt - Gestrandet in Marokko, unerwünscht in Indien

Grenzen geschlossen, Flüge abgesagt: Wegen der Ausbreitung des Coronavirus müssen sich derzeit viele deutsche Urlauber um ihre vorzeitige Rückreise kümmern. Drei Berlinerinnen berichten von teils chaotischen Erlebnissen. Von Oliver Noffke

Was Sie jetzt wissen müssen

Grenzen werden dicht gemacht, Fluglinien stellen das Gros ihrer Angebote ein, komplette Länder verhängen Ausgangssperren: Am Dienstag hat das Auswärtige Amt eine weltweite Reisewarnung herausgegeben [auswaertiges-amt.de]. Eine Einschätzung, die historisch ohne Beispiel ist. Wer sich gerade im Urlaub befindet, braucht also starke Nerven.

Das nordafrikanische Land Marokko hatte bereits am Sonntag überraschend angekündigt, seine Grenzen dicht zu machen. Der Schiffs- und Flugverkehr soll komplett eingestellt werden. Die Berlinerin Alina Weber befindet sich derzeit mit ihrem Partner und dem gemeinsamen einjährigen Kind in einem kleinen Ort an der Atlantikküste. Der erste Impuls sei gewesen, die Krise auszusitzen. "Wir haben den Vorteil, dass hier kaum Corona-Fälle sind. Warum sollten wir zurückfliegen in ein Corona-verseuchtes Berlin, wo die Kitas zu haben?", sagt sie rbb|24 im Skype-Interview. Außerdem habe ihre Fluglinie eine Umbuchung erlaubt - obwohl Flüge in das Land bereits untersagt worden waren.

Vergeblicher Kontakt zum Auswärtigen Amt

"Als dann die Nachricht kam, dass alle Urlauber zurückgeflogen werden, habe ich dann doch angefangen, mir Sorgen zu machen", sagt Alina Weber. "Jetzt versuchen wir das Auswärtige Amt und die Deutsche Botschaft zu erreichen, um an dieser Rückholaktion teilzunehmen." Erreicht hat sie noch niemanden, Nachrichten konnten nicht hinterlassen werden, sagt sie. Die Flughäfen der Metropolen Marrakesch und Casablanca seien jeweils etwa drei Stunden entfernt. Vorausgesetzt die Familie kann einen Taxifahrer überzeugen, sie an einen der beiden Airports zu fahren, bleibt immer noch die Frage, ob von dort Flüge gingen. Gut informiert durch die deutschen Behörden fühlt sie sich nicht.

Krisenvorsorgeliste bricht unter Zahl der Anfragen zusammen

Marokko ist eines der vier Länder, aus denen die Bundesregierung Urlauber zurückholen will. Daneben wurden außerdem die Dominikanische Republik, die Philippinen und Ägypten genannt. Allein dort, zwischen Sahara und Rotem Meer, verbringen gerade Zehntausende Deutsche ihren Urlaub. Sie sollen sich bei ihrem Reiseveranstalter sowie beim Auswärtigen Amt oder der Deutschen Botschaft im Reiseland melden. Der Krisenbeauftragte der Behörde, Frank Hartmann, sagte dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", dass außerdem aus Argentinien, Malta, Südafrika und Tunesien Urlauber zurückgeholt werden sollen.

Die Krisenvorsorgeliste "Elefand" ist aufgrund der Masse an Anfragen zeitweise nicht mehr erreichbar. Alina Weber berichtet, dass der Krisenstab, der speziell für Marokko-Reisende eingerichtet wurde, telefonisch nur schwer zu erreichen sei. "Ich stehe jetzt auf dieser Elefand-Liste", sagt Alina Weber, "aber die ist auch völlig überlastet und ich konnte jetzt nicht einmal Kind und Mann dazu schreiben." Webers Vater versucht unterdessen, von Deutschland aus mehr zu erreichen.

Das Auswärtige Amt verweist wegen dieser Schwierigkeiten an eine Liste der Fluglinie Condor [conder.com], die Urlauber außerdem aufrufen sollen. Problematisch kann die Organisation der Ausreise allerdings für Individualreisende werden. Sie genießen nicht die selben Rechte wie Pauschalreisende. Es werde zwar versucht, auch für sie eine schnelle Ausreise zu organisieren, Indiviualreisende sind allerdings dazu aufgerufen, sich selbst verstärkt um eine Ausreise zu kümmern.

"Mussten uns einen Tag vor der Polizei verstecken"

In einigen Ländern kippt im Verhältnis zwischen Einheimischen und Touristen derzeit außerdem die Stimmung. Nachrichten zu den massiv ansteigenden Infektionszahlen in Europa werden in vielen Ländern direkt mit hellhäutigen Touristen in Verbindung gebracht. Reisende berichten, dass ihnen mit Vorsicht, Angst oder sogar Feindseligkeit begegnet werde. Gerüchte in sozialen Netzwerken verstärken das Misstrauen. 

