Start am Dienstag - Die Corona-Warn-App - umstritten, aber freiwillig

Mo 15.06.20 | 09:35 Uhr | Von Jule Käppel
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Eine Frau mit Mund-Nasen-Maske schaut auf ihr Smartphone. (Quelle: imago-images/HMB Media)
Audio: Inforadio | 15.06.2020 | Jule Käppel | Bild: imago-images/HMB Media

Die umstrittene Corona-Warn-App ist seit der Nacht zu Dienstag freigeschaltet. Wer sie auf dem Smartphone installiert, erhält eine Warnung, wenn sich ein Corona-Infizierter in der Nähe aufgehalten hat - vorausgesetzt, der nutzt auch die App. Von Jule Käppel

"Machen Sie Ihr Smartphone zum Corona-Warn-System", diese Einladung steht auf der schlichten Begrüßungskachel der Corona-Warn-App. Sie funktioniert so: Über das Bluetooth-Signal tauschen die Handys im Umkreis untereinander Identifikationsnummern aus. Diese "IDs" erneuern sich ständig und werden ausschließlich auf dem eigenen Smartphone gespeichert.

Eine Risikomeldung geht raus, wenn eine positiv getestete Person ihren Infektionsstatus in die App einträgt. Dann erhalten die gesammelten Kontakte eine Warnung, die jedoch keine Rückschlüsse auf die konkrete Begegnung zulässt. Der Abgleich, ob es ein riskantes Treffen gab, geschieht allein auf Basis der gespeicherten, zufälligen Zahlenfolgen – und lokal auf dem Smartphone, nicht auf einem zentralen Server. Diese Lösung hat sich nach intensiver Datenschutzdebatte durchgesetzt.

Amtsärztin: "Die App entlastet uns nicht"

Bis jetzt hat sich Gudrun Widders mit ihrem "Ermittlungsteam" im Gesundheitsamt Berlin-Spandau um die Nachverfolgung der Kontakte gekümmert. Die Corona-Warn-App soll die Behörden bei dieser Arbeit unterstützen, sie ist für die Amtsärztin aber keine Hilfe. "Die App entlastet uns in unserer Arbeit nicht. Mit der App allein wird die Hotline nicht gemacht, wird die Ermittlungsarbeit nicht gemacht, die Kontaktbetreuung nicht gemacht", sagt die Leiterin des Spandauer Gesundheitsamtes. "Mit der App allein werden auch keine Abstriche gemacht – im Gegenteil: Das wird alles viel mehr werden."

Aber wollen sich die Menschen überhaupt von einer solchen Corona-App warnen lassen? Vor dem Gesundheitsamt in Spandau löst allein der Gedanke daran gemischte Gefühle aus. Die Anwendung ist umstritten und bestmöglicher Datenschutz sei die Grundvoraussetzung für die Installation.

"Der gewählte Ansatz für die Corona-Warn-App war die bestmögliche Lösung. Durch Transparenz, eine Veröffentlichung des Quellcodes und eine dezentrale und datensparsame Umsetzung der Kontaktnachverfolgung ist mit Bezug zum Datenschutz Entwarnung zu geben", sagt der Berliner Software-Entwickler Henning Tillmann, Co-Vorsitzender von D64, Zentrum für Digitalen Fortschritt e.V.. Seiner Ansicht nach, spreche nichts gegen die Installation der App. Tillmann gibt zu Bedenken: "Wieviel die App aber helfen wird, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen."

Jurist warnt vor Zwang durch die Hintertür

Um Vertrauen in der Bevölkerung zu schaffen, ist der Programmier-Code der App im Internet öffentlich einsehbar. Mehr als 65.000 Nutzerinnen und Nutzer haben ihn nach Angaben des IT-Dienstleisters SAP gesichtet und konnten sich mit Verbesserungsvorschlägen beteiligen.

Unter besonderer Beobachtung steht der Aspekt der Freiwilligkeit. Jurist Christian Thönnes vom Berliner Verein Gesellschaft für Freiheitsrechte sagt, es dürften keine Nachteile entstehen, wenn die App nicht installiert ist - beispielsweise am Arbeitsplatz, im Nahverkehr oder bei Veranstaltungen. Andernfalls drohe ein Zwang durch die Hintertür, warnt er. "Das könnte dazu führen, dass man zwar nicht unmittelbar dazu gezwungen wird, diese App auf seinem Handy zu installieren, aber das Leben in der Öffentlichkeit könnte ganz massiv eingeschränkt sein, wenn man sie nicht nutzt. Dann bleibt von der formellen Freiwilligkeit dieser Installation, materiell nicht mehr viel übrig."

Ein Gesetz könnte die freiwillige Nutzung fest verankern. Die Bundesregierung hält das bislang nicht für notwendig.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Programmier-Code der App sei von 65.000 unabhängigen Software-Entwicklern und IT-lerinnen (statt allgemein: Nutzerinnen und Nutzern) gesichtet worden. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Sendung: Inforadio, 16.06.2020, 6.00 Uhr

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