#Wiegehtesuns | Ehrenamtliche - "Irgendjemand muss doch hinsehen"

#Wiegehtesuns? - Rosemarie Franke vor der Bahnhofsmission Ostbahnhof (Quelle: Josefine Janert)
Audio: rbbKultur | 20.06.2021 | Josefine Janert | Bild: Josefine Janert

Rund 150 Menschen suchen täglich die Bahnhofsmission am Berliner Ostbahnhof auf. Seit 18 Jahren arbeitet Rosemarie Franke dort ehrenamtlich. Auch hier hat Corona seine Spuren hinterlassen, sagt sie. Ein Gesprächsprotokoll.

Vor mehr als einem Jahr gab es die ersten Corona-Fälle in Berlin und Brandenburg. Seither stellt das Virus unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Alltag seither verändert hat.

Rosemarie Franke ist 64 Jahre alt. Seit rund 18 Jahren arbeitet sie als ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Bahnhofsmission am Ostbahnhof. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Die Zahl der Gäste, die zu uns in die Bahnhofsmission am Ostbahnhof kommen, ist in etwa so groß wie vor der Pandemie: 150 Menschen pro Tag, an Wochenenden bis zu 300. Doch ein paar Stammkunden sind weggeblieben, und Neue sind hinzugekommen.

Was sie hertreibt, ob sie wegen Corona arbeitslos geworden sind, wissen wir oft nicht. Denn wir haben viel weniger Möglichkeiten, uns mit ihnen zu unterhalten, als vorher. Wir – das sind die zwei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und die hauptamtliche Mitarbeiterin, die jeweils zusammen eine Schicht machen.

Insgesamt arbeiten bei der Bahnhofsmission am Ostbahnhof vier Hauptamtliche und 30 Ehrenamtliche.

Früher konnten zwischen 8:30 und 12 Uhr und zwischen 13:30 und 16:30 Uhr jeweils acht Gäste unsere Räume betreten. Sie konnten kostenlos die Toilette benutzen, für einen Euro duschen und 30 Minuten hier sitzen, essen und trinken. Das geht jetzt wegen der Hygieneregeln nicht.

Wir bauen morgens vor unserer Tür einen Tisch auf und verteilen Stullenpakete, die Mitarbeitende der Berliner Stadtmission vorbereitet haben. Wenn Zeit ist, geht eine von und raus und spricht mit Menschen, die sich über soziale Angebote in der Stadt beraten lassen möchten. Doch das geschieht viel seltener als früher.

Da wir ein niedrigschwelliges Angebot sein wollen, würden wir von uns aus nie jemandem Fragen stellen. Doch viele fangen von sich aus an zu erzählen – wo sie die Nacht verbracht haben, was sie früher gearbeitet haben, wie es ihnen geht. In den 18 Jahren, in denen ich als Ehrenamtliche bei der Bahnhofsmission arbeite, habe ich schon allerhand Geschichten gehört.

Um die Jahrtausendwende spielte das Ost-West-Thema noch eine große Rolle. Es gab einen Mann, der sagte, wenn er unsere Räume betrat, jedes Mal anklagend "Die BRD". Wenn jemand fragte "Na und?", begann er einen langen Monolog darüber, wie schön die DDR gewesen sei.

Ich erinnere mich an eine Alkoholikerin, die eines Tages grün und blau geschlagen bei uