Interview| Schuldnerberater aus Cottbus - "Es sind vor allem mehr junge Menschen in unsere Beratungsstelle gekommen"

Di 28.01.25 | 14:37 Uhr
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Symbolbild:Ein Mann bezahlt mit Bargeld.(Quelle:picture alliance/C.Klose)
Audio: Antenne Brandenburg | 28.01.2025 | David Klevnow / Michael Schwarz | Bild: picture alliance/C.Klose

In lediglich zwei Brandenburger Regionen ist die Überschuldung im letzten Jahr gestiegen - eine davon ist Cottbus. Im Interview spricht Schuldnerberater Michael Schwarz über mögliche Gründe und gibt Tipps, wie man nicht in die Schuldenfalle tappt.

Die Überschuldungsquote ist in Brandenburg erneut zurückgegangen und liegt derzeit bei 7,54 Prozent. Das geht aus dem aktuellen Schuldneratlas des Unternehmens Creditreform hervor. Sie ist damit seit nunmehr mehreren Jahren niedriger, als die Quote im Bundesschnitt (8,09 Prozent).

In fast allen Brandenburger Landkreisen und kreisfreien Städten ist diese Schuldnerquote zuletzt gesunken. Lediglich Frankfurt (Oder) und Cottbus verzeichnen hier Steigerungen. In Cottbus beträgt die Schuldnerquote derzeit 9,45 Prozent, 0,11 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr.

rbb|24: Herr Schwarz, Sie sind seit 25 Jahren bei der Schuldnerberatung der Caritas in Cottbus tätig. Der neue Schuldneratlas hat gezeigt, dass die Schuldnerquote in Cottbus zuletzt angestiegen, anders als im Rest des Landes. Bemerken Sie diesen Anstieg in Ihren Beratungen?

Michael Schwarz: Aus unserer Sicht gibt es immer ein Auf und Ab der Nachfrage. Das liegt an vielen Ursachen. Warum es in diesem Jahr zu einem Anstieg gekommen ist, kann ich nur aus unserer Statistik ein bisschen herauslesen. Es sind vor allem junge Leute, die mehr in unsere Beratungsstelle gekommen sind oder auch Menschen über 65. Woran es liegt weiß ich auch nicht genau.

Mit welchen Problemen kommen denn junge Menschen zu Ihnen?

Junge Menschen sind internetaffin. Das Einkaufen über das Internet ist ein stark steigender Zweig, der dazu führt, dass Menschen überschuldet sind. "Buy now and pay later" ist so ein typisches Angebot, also jetzt zu kaufen und später zu bezahlen. Dann wird oft nicht beachtet, dass es da eine Zahlungsfrist gibt. Wenn die vergessen wird, schlägt das Inkasso zu.

Spielt auch die Häufigkeit von Online-Einkäufen eine Rolle?

Ja, es sind die vielen kleinen Käufe. Die meisten Menschen haben das immer noch ganz gut im Griff am Anfang, aber irgendwann verlieren sie den Überblick. Nur wenige schreiben sich das ganz genau auf oder nutzen eine App um zu erfassen, was sie schon ausgegeben haben. Ein bisschen kann man dann eine unwirtschaftliche Haushaltsführung unterstellen, aber den Überblick zu verlieren geht recht schnell.

Sie hatten auch die Altersgruppe über 65 hervorgehoben. Gibt es auch dort ein bestimmendes Problemfeld?

Das ist vielfältig, keine Frage, aber die Rente reicht halt durchaus immer weniger, um die ganzen steigenden Kosten zu begleichen. Daher fallen immer mehr ältere Menschen in die Grundsicherung. Wenn sie Grundsicherung beziehen, haben sie ja das absolute Existenzminimum, aber die ganzen anderen Kosten steigen. Deswegen nimmt das in dieser Gruppe auch zu.

Welche Probleme haben denn die Cottbuser, die zu Ihnen kommen?

Neben den Bürgergeld- und Sozialhilfeempfängern gibt es eine große Gruppe im Niedriglohnbereich, also Menschen, die mit sehr wenig Einkommen ihren Unterhalt bestreiten müssen. Da gibt es verschiedene Berufszweige, etwa die Reinigung, Callcenter, Postboten, Köche.

An der Stelle wäre die Lösung doch höhere Löhne zu zahlen, oder?

Genau. Für viele Ausbildungsberufe gibt es eine zu geringe Bezahlung. Deutschlandweit, aber besonders hier im Osten. Das steigt sicherlich in den letzten Jahren, das ist auch ein schöner Trend, aber dennoch reicht es für einige Bürger nicht, weil eben die Kosten, die Inflation in den letzten Jahren, um ein Vielfaches gestiegen sind.

Wie kann man denn vermeiden selbst in die Schuldenfalle zu tappen?

Es ist immer gut, seine Finanzen im Griff zu haben, also zu wissen, was habe ich für Einnahmen und welche Ausgaben habe ich. Das sind ganz banale Dinge, das führen eines Haushaltsbuches oder das Nutzen einer App zum Beispiel. Wenn das Geld immer reicht muss man das natürlich nicht machen, aber gerade, wenn es etwas knapper ist, ist eine Übersicht das A und O. Das ist schon sehr mühselig, das können nicht alle. Wir haben hier Menschen mit verschiedenen Schwierigkeiten, auch psychisch Kranke. Die sind allein nicht in der Lage das in den Griff zu bekommen. Da gibt es einige, die in die Schuldenfalle rutschen.

Es kommen also auch Menschen zu Ihnen, die größere Probleme haben, die sich dann wiederum auch auf das Finanzielle auswirken?

Genau. Psychische Erkrankungen hatte ich schon genannt, aber auch andere Erkrankungen, auch Süchte spielen eine Rolle. Auch der Intellekt, wir haben einige, die noch nie eine Ausbildung gemacht haben. Die versuchen es zwar immer wieder, auch über verschiedene Bildungsträger. Einigen gelingt das, aber es gibt eben auch eine ganze Reihe von Menschen, die immer an der Armutsgrenze leben werden, mit Niedriglohn oder Minijobs. Das reicht häufig nicht, um die Kosten zu decken, die anfallen. Daher muss man sehr gut einteilen, viele können das nicht.

Kann man sich bei Ihnen auch prophylaktisch beraten lassen, also schon, wenn man merkt, dass man sich allein keinen guten Überblick verschaffen kann?

Ja, das ist möglich. Die Bürger müssen nicht erst kommen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, wenn die Schulden zu groß geworden sind. Wir schauen auch mit den Menschen gemeinsam nach Ursachen, wieso das Geld nicht reicht. Manche kommen einfach hier her, die merken, es wird irgendwie eng, ich habe Angst, dass ich die nächsten Rechnungen nicht bezahlen kann. Dann schauen wir nach Lösungen, welche Verträge man zum Beispiel reduzieren oder kündigen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Isabelle Schilka für Antenne Brandenburg. Für die Online-Fassung wurde es redigiert und gekürzt, inhaltlich aber nicht verändert.

Sendung: Antenne Brandenburg, 28.01.2025, 16:10 Uhr

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2 Kommentare

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  1. 2.

    *1.
    " Wo ist Fridays for Future auf den Straßen gegen die Schuldenmacherei."

    Wo sind SIE gegen die Schuldenmacherei auf der Strasse?
    Ich dachte, die Menschen wollen FfF am Freitag in der Schule sehen und nicht auf der Strasse?
    Frau Annemarie V., warum müssen andere für Sie protestieren, warum machen Sie es nicht selber???

  2. 1.

    Die Jungen werden sich noch wundern, wenn sie die Schulden von rot grün bedienen müsssen. Kein Wunder, dass die AfD wählen. Wo ist Fridays for Future auf den Straßen gegen die Schuldenmacherei.