#Wiegehtesuns | Der Pendler - "Während der Zugfahrt haben sich schon richtige Freundschaften ergeben"

Jochem Freyer
Audio: Antenne Brandenburg | 30.06.2021 Felicitas Montag | Bild: Agentur für Arbeit Frankfurt (Oder)

Tausende Menschen pendeln regelmäßig für ihren Job von Berlin nach Brandenburg. Dazu gehört auch Jochem Freyer, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Frankfurt (Oder). Seit zwölf Jahren ist er Berufspendler. Ein Gesprächsprotokoll.

Vor mehr als einem Jahr gab es die ersten Corona-Fälle in Berlin und Brandenburg. Seither stellt das Virus unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Alltag seither verändert hat.

Jochem Freyer ist 57 Jahre alt und seit 2009 Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Frankfurt (Oder). Seitdem pendelt er fast täglich von Berlin-Pankow mit dem Regionalexpress R1 nach Frankfurt.

Während der etwa einstündigen Zugfahrt kann ich mich gut erholen und arbeiten. Im Laufe der Jahre habe ich auch schon viele nette Menschen kennengelernt, die auch pendeln, da haben sich schon richtige Freundschaften ergeben.

Vor der Pandemie war ich eher selten im Homeoffice und auch während des ersten Lockdowns bin ich meistens weiter ins Büro gefahren. Es war einfach unglaublich viel zu organisieren und abzustimmen. Mir war auch der persönliche Eindruck weiterhin sehr wichtig. Wir mussten ja das ganze Haus umbauen, um auch die Kurzarbeiterwelle zu bewältigen.

Mit Beginn des zweiten Lockdowns bin ich dann auch häufiger im Homeoffice gewesen. Vieles hatte sich schon eingespielt in der Arbeitsagentur, also es war nicht mehr so viel täglich abzustimmen. Natürlich hatte sich auch die technische Ausstattung weiterentwickelt.

Zu Hause habe ich kein klassisches Büro, aber ein abgeschlossenes Zimmer. Ich habe es noch nicht geschafft, mir in dieses Zimmer einen richtigen Bürostuhl zu stellen, es ist weiterhin ein übliches Möbelstück. Von daher ist da bei mir noch Nachbesserungsbedarf.

Wir haben unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon vor der Pandemie das mobile Arbeiten ermöglicht, aber nicht in dem Umfang der letzten Monate. Von daher war es für uns kein Neuland. Wir haben uns dazu entschlossen, dass es mit dem offiziellen Ende der Home-Office-Pflicht am 30. Juni kein abruptes Ende bei uns geben wird.

Wir hatten immer den Grundsatz, jeder kann, keiner muss. Das hat auch immer super funktioniert, die Teams haben sich selbst organisiert. Gut die Hälfte war im Home-Office, die meisten sind zumindest tageweise gekommen. Und so werden wir es auch in nächster Zeit halten und dann entscheiden, wie wir die Regeln für die Zukunft schaffen.

Es gibt für mich eine ganze Reihe von Vorteilen beim mobilen Arbeiten, aber auch Nachteile.

Auf der Pro-Seite steht natürlich, dass sich dadurch die Kontakte erheblich reduziert haben. Vielen hat es auch geholfen, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen, die Kinder zu betreuen, die nicht in die Schule gehen konnten. Das waren natürlich pandemiebedingte Vorteile. Dauerhaft bliebe sicherlich auch der Gewinner Umwelt, wenn weniger Verkehr auf der Straße ist, wenn Ressourcen insgesamt geschont werden.

Schwierig ist für mich weiterhin, die Bindung innerhalb der Organisation aufrecht zu erhalten, wenn viele nur tageweise da sind, vielleicht auch nicht zur gleichen Zeit da sind, um Absprachen zu treffen. Dass auch informelle Informationen fließen, was ganz wichtig ist, das geht schon verloren.

Es gibt ja enorm viele Kolleginnen und Kollegen auch bei uns, die sehr engagiert sind und keinen Feierabend kennen. Also das Thema Entgrenzung zwischen Arbeit und Beruf, das ist natürlich nicht abschließend geklärt. Wenn jeder zur Zeit zu Hause auch arbeiten kann und es keinen geregelten Feierabend gibt.

Ich werde auch zukünftig überwiegend in mein Büro fahren. Wir haben ja auch Geschäftsstellen verteilt über Ostbrandenburg, die möchte ich auch besuchen. Der persönliche Eindruck ist nicht zu ersetzen durch virtuelle Kommunikation, er kann maximal ergänzt werden.

Gesprächsprotokoll: Felicitas Montag

Sendung: Antenne Brandenburg, 30.06.2021, 14:40 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Er hatte eben das Glück, nicht auf die Berliner S-Bahn angewiesen zu sein..

  2. 5.

    Die 4 Mio für Scheuers Anwälte in dem von ihm verschuldeten Mautverfahren einfach mal in den ÖPNV stecken.

  3. 4.

    Dieser Mann erzählt etwas aus der Sicht eines Privilegierten unserer Gesellschaft. Diese Position bekleiden recht wenige Menschen und ihre soziale Sicherheit, ihr Status, weicht extrem von der Situation der produktiven Arbeit ab und deshalb ist das eine Welt, die parallel zu der tatsächlichen Arbeit am Menschen, in der Produktion, im Handwerk verläuft und wenig mit Realitäten aller Arbeitenden in sich trägt. Homeoffice ist ein für diese Arbeit recht fiktives Wort, weil kein Pfleger, kein Logistiker usw., dieses Privileg für sich je beanspruchen kann und nicht eine dieser Sicherheiten geltend machen kann. Welten prallen da aufeinander.

  4. 3.

    Wie wäre es, jemanden zu befragen, der auch pendelt, aber nicht zur Upperclass in der Arbeitnehmerschaft gehört? Das würde ein realistischeres Bild geben als nur welche, die eh schon wegen der Stellung im Unternehmen, bessere Bedingungen haben und sich die Pendelei eher leisten können.

  5. 2.

    Eine Stunde Fahrzeit ist doch supi - ich sollte mich in FFO bewerben. Ich fahre vom Südrand Berlin bis Grenzallee 1 Std. Mit Öffis länger. für 25 km. Freundschaften habe ich keine geschlossen. Homeoffice ist im Mittelstand nicht gewünscht. Also Herr Freyer hat echt und wirklich Glück mit Job und Fahrweg.

  6. 1.

    Dieses Zitat lässt aufhorchen: "Es gibt ja enorm viele Kolleginnen und Kollegen auch bei uns, die sehr engagiert sind und keinen Feierabend kennen. Also das Thema Entgrenzung zwischen Arbeit und Beruf, das ist natürlich nicht abschließend geklärt. Wenn jeder zur Zeit zu Hause auch arbeiten kann und es keinen geregelten Feierabend gibt. "
    Der Arbeitsdruck durch Zielvorgaben und diverse interne Dinge ist enorm gewachsen und wer meint, dass es im ÖD ruhig zugeht, der soll sich bei der Agentur bewerben und sich eines Besseren belehren lassen. Die zahl der krankheitsbedingte Ausfälle wegen des hohen Drucks steigt, Personal wird abgebaut und die "Führung" hockt in klimatisierten Räumen während der Mob kaum klarkommt. Nach außen modern, innen wie zu Kaisers Zeiten. Und wer sowas anspricht ist ein Systemfeind, kommt nicht weiter und bekommt nur Absagen auf int. Bewerbungen. Diversität nur nach außen.

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