Die Berliner Schwestern Lena und Julie Matzeit wollten noch am Wochenende die eindrucksvollen Tempel und Ruinen nahe der südindischen Stadt Hampi besuchen. Als ein lokaler Regierungsrat beschloss, dass alle Touristen - aus Indien genau wie aus dem Ausland - innerhalb von 24 Stunden die Stadt verlassen sollen. Der Bus der beiden sollte allerdings erst einige Stunden nach der Sperrzeit den Ort verlassen. "Wir mussten uns dann einen Tag verstecken, weil wir nicht von der Polizei gesehen werden durften", so Lena.

Die Deutsche Botschaft habe ihnen daraufhin dringend empfohlen, das Land zu verlassen. "Erstens, weil die Maßnahmen von der Regierung nicht absehbar sind, also Quarantäne", sagt Julie und ihre Schwester ergänzt, dass diese ja auch willkürlich sein könnten, "und auch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, ähnlich wie in Deutschland."

"Alle versuchen, nach Europa zu kommen"

Nach einer etwa 48-stündigen Fahrt erreichten die Schwestern den internationalen Flughafen der Hauptstadt Neu-Delhi, wo sie 20 weitere Stunden verbrachten. "Hier am Airport ist relativ viel Chaos", erzählen sie im Videochat am Dienstagabend. "Alle versuchen noch nach Europa zu kommen. Deutschland ist sozusagen noch das Sahnehäubchen." 

Unter den Wartenden sei die Stimmung angespannt, sagen sie. "Manche haben in Delhi jetzt mehrere Nächte übernachtet, dass wird aber auch immer schwieriger, denn einige indische Städte schließen die Hotels und Restaurants und wollen gar keine Touristen mehr." Ihr eigentlicher Rückflug sei zudem kurzfristig abgesagt worden. "Und das Problem war dann, dass am Flughafen eigentlich niemand war, der uns helfen konnte." Nach Stunden sei es ihnen gelungen, einen teuren Flug über Bahrain nach Frankfurt zu ergattern, erzählen sie kurz vor dem Abflug.

Sie befinden sich derzeit im Ausland? Folgende Links könnten für Sie wichtig sein:

FAQ des Auswärtigen Amts zur weltweiten Reisewarnung und Rückholaktionen

Informationen der Fluglinie Condor zur Rückholung deutscher Urlauber

Kontaktieren Sie außerdem die Deutsche Botschaft in Ihrem Reiseland, eine Übersicht finden Sie hier [auswaertiges-amt.de] oder wenden Sie sich an Ihren Reiseveranstalter.

FAQ zum Umgang mit dem Coronavirus

  • Ich fürchte, infiziert zu sein. Was tun?

  • Was passiert mit möglichen Infizierten?

  • Was passiert mit Kontaktpersonen?

  • Welche Kapazitäten haben die Kliniken?

  • Welche Reisebeschränkungen gibt es?

  • Wie viele bestätigte Fälle gibt es?

  • Ist das Virus meldepflichtig?

  • Was ist das Coronavirus?

  • Woher kommt das Virus?

  • Wie geschieht die Krankheitsübertragung?

  • Wie ansteckend ist das Virus?

  • Wer ist besonders gefährdet?

  • Wie funktioniert der Test?

  • Was sind die Symptome?

  • Wie kann ich mich schützen?

  • Welche Behandlung gibt es für Infizierte?

  • Gibt es Immunität gegen das Virus?

  • Wie hoch ist die Sterberate?

Beitrag von Oliver Noffke

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6 Kommentare

  1. 6.

    Aber nicht vergessen die Crew arbeitet bei dieser Aktion freiwillig und Veranstalter ziehe sich aus ihrer Verantwortung zurück und Anwälte freuen sich schon, denn jeder hatte ja schon einen Rueckflug gebucht.
    mit der ersten Forderung wird es einen Aufschrei geben, da es einfach zu viele sind.
    Wer das Chaos nicht selber erlebt hat.....

  2. 5.

    Es werden keine Steuergelder hierfür "verschwendet". Laut Konsulargesetz §6 wird man im Nachhinein an den angefallenen Kosten beteiligt. Einfach mal kundig machen bevor man irgendwas von sich gibt....

  3. 4.

    Fliegen bis zum Kollaps. Möge das auch nach Corona beendet bleiben. Viele lernen nun vielleicht erstmals, Verantwortung zu übernehmen.

  4. 3.

    Und bei der nächsten Urlaubsplanung genau solche Erfahrungen im Hinterkopf behalten und eben NICHT mehr nach Indien oder Marokko fliegen.

  5. 2.

    Super schade so was zu lesen. Auf der anderen Seite geht es Ostasiatisch aussehenden in Deutschland auch nicht besser, wenn man z.b an den Fall der chinesischen Studentin an der Beusselstr denkt... Und zu der Zeit gab es in Deutschland kaum Fälle.

  6. 1.

    Finde es angesichts der Flüchtlingskrise wirklich unmoralisch, Geld und Ressourcen für die Rückholung zu verschwenden! Ich weiss von Leute die noch letzte Woche verreist sind, weil die Reise ja schon bezahlt war. Nun werden solche Egoisten mit Steuergeldern zurück geholt. Wie verrückt ist das denn?

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