#Wiegehtesuns? | Ungeimpfte Erzieherin und Mutter - "Wir haben uns schon gefragt, ob wir nicht besser auswandern sollten"

Di 25.01.22 | 08:38 Uhr
Auf der Einstichstelle einer Corona-Impfung klebt ein kleines Pflaster (Bild: imago images/MiS)
Bild: imago images/MiS

Für die meisten Corona-Maßnahmen hat Jana aus Brandenburg Verständnis. Doch beim Thema Impfpflicht hört es für die Erzieherin auf. Weil sie weder sich noch ihre Familie impfen lassen will, fühlt sie sich stark unter Druck. Ein Gesprächsprotokoll.

Das Coronavirus stellt unser Leben auf den Kopf. In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Alltag gerade aussieht – persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Jana (*Name von der Redaktion geändert) ist Anfang 30, arbeitet als Erzieherin und lebt in Brandenburg. Sie und ihr Ehemann, der ebenfalls im pädagogischen Bereich arbeitet, sind ungeimpft. Das Paar hat zwei kleine Kinder (Kita, Grundschule). So geht es Jana:

Auf mir und meinem Mann lastet wegen des Impfthemas derzeit viel Druck. Auch weil wir beide mit Kindern arbeiten. Bei einer etwaigen Impfpflicht sitzen wir beide im selben Boot. Denn wenn wir wegen der nicht vorhandenen Impfungen unsere Jobs verlören, müssten wir unsere Miete und alle anderen Kosten ja logischerweise trotzdem aufbringen.

Das Herumgehacke auf uns Ungeimpften als den "Bösen", das zunehmend rüberkommt, finde ich unmöglich. Ungeimpfte sind doch nicht schuld an der Länge der Pandemie. Ich habe ja auch nichts gegen Geimpfte. Das muss doch jeder nach seiner Intuition entscheiden dürfen. Welches Verhalten welchen Einfluss auf diese Pandemie hat, muss sich doch erst noch herausstellen. Ich hatte übrigens in unserem Bekanntenkreis den Eindruck, dass von den Geimpften, die sich sicher wähnten und vielfach sogar gereist sind, viel mehr Ansteckungsrisiko ausging als beispielsweise von uns, die wir unsere Kontakte sehr stark reduziert haben.

Aber auch das kann man nicht den einzelnen Leuten vorwerfen, sondern nur der Politik. Ich verstehe auch nicht, warum sich nicht einfach alle Erzieher und Lehrer jeden Tag testen müssen – egal, in welchem Status – Ungeimpft, Geimpft oder Genesen – sie sich befinden. Ich finde diese Unterschiede, die da gemacht werden, gerade weil es ja auch viele Impfdurchbrüche gibt, einfach vom gesunden Menschenverstand her falsch.

Der Druck, den ich empfinde, kommt in erster Linie vom Gesetzgeber, also der Politik. Andererseits entsteht er aber auch durch die Medien und durch die Gesellschaft selbst. Vielfach werden wir, auch von Freunden und Bekannten, gefragt, ob wir "immer noch nicht" geimpft seien. Auch von Kollegen. Da kam es auch schon zu Enttäuschungen und Tränen. Obwohl sich von meinen Kollegen viele auch nur als Weg des geringsten Widerstandes haben impfen lassen. Und nicht, weil sie von der Impfung überzeugt sind. Sondern eher, weil sie ihre Freiheit wiederhaben oder verreisen wollten.

Ich bin von der aktuellen Impfversion einfach nicht überzeugt. Dass bei so schnell entwickelten Impfstoffen nicht gleich die hundertprozentig beste Lösung herauskommt, ist doch naheliegend. Ich möchte zum jetzigen Zeitpunkt nicht durch eine Impfpflicht zu der Impfung gezwungen werden. Auch wenn wir sonst als Familie alle anderen Impfungen, auch gegen Masern, haben. Doch auch wenn viele das Wort nicht mögen: Ich habe kein gutes Bauchgefühl. Dass dieses Bauchgefühl, meine Intuition, nicht zählen soll, damit komme ich nicht gut klar. Auch bei den Totimpfstoffen, die jetzt zugelassen werden, möchte ich erst einmal schauen, wie die überhaupt ankommen und wie die Menschen darauf reagieren. Das geht doch erst nach ein paar Jahren.

Wir haben den Gedanken, das Land zu verlassen, dann doch nicht weiterverfolgt. Denn es ist ja auch in den meisten anderen Ländern der Druck da, sich impfen zu lassen.

Jana (*Name von der Redaktion geändert) aus Brandenburg

Wir als Familie hatten immer das Gefühl, dass wir es auch, wenn wir erkranken, schaffen. Und wenn nicht, dann wäre das einfach so. Jeder muss irgendwann sterben. Wann das sein wird, kann man nur bedingt beeinflussen. Da wir im Herbst dann auch alle infiziert waren - alle mit mildem Verlauf, nur mir ging es nicht besonders gut - hat sich die Denkweise auch bewahrheitet.

Weil uns das Thema Impfen und eine eventuell kommende Impfpflicht immer mehr erdrückt, haben wir Eltern uns aber auch schon gefragt, ob wir nicht besser auswandern sollten. Hinter einer Impfpflicht würden wir einfach nicht stehen. Ich will mich und meine eigentliche Haltung nicht verkaufen müssen und mich einfach beugen. Weil das ganze Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf mich sowieso beschäftigt, habe ich schon manchmal gedacht, dass ich vielleicht lieber in einem der skandinavischen Länder leben würde. Aber wir haben den Gedanken, das Land zu verlassen, dann doch nicht weiterverfolgt. Denn es ist ja auch in den meisten anderen Ländern der Druck da, sich impfen zu lassen - zumal wir schon in Europa hätten bleiben wollen. Schon, um in der Nähe von Heimat und Familie zu bleiben.

Für die meisten der Corona-Maßnahmen habe ich ein gewisses Verständnis. Denn wir leben nun mal in einer Pandemie. Man kann sich überall anstecken oder das Virus auch verbreiten. Das sieht man ja jetzt gerade auch – das Virus verbreitet sich derzeit ja auch im eigenen Dunstkreis enorm schnell. Die Bombe hat da definitiv eingeschlagen. Vieles muss jetzt einfach so sein. Dennoch möchte ich meinen eigenen Kopf schon benutzen dürfen.

Meine persönliche rote Linie wäre da erreicht, wo es in Sachen Impfpflicht an die Kinder geht. Da steigen mir direkt die Tränen in die Augen. Das wäre, obwohl ich gar nicht ganz genau sagen kann, warum, der absolute worst case für mich. Der Gedanke, dass bei den Kindern etwas schiefgeht – und ich rede hier nicht von Verschwörungstheorien – bereitet mir wirklich Schmerzen. Bei den Kindern muss Schluss sein. Da würden wir wahrscheinlich noch mal drüber nachdenken, ob Weggehen aus Deutschland nicht doch eine Option sein könnte.

Gesprächsprotokoll: Sabine Priess

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