Kritik an Corona-Strategie - Beim Schutz der Alten ist Schweden gescheitert

Di 19.05.20 | 12:11 Uhr | Von Anke Fink
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Symbolbild: Eine Frau wird in einem Seniorenpflegeheim von einer Pflegerin betreut (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Bild: dpa/Jens Kalaene

Seit Beginn der Corona-Pandemie steht Schweden nicht mehr für Abba und Bullerbü, sondern seinen Sonderweg in der Krise. Die Strategie, auf Freiwilligkeit bei Abstand und Hygiene zu setzen, ist nur bedingt gelungen - auf Kosten der Alten. Von Anke Fink

Schweden hat jetzt neuerdings rechtspopulistische, wirtschaftsfreundliche und konservative Fans auf der ganzen Welt. Der Grund ist der eher moderate Umgang des Landes mit der Corona-Pandemie, der nun von Lockdown-Kritikern als der einzig richtige propagiert wird: Schulen bis Klasse 9 und Restaurants sind geöffnet, Versammlungen bis zu 50 Personen erlaubt und ein Mundschutz ist nicht verpflichtend.

Das größte Land in Skandinavien, das eigentlich für seinen Wohlfahrtsstaat, die weit fortgeschrittene Gleichberechtigung und dem Willen zu Diversität bekannt ist, wird nun unfreiwillig zum leuchtenden Beispiel für Protest aus jeder erdenklichen Richtung.

Fast 90 Prozent der Toten über 70 Jahre alt

Dabei ist der Kurs, den die Schweden fahren, durch eigenes Verschulden in Misskredit geraten. Zwar ist der Appell an die Freiwilligkeit der Bewohner, auf Abstand zu gehen und zu Hause zu arbeiten, beim Blick auf die Reproduktionszahl geglückt. Sie liegt seit Ende April recht stabil bei unter 1.

Aber Schweden hat vergleichsweise viele Tote durch Covid-19 zu beklagen. Genau an dieser Stelle ist die Strategie zumindest vorerst gescheitert, wie die schwedische Politikwissenschaftlerin und Chefanalystin des gewerkschaftsnahen Thinktanks "Arena Idé", Lisa Pelling, rbb|24 sagte. Die allermeisten Opfer von Covid-19 sind ältere und pflegebedürftige Menschen. Fast 90 Prozent aller schwedischen Corona-Toten sind über 70 Jahre alt.

Insgesamt steht Schweden inzwischen laut Johns Hopkins Universität bei mehr als 30.000 Infektions- und rund 3.700 Todesfällen. (Stand 19. Mai). Das sind 3,8 Mal so viele Tote wie in Deutschland bezogen auf eine Million Einwohner.

Gesundheitsbehörde schockiert über Zustand in der Altenpflege

Die schwedischen Behörden haben inzwischen zugegeben, dass es das große Versagen der Politik ist, die Altersheime und pflegebedürftigen Menschen nicht ausreichend vor dem Virus geschützt zu haben. Lisa Pelling berichtet, dass die schwedische Gesundheitsbehörde nicht gewusst habe, "wie schlecht organisiert, wie ressourcenarm und unter welchen schlechten Arbeitsbedingungen" in den Altersheimen und in der häuslichen Pflege gearbeitet wird.

"Sie waren selbst schockiert, das zu entdecken." Johan Carlson, Chef der Gesundheitsbehörde und verantwortlich für die schwedische Strategie gegen die Pandemie wies in einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" die Schuld dafür von sich. Dass die Mitarbeiter in der Pflege schlecht ausgebildet seien und Schutzkleidung fehlte, läge nicht im Einflussbereich der Gesundheitsbehörde.

Pflegepersonal kann nicht zu Hause bleiben

Der Grund für die hohe Zahl an Todesfällen in Pflegeheimen sind nicht die Angehörigen, die seit dem 1. April ohnehin nicht mehr zu Besuch kommen dürfen, sondern das Personal. Ein wichtiger Pfeiler der schwedischen Corona-Strategie ist es, zu Hause zu bleiben, wenn man sich krank fühlt. Selbst kleinste Anzeichen einer Erkältung reichen.

