Die Polizei kontrolliert die Einhaltung der Verhaltensregeln zur Eindämmung des Coronavirus im Berliner Gleisdreieckpark. (Quelle: imago images/Klaus Martin Höfer)
Video: rbb|24 | 28.03.2020 | Material: Abendschau, Brandenburg aktuell, TNN, Oliver Soos | Bild: imago images/Klaus Martin Höfer

Frühling mit Mindestabstand - Corona-Verhaltensregeln spalten Berlin

Wohl noch nie konnte man in Berlin so leicht etwas falsch machen wie an diesem sonnigen Samstag. Schon im Park auf einer Decke zu liegen reichte. Die Stadt droht sich in der Coronakrise zu spalten - in Moralapostel und Leute, die es immer noch nicht begreifen. Von Oliver Soos

Was Sie jetzt wissen müssen

Ich sehe diese Spaltung immer deutlicher. Allerdings weiß ich nicht so recht, zu welcher dieser beiden Gruppen ich mich selbst zählen soll. Auf jeden Fall war ich am Samstag im Zwiespalt. Es begann schon am Morgen, als ich mit meinem 3-jährigen Sohn im Fritz-Schloß-Park in Moabit spazieren ging. Er kennt dort jeden Spielplatz und rannte sofort los, als er aus der Ferne die erste Rutsche sah.

So kam es dann zu folgender Konversation: "Komm runter vom Spielplatz. Er ist zu." – "Nein, offen." Punkt für ihn, denn es gibt keinen Zaun und das rot-weiße Absperrband hat jemand weggerissen. "Aber wir haben dir doch schon erklärt, dass auf dem Spielplatz ein böser Virus herumläuft. Der kann dich krank machen." – "Nein, Virus nicht mehr da. Ich sehe keinen Virus."

Berechtigte Angst oder Denunziation?

Ein paar Minuten später trage ich mein strampelndes schreiendes Kind vom Spielplatz und ziehe dabei die Blicke der Parkbesucher auf mich. Dabei komme ich mir einerseits vor, wie ein Infektionsschutz-Ignorant. Andererseits denke ich mir: was für eine absurde Aktion. Ich trage ihn vom menschenleeren Spielplatz zurück auf den Weg, der voll mit Joggern, Spaziergängern und anderen Kindern ist, damit er sich nicht ansteckt. Natürlich ist mir auch klar, dass es darum geht, die Spielplätze leer zu halten, damit sich die Kinder nicht zu nah kommen und keine kontaminierten Oberflächen anfassen.

Mein Arbeitsauftrag für den Nachmittag lautet: in der Stadt herumfahren und gucken, wie gut sich die Berliner an die Kontaktverbote halten. Wieder bin ich im Zwiespalt. Einerseits finde ich es wichtig, das zu prüfen, denn davon hängt ab, wie schnell wir das Virus in den Griff bekommen. Andererseits komme ich mir vor wie ein Denunziant. Was werde ich da genau prüfen? "Boah, da stehen drei Personen dicht zusammen" oder "Skandal, da liegt jemand auf einer Picknickdecke"? Einerseits absurd, andererseits kein Spaß, denn es geht schließlich um Menschenleben.

Hunderte Menschen im Volkspark Friedrichshain

Ich beginne meine Tour auf dem Alexanderplatz und stelle schnell fest: alles gut hier. Die Geschäfte sind geschlossen. Auf dem gesamten Platz sind weniger als 50 Menschen unterwegs, die sich nicht zu nah kommen. Auf einer steinernen Bank sitzen sechs Personen. Sie verweilen zwar durchaus, was sie eigentlich nicht sollten, aber sie halten immerhin den 1,5 Meter Mindestabstand ein.

Ein ganz anderes Bild bietet sich an meinem zweiten Ort, im Volkspark Friedrichshain. Er ist sehr voll. Auf den Wiesen liegen hunderte Menschen auf Decken, meistens allein oder zu zweit. An einer Stelle sehe ich allerdings sechs Personen auf einer Decke. Ich spreche einige Parkbesucher an, die anonym bleiben wollen. "Ich kenne die neusten Regeln nicht so genau", sagt eine Frau, aber generell sei an der frischen Luft sein doch gut gegen die Virenverbreitung, fügt sie hinzu. Auch für das Immunsystem sei frische Luft gut, ergänzt ein Mann. Ein anderer Mann sagt, man liege doch mit großem Abstand zu den Nachbarn, wo sei denn das Problem.

"Ignoranz der Verzweiflung der Menschen in Italien, Spanien und Frankreich"

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte am Freitag in einer Videobotschaft deutlich gemacht, dass diese Argumentation nicht mehr zählt: "Bitte bedenken Sie, dass viele kleine Zweiergruppen auch eine große Menschenmenge ergeben und dass daraus wieder die entsprechenden Ansteckungsrisiken resultieren", sagte Geisel.

In den rbb|24-Kommentarspalten äußern sich viele Zuhausegebliebene deutlich drastischer über die Parkbesucher. "Unglaublich, die Leute kapieren es einfach nicht", schreibt ein User. In einem anderen Kommentar heißt es: "Die völlige Ignoranz des Leids und der Verzweiflung der Menschen in Italien, Spanien und Frankreich finde ich schockierend. Solidarität der Sonnenanbeter und Hedonisten? Gleich null."

Dicht an dicht auf dem Kollwitzplatz

Am dritten Ort meiner Tour bekomme ich es knallhart von der anderen Seite zurück. Der Wochenmarkt auf dem Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg hat geöffnet. Komische Regelung eigentlich. Dicht an dicht schieben sich die Besucher an den Bio- und Feinkostständen vorbei. Vor einem Straßenmusiker stehen und sitzen etwa vierzig Zuschauer sehr dicht im Kreis, von Abstandsregelungen keine Spur. Eine ältere Dame mit einem Weinglas in der Hand kommt entrüstet auf mich zugelaufen. Ich solle es unterlassen, zu fotografieren. Was ich hier überhaupt darstellen wolle, fragt sie mich. Sie spricht von Zeiten, in denen alle verrücktspielen würden und da müsse ich nicht auch noch Öl ins Feuer gießen.

Die spinnt doch, denke ich mir, die weiß offenbar, dass ihr Verhalten nicht korrekt ist. Andererseits komme ich mir nun tatsächlich vor, wie ein Moralapostel und Denunziant. Denn der Kollwitzmarkt darf geöffnet sein und ich fotografiere hier herumstehende Menschen wie Verbrecher. Wenn, dann muss die Polizei entscheiden, was richtig und was falsch ist. Dass ich die Ansteckungsgefahr hier viel größer einschätze, als im weitläufigen Volkspark Friedrichshain, spielt keine Rolle. Im Park war die Polizei am späten Nachmittag noch unterwegs. Sie hat die Menschen auf den Wiesen aufgefordert, aufzustehen und ihre Decken einzupacken.

Beitrag von Oliver Soos

Kommentar

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92 Kommentare

  1. 92.

    Sie outen sich nicht zum ersten Mal als Fan von totalitären Diktaturen. Mal ein Blick in das GG könnte ihre feuchten Träume schnell platzen lassen.
    Vermissen sie ihre DDR so sehr. Wanderns sie nach Nordkorea aus, dem Land ihrer feuchten Träume.

  2. 91.

    Man beachte das Wort „insbesondere“ in der Verordnung. Die genannten Ausnahmen sind nicht abschließend. Auslegungen obliegen somit Polizei und OÄ.

  3. 90.

    Ja die Schweden sind von Haus aus hoffnungslos optimistisch. Ob die Rechnung hier aber wunschgemäß aufgeht?

    Lesen Sie das vielleicht mal gaaanz in Ruhe durch und anschließend nochmal kurz drüber nachdenken, vielleicht fällt Ihnen dann etwas auf:

    https://www.spiegel.de/politik/ausland/corona-krise-schweden-verfolgt-sonderweg-im-kampf-gegen-die-pandemie-a-be9a5aef-8f7e-4d68-9448-58681f1d92f1

  4. 89.

    Und noch etwas zu den USA. Kalifornien hatte schon vor uns Ausgangssperren für 40 Mio Menschen. Ihre Infos sind offenbar sehr selektierten Ursprungs
    https://www.dw.com/de/kalifornien-verhängt-eine-ausgangssperre/a-52851088

  5. 88.

    Und schwups, einen Tag später und ihre Aussagen über die USA sind veraltet. Daran merken Sie, wie schnell die Entwicklung ist.

  6. 87.

    Voll dabei, eine totale Ausgangssperre mit massiver Überwachung notfalls auch mit Militär.
    Dann hören diese albernen Diskussionen endlich auf.

  7. 86.

    Richtig.
    Und wenn man die Zahlen einfach einmal emotionslos betrachtet, ist die Panikmache überzogen.
    Letzten Freitag sollten schließlich 350000 Infiziert sein.
    Leider werden oft nur die reißerischen Überschriften gelesen.
    Mittlerweile äußern sich immer mehr Experten, die Maßnahmen zu lockern.

  8. 85.

    Nein Monika,
    wenn in zwei Wochen noch immer alle gesund sind und die Corona-Vorhersagen wie bei der Schweingrippe 2009 falsch waren, dann wird man uns erzählen, dass nur wegen der harten Maßnahmen alles so glimpflich abgelaufen sei.
    Da stimmt zwar nicht, wie Schweden zeigt, aber irgendwie muss man dann ja aus der Nummer rauskommen.
    Die für die vergangene Woche von Virologen vorhergesagten exponentiellen apokalyptischen Anstiegen sind jedenfalls schon mal ausgefallen.

  9. 84.

    Beantwortet leider nicht meine Fragen. Eher bestätigt es meine, natürlich völlig hypothetischen Vermutungen.: Ich habe eine leichte Grippe/Erkältung, plane offenbar eine Fernreise, lasse mich Impfen, da ich mich nicht zu schlapp fühle, gehe ich Feiern, vielleicht ein paar Getränke. So vorgeschwächt, hat C19 dann leichtes Spiel und es verläuft bei mir schwerer als es Alter und Gesundheitszustand erwarten lassen. Aber wir werden es nie Erfahren.

  10. 83.

    In wie fern die Einschränkungen verhältnismäßig sind, wird sich wohl erst ermitteln lassen, wenn die weltweiten Auswirkungen der Pandemie abschließend auch vor dem Hintergrund der in den jeweiligen Ländern getroffenen Maßnahmen untersucht werden konnten.

    Es ist aber die Aufgabe des Staates sein Volk jetzt zu schützen und nicht erst irgendwann nächstes Jahr.

  11. 82.

    Steht alles in der Verordnung zur Eindämmung des Virus: Regel ist der ständige Aufenthalt in der Wohnung. Ausnahmen nur aus bestimmten Gründen, zB Sport und Bewegung an der frischen Luft. Längeres Verweilen an einem Ort im Freien ist *nicht* eine der Ausnahmen.
    Polizei und Ordnungsbehörden sind angehalten, die Einhaltung zu kontrollieren, und bei Zuwiderhandlungen können Bußgelder und Strafen verhängt werden.

  12. 81.

    Na klar das hat ja auch noch gefehlt, habe mir mal die Mühe gemacht und in die Statistik geschaut, an dem Tag sind sage und schreibe 27 Menschen zwischen 10 und 20 allein in Paris gestorben, und zwar ganz ohne Coronavirus!
    Und hört bitte endlich mit diesen unsinnigen vergleichen mit Italien auf, lest einfach die Zahlen da gibt es genügend Informationen im Internet.
    in USA z.b. ist auch nicht das ganze Land betroffen sondern hauptsächlich New York mit über 50% der Fälle.

  13. 80.

    Hallo Ole,
    kann ich nachvollziehen, Ihre Sichtweise. Aber die Antwort der Redaktion hat mich überhaupt nicht überzeugt. Wenn "anders sein" zur reinen Attitüde wird, weil man etwas unterlässt, was andere Nachbaranstalten sich gerade auf die Fahnen schreiben, weil sie den Ernst der Lage anerkennen und die Leute stärken möchten, ist das einfach nur ... Unschlüssigkeit.
    Ich vermute, es hängt mit dem Kommentar "Ausgangssperre jetzt" vor über einer Woche zusammen, den der Chef vom Dienst (Name ist mir gerade entfallen) geschrieben hat und deutlich übers Ziel hinausging ...

  14. 79.

    Corona-Infizierter war in Berliner Club: Behörden suchen Kontaktpersonen | rbb24
    https://www.rbb24.de/panorama/thema/2020/coronavirus/beitraege/coronavirus-berlin-samstag-club-trompete.html
    Nachdem er in häuslicher Quarantäne war, wurde er wieder in die Charite' gebracht,weil der COVID19-Test positiv ausfiel. Sein Zustand verschlechterte sich und den aktuellen Stand kennen Sie.

  15. 78.

    Der Smog und Feinstaub in der Luft sollten weiter so reduziert bleiben wie jetzt, denn das ist ein wesentlicher Grund für hohe Infektionszahlen, denn damit verbreiten sich Viren auch über größere Distanzen auf den Partikeln und schlecht für die Lunge ist es sowieso.

  16. 77.

    Ausgangssperre sofort !! Der Ernst der Situation scheint bei einigen nicht anzukommen. Es geht wahrscheinlich nicht mehr anders.

  17. 76.

    Eine Einschränkung eines Grundrechts muss immer "verhältnismäßig" sein - sie darf also nicht erfolgen, wenn die Gefahr auch mit geringeren Mitteln abgewehrt werden könnte. Dass ein generelles Gebot an die gesamte Bevölkerung, im Haus zu bleiben (Berlin) bzw. Verbot nach draußen zu gehen (Brandenburg) nicht unbedingt notwendig ist, um diese Epidemie zu bekämpfen, haben mittlerweile diverse Fachleute öffentlich bestätigt. Damit stehen auch die Verhältnismäßigkeit und Rechtmäßigkeit dieses Teils der Verordnung in Frage. Klar will jeder gesund bleiben, die Kritiker sind doch nicht alle suizidal! Aber wir wollen auch unsere Freiheit so weit wie möglich gewahrt wissen. Dass man schnell Maßnahmen ergreifen musste, weil die Zahlen sehr bedrohlich aussahen, können wir wohl alle akzeptieren. Trotzdem wird man die Verhältnismäßigkeit der einzelnen Maßnahmen überprüfen müssen, und die Teile lockern die nicht notwendig oder zielführend sind - so verlangt es die Verfassung!

  18. 75.

    Tja,dann recherchieren Sie doch mal selbst,wenn Ihnen Wissen fehlt.
    Seit dieser junge Mann ins Krankenhaus kam, hat der rbb in der Abendschau und hier regelmäßig und ausführlich über diesen Fall berichtet. Das muss nun in einem aktuellen Artikel zum jetzigen Sachstand nicht alles wiederholt werden.

  19. 73.

    Ja, vielen Dank für die Quellenangaben.
    Das bestätigt doch genau all meine Befürchtungen. Das Verbot längeren Verweilens bzw. Entspannens in Parks ist nichts als reine Polizeiwillkür. Hier wird etwas in eigener Regie etwas ausgelegt, was in meinen Augen, vom Senat so nicht formuliert wurde.
    Andernfalls zeige man mir bitte die Anordnung des Senats, die genau diese Vorgehensweise legitimiert.
    So etwas ist für unsere Demokratie wirklich gefährlich. Die Polizeiführung kann Anfragen an den Senat bezüglich der Auslegung stellen aber darf keine eigenen, parlamentarisch nicht gedeckten Verordnungen aufstellen !
    Wo kommen wir da eigentlich hin, es gibt kein Ermächtigungsgesetz !

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