Eine Polizeistreife fährt durch den Treptower Park und fordert die Menschen auf, die Wiese zu verlassen. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Der Absacker - Wie man Gewohnheitstiere und Schweinehunde bändigt

Die Sonne scheint, die ersten Bäume blühen – und trotzdem müssen wir die Frühlingsgefühle unterdrücken. Wie sehr die nächsten Wochen und Monate uns alle noch fordern werden, kann man gerade erst erahnen. Von Haluka Maier-Borst

Wenn man eine besonders fiese Krankheit am Reißbrett basteln müsste, Corona wäre ein ziemlich guter Entwurf. Wieso?

- Wir haben keinen Impfstoff, kein Therapeutikum.

- Der Verlauf ist schwer genug, um unsere Medizin an ihre Grenze zu bringen.

- Corona überträgt sich nicht durch riskantes Verhalten beim Sex, dem Trinken aus abgestandenem Wasser oder sonst dergleichen. Sondern wenn wir einfach unvorsichtig in unserem Alltag weiterleben. Und das ist vielleicht die größte Herausforderung.

1. Was vom Tag bleibt

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und genau das ist gerade das Problem. Alle wollen raus und nach dem Winter wieder draußen rumliegen. Und so haben die Behörden alle Hände voll zu tun. Im Landkreis Oder-Spree musste man feststellen, dass 10 Quarantäne-Fälle bei einem Kontrollgang nicht zu Hause waren. Und in Berlin musste die Polizei die Wiese des Boxhagener Platzes räumen. Wobei abzuwarten bleibt, wie erfolgreich sie damit ist. Denn einzelne Anwohner erklärten rbb|24, dass schon seit einigen Tagen die Leute dicht an dicht auf der Wiese hocken und das Ganze aussieht wie sonst am Strand.

2. Abschalten.

Heute möchte ich mal nicht auf Bücher, Musik, Kunst oder dergleichen verweisen. Sondern auf das, was ich und viele Kollegen sonst machen. Journalismus jenseits von Corona. Und es gibt da ein paar Texte von Kolleginnen, die mir hängen geblieben sind und die ich gerne als Lesestoff empfehlen würde. Auch wenn sie etwas älter sind.

Der erste Text ist von der Kollegin Claudia Wüstenhagen für das Zeit Wissen Magazin [zeit.de], in dem sie beschreibt, wie Angehörige von Koma-Patienten für ihre Liebsten Tagebuch führen. Ich weiß nur noch, dass mir beim Lesen ein paar Mal die Tränen gekommen sind. Und leider saß ich gerade im Zug und andere Reisende haben mich besorgt angeschaut.

Der zweite Text ist recht bekannt. Er ist von der Spiegel-Reporterin Özlem Gezer [spiegel.de] und dreht sich um Cornelius Gurlitt. Also jener Mann, der in seiner kleinen Wohnung Kunst hortete. Kunst, die sein Vater in Nazizeiten sich unter den Nagel gerissen hatte. Die Versuchsanlage ist absurd. Hier Gezer, die toughe Reporterin, dort Gurlitt, der zerbrechliche, alte Mann, und beide reisen über Tage durch die Gegend.

Und der letzte Text ist von Lena Niethammer für das Magazin Dummy [dummy-magazin.de] und etwas lockerer. Niethammer besucht einen Spieleabend für Hochbegabte und ich war am Ende des Textes heilfroh, nicht superintelligent zu sein.

Übrigens: Die Kollegin Fabienne Hurst macht etwas Ähnliches drüben auf Twitter derzeit für Dokumentationen.

3. Und wie geht's?

Heute sind wir dran, zu sagen, wie es uns geht. Und heute muss unser Chef Wolfram dran glauben:

Die letzten Wochen waren verrückt. Seit Jahren sieht man das Team jeden Tag, arbeitet auf Zuruf. Und plötzlich musst du bei laufendem Betrieb die komplette Redaktion vom Büro ins Homeoffice verfrachten und siehst niemanden. Das heißt, in vielen Momenten in den letzten drei Wochen sind wir blind geflogen. Aber was soll ich sagen: es hat weitestgehend geklappt.

Ein Vorteil war sicher, dass ich selbst immer schon gerne den Extremfall durchdenke und ihn auch schon ein paar Mal erlebt habe. Zum Beispiel den Mauerfall oder den 11. September, wo man nie wusste, was am nächsten Tag passiert.

Aber auch die Redaktion hat Krisenlagen durchlebt und das ganz ohne mich. 2016, als der Anschlag am Breitscheidplatz war, war ich im Urlaub. Ich konnte also nur die Füße still halten und von draußen draufschauen. Und: die KollegInnen haben das super bewältigt.

Das ist für uns alle die erste Epidemie, und in solchen Lagen können auch Fehler passieren. Aber wir versuchen gerade unser Bestes.

Morgen sind Sie als Leser wieder dran uns zu sagen, was Ihnen so durch den Kopf schießt. Also schreiben Sie mir doch: haluka.maier-borst@rbb-online.de

4. Ein weites Feld

Nachdem ich gleich zu Anfang recht rabiat vom Konzipieren von Epidemien sprach, eine gute Neuigkeit: Heute war der erste Tag, an dem ich wieder raus durfe. Zwei Wochen lang war ich nach einer Reise in die Schweiz in freiwilliger Quarantäne. Und manchmal fühlte es sich an, als sei ich auf einem Raumschiff gefangen. Entsprechend hatte ich heute auch ein bisschen Erscheinungen von Alltagsentzug.

Als ich mir für das Rausgehen die Schuhe angezogen hatte, fühlte es sich an, als würden meine Füße in Watte schlüpfen. Bis ich mein Portmonee endlich gefunden hatte, verging eine Viertelstunde. Und selbst der Gang zum Supermarkt, in dem vor allem Bio-Feigen und Bio-Seife fehlten, war gewöhnungsbedürftig. Aber ich habe es genossen.

Die nächsten Wochen und Monate werden für uns alle anstrengend sein. Und selbst wenn mal die Kontaktsperre gelockert wird, werden wir nicht auf einen Schlag zurück in den Alltag wechseln können. Aber vielleicht können wir uns an diesen kleinen Momenten der Normalität durch die Zeit hangeln. Die Pizza zum Mitnehmen. Der Spaziergang zu zweit, wenn auch mit Abstand, durch den Park. Und so ein bisschen den inneren Schweinehund zähmen, der am liebsten all die Regeln gerade ignorieren würde.

Bis morgen, bleiben Sie drinnen und Prost, sagt

Haluka Maier-Borst

Alle Absacker

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  1. 1.

    Am Reisbrett?

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