Doch Lisa Pelling zufolge haben die Behörden nicht verstanden, dass die Menschen, die in der Pflege arbeiten, diesem Rat nicht folgen können, weil viele nur stundenweise beschäftigt sind und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bekommen. "Wenn sie nicht zur Arbeit erscheinen, bekommen sie kein Geld."

In Göteborg sei kürzlich das Personal eines Altersheims untersucht worden. Von 57 Pflegerinnen und Pflegern, die an diesem Tag arbeiten gehen wollten, hatten demnach 40 Prozent Krankheitssymptome wie Husten, Halsweh oder sogar Fieber, mit denen sie, wenn sie den Anweisungen der Gesundheitsbehörde gefolgt wären, eigentlich zu Hause hätten bleiben müssen.

Vier der Pflegenden seien sogar positiv auf Covid-19 getestet worden, so Lisa Pelling. In anderen Untersuchungen hätten viele angegeben, dass sie zur Arbeit gehen, weil die äteren Leute sie brauchten, selbst wenn sie als Pflegende einen Schnupfen haben. Durch den Personalmangel, der ohnehin schon so groß ist, gehen sie zusätzlich aus purer Solidarität zur Arbeit. "Sie wollten ihren Kollegen das nicht antun, dass diese doppelt so viel arbeiten müssen."

"Altenpflege hat schwächste Lobby"

Dass die Situation in Altersheimen oder für Pflegebedürftige zu Hause gefährlich ist, führe inzwischen dazu, dass manche Alte die Pflegekräfte nicht mehr ins Haus ließen, was zu gesundheitsgefährdenden Situationen führen könnte, berichtet Lisa Pelling weiter. Die Altenpflege habe die schwächste Lobby in Schweden.

Eine Untersuchung über die Budgets der Gemeinden für die Alterspflege des Thinktanks "Arena Idé" (erschienen in März 2020) habe dies bestätigt. Danach hatten 96 Prozent der schwedischen Gemeinden vor, das Budget in der Alterspflege im Jahr 2020 zu kürzen. Zudem werde seit 20 Jahren in diesem Bereich kontinuierlich gespart. Als Begründungen werden Effizienz und neue Arbeitsmethoden genannt, wie Lisa Pelling erklärt. "Es gibt eine Menge Umschreibungen für Kürzungen. Man sagt es nur nicht deutlich."

Zwölf Pflegefälle pro Tag

Gleichzeitig seien die Menschen, die häusliche Pflege bekommen oder in Altersheimen untergebracht sind, in den letzten 20 Jahren bedürftiger und kranker geworden. Alte Menschen werden in Schweden möglichst lange zu Hause betreut, bis sie so gebrechlich sind, dass sie rund um die Uhr der Pflege bedürfen und kommen erst dann in Altersheime. Da das System immer mehr auf Effizienz ausgerichtet worden sei, bekämen mehr und mehr Menschen nicht die Hilfe, die sie eigentlich bräuchten.

Eine Zahl, die in diesem Zusammenhang besonders häufig zitiert wird, ist, dass in den 1980er Jahren in der häuslichen Pflege eine Person an einem Vollzeitarbeitstag durchschnittlich vier Menschen besucht habe, inzwischen seien es zwölf, erzählt Lisa Pelling. Damit habe das Personal im Schnitt nur noch eine Viertelstunde Zeit, um bei den Pflegebedürftigen zu sein.

Karenztag im Krankheitsfall abgeschafft

Die Forderungen, diesen Umständen Rechnung zu tragen, sind in Schweden sehr schnell laut geworden und haben auch schon erste Auswirkungen gezeigt. Im Krankheitsfall gab es einen Karenztag, an dem Arbeitnehmer kein Geld bekommen und der Arbeitgeber erst am zweiten Tag dazu verpflichtet ist, einen Teil des Gehaltes weiterzuzahlen. Dieser Karenztag sei dafür da, dass das Gesundheitssystem nicht ausgenutzt werde, so Lisa Pelling. Aber in der aktuellen Situation, wo Menschen auch mit kleinsten Symptomen unbedingt zu Hause bleiben müssten, sei dieser abgeschafft worden.

Eine weitere Forderung war, Pflegepersonal feste Arbeitsverträge zu geben, damit die Beschäftigten nicht mehr nur stundenweise bezahlt werden. Einige Gemeinden hätten dies nun eingeführt. Uppsala und Södertälje bei Stockholm seien die ersten zwei gewesen, denen sich viele andere angeschlossen hätten. Zudem hat die Regierung beschlossen, etwa 10.000 Beschäftigten in der Pflege eine ordentliche Ausbildung zu finanzieren, damit sie im Anschluss bessere Verträge bekommen können. Dass das Personal mit ausreichend Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel ausgestattet wird, stand von Anfang an als Forderung auf der Agenda. Aber die Bereitstellung sei einfach nicht möglich gewesen, berichtet die Arena-Chefanalystin. "Es lag nicht am Geld oder am Willen."

Kranke tauschen sich bei Facebook aus

Obwohl die Reproduktionszahl bei den Corona-Infizierten in Schweden in der zweiten April-Hälfte fast kontinuierlich unter 1 gelegen hat und die Zahl neuer Intensivpatienten auch nach und nach zurückgeht, kritisiert Lisa Pelling das aus ihrer Sicht unterfinanzierte schwedische Gesundheitswesen und die Kliniken in der Pandemie. Sie höre von Menschen, die obwohl positiv getestet und mit starken Symptomen, nicht in Krankenhäusern aufgenommen werden mit der Begründung, sie seien nicht krank genug. Erkrankte, die sich aufgrund fehlender Tests nicht sicher sein können, ob sie Covid-19 haben oder nicht, müssten sich zu Hause auskurieren, ohne Kontakt zu Ärzten, Pflegepersonal oder einer eigenen Covid-Hotline, die sie anrufen könnten.

Stattdessen seien sie den langen Wartezeiten der normalen Hotline ausgeliefert und meistens ganz auf sich allein gestellt . "Das ist gefährlich, denn einige davon werden sterben." Inzwischen tauschen sich Kranke bei Facebook aus, um sich über Symptome zu informieren oder Ratschläge zu holen, wie Lisa Pelling berichtet. Wenn sie sehe, wie das deutsche Gesundheitswesen funktioniert und wie mit den Erkrankten umgegangen wird, habe das möglicherweise zu den niedrigeren Todeszahlen in Deutschland geführt. Das Gesundheitssystem in Schweden sei in den vergangenen 20 Jahren "von einem neoliberalen Virus befallen worden", erklärt Lisa Pelling, was dazu geführt habe, dass Schweden bei Krankenhausbetten Schlusslicht von Europa ist.

Offene Schulen sind wichtig

Die schwedische Strategie, Risikogruppen zu schützen und die anderen nach und nach zu infizieren, sei in Bezug auf die Älteren nicht aufgegangen, stellt die Expertin fest. Dennoch unterstützt sie den moderateren Kurs der Gesundheitsbehörde, da das Virus ohne eine Impfung nicht aus der Gesellschaft verschwinden werde. Das einzige, was bleibe, sei die Übertragung zu bremsen und zu schauen, dass die Leute, die womöglich schwer erkranken überhaupt nicht angesteckt werden, argumentiert Lisa Pelling.

Womöglich hätte ein zweiwöchiger Lockdown geholfen, um das Pflegepersonal mit Schutzkleidung auszustatten und sie zu schulen hinsichtlich der Übertragbarkeit des Virus. "Dann wäre ein Besuchsverbot in den Altersheimen vielleicht ausreichend gewesen", so die Analystin. Beim Verzicht auf Schulschließungen, die erst ab Jahrgangsstufe 9 auf Distanzunterricht umgestellt haben, hat die Behörde ihrer Ansicht nach Recht, denn die Frauen und auch Männer, die in Pflegeheimen und in Krankenhäusern arbeiten, seien häufig auch Eltern. "Wenn keine Schule oder Kita ist, hätten sie gar nicht arbeiten gehen können und das wäre für die Gesundheit der Älteren auch sehr gefährlich gewesen."

Die schwedische Argumentation, dass früher oder später ein Großteil der Bevölkerung angesteckt wird, ist für Lisa Pelling plausibel. "Man kann das Virus nicht ausrotten, es überträgt sich zu schnell und es sind zu viele Leute schon infiziert." Leider gebe es erstmal keinen anderen Weg, als dass die Ältesten und die Kranken zu Hause bleiben müssten, eventuell monatelang.

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