#Wiegehtesuns | Der Schausteller - "Ohne die November- und Dezember-Hilfen hätten wir unser Karussell verkaufen müssen"

Schausteller Felix Freiwald sitzt vor einem aufgebauten Karussel (Bild: rbb/Lepsch)
Bild: rbb/Lepsch

Keine Stadtfeste, keine Großveranstaltungen, kein Platz, an dem Felix Freiwald und seine Schausteller-Familie ihre Karusselle aufbauen können. Normalerweise ist er neun Monate im Jahr unterwegs. Jetzt war er neun Monate zu Hause.

Corona betrifft uns alle – nicht nur in Berlin und Brandenburg. Noch immer stellt das Virus unser Leben auf den Kopf.

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Felix Freiwald ist geboren in einer Schausteller-Familie aus Herzberg im Landkreis Elbe-Elster. Nach Abschluss der 10. Klasse ging es für ihn sofort mit auf Saison. Dreiviertel des Jahres lebt er in einem Wohnwagen auf Jahrmärkten und Stadtfesten. Durch Corona sind die alle abgesagt. Seit 2020 gibt es nur sogenannte Pop-up-Freizeitparks. Für genau so einen baut er Anfang Juli das erste Mal dieses Jahr wieder sein Fahrgeschäft auf. Er hofft, dass alle noch hungrig auf Spaß sind.

Das Kult-Karussell "Breakdance" haben wir schon seit 1994 und seit 2004 bin ich damit unterwegs. Am zweiten Juli-Wochenende dreht er sich das erste Mal dieses Jahr in Meißen. Hier sind meine Eltern schon seit vielen Jahren zum Weinfest und die Leute haben uns noch nie hängen lassen. Genau wie in Cottbus, Luckenwalde oder Eilenburg. Das sind Orte, an denen wir auch private Veranstaltungen wagen können, denn sie sind sehr schaustellerfreundlich. Die Gäste kommen und da habe ich einfach ein gutes Gefühl.

Das Aufbauen läuft auch nach der langen Pause wie immer. Das verlernt man so schnell nicht. Das ist wie Fahrradfahren. Wir bauen sogar schon früher auf als nötig, um nach neun Monaten zu Hause Abgammeln endlich raus zu kommen.

Der Transporter von Felix Freiwald steht auf einem Feld (Bild: rbb/Lepsch)
Bild: rbb/Lepsch

"Jetzt ist der Garten gepflegt wie noch nie"

In der Zwangspause haben wir an den Karussellen gearbeitet. Repariert und gestrichen und mal alles auseinander gebaut. Als das fertig war, hab ich mich mit Gartenarbeit beschäftigt. Mein Garten sah immer aus wie Kraut und Rüben. Da stand das Unkraut auch mal kniehoch. Jetzt ist der Garten gepflegt wie noch nie. Ich hab echt meinen grünen Daumen entdeckt.

Die Pandemie-Zeit hatte zwei Seiten für mich. Im Frühjahr 2020 hatten wir plötzlich ein ganz anderes Leben. Ostern zu Hause zu verbringen war fast ein bisschen schön. Das haben wir ja sonst nie feiern können. Aber das hat genau vier Wochen angehalten und dann ist uns schon die Decke auf den Kopf gefallen.

Uns ist bewusst geworden, dass es 2020 wahrscheinlich gar keine Veranstaltungen geben wird. Beim Blick ins Portmonee war klar: Weit kommen wir damit nicht. Mit anderen Schausteller-Familien haben wir dann kleine eigene Veranstaltungen gemacht. Sogenannte Pop-up-Freizeitparks. Wir haben uns dann aufgeteilt, wer sich um Strom und Wasser, die Genehmigungen und die Werbung kümmert. Alles mit mehr Aufwand, aber eben besser als nichts.

95 Prozent aller Veranstaltungen abgesagt

2021 waren wir der Meinung, dass es besser wird. Aber schon jetzt sind 95 Prozent aller Veranstaltungen abgesagt. Die Stadtfeste sind die großen Säulen in der Saison. Das sind fünf, sechs Termine - ohne die es nicht geht. Dass man finanziell manchmal ein Auf und Ab als Schausteller hat, ist normal. Aber wenn es keine Perspektive gibt, dann zehrt das echt an den Nerven.

Die Pop-up-Freizeitparks haben uns ein bisschen geholfen, aber wir mussten trotzdem all unsere Reserven nutzen. Auch das was sich mein Vater über die Jahre zusammengespart hat, seine Altersvorsorge, haben wir aufgebraucht. Wir haben alles reduziert, was möglich war. Versicherungen, Kredite und das Personal. Und Gott sei Dank gab es dann die November- und Dezemberhilfe vom Staat. Wenn das nicht gekommen wäre, würden wir heute hier nicht stehen und das Karussell aufbauen. Dann hätten wir es sicher verkaufen müssen.

Schausteller Felix Freiwald vor dem Karussel "Breakdance" (Bild: rbb/Lepsch)
Bild: rbb/Lepsch

"Die Nähe zu den Kunden fehlt mir"

Am meisten freue ich mich darauf wieder im Häuschen zu sitzen. Den "Breakdance" zu steuern und Musik zu machen. Und die Nähe zu den Kunden fehlt mir. Auf so einem Kirmes-Platz trifft sich eben der Maurer mit dem Zahnarzt. Man lernt tolle Mensch kennen und knüpft Kontakte. Dass das jetzt fehlt, geht nicht spurlos an uns vorbei.

Weiter als sechs Wochen im Voraus zu planen, lohnt sich momentan noch nicht. Wir wollen dieses Jahr aber noch ein paar Pop-up-Freizeitparks machen. Da verdient sich zwar keiner eine goldene Nase, aber laufende Kosten können bezahlt werden und es fühlt sich wieder wie unser Leben an.

Dass der Garten dann wieder verwildert, nehme ich gern in Kauf.

Gesprächsprotokoll: Aline Lepsch

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Sendung: Antenne Brandenburg, 02.07.2021, 15:40 Uhr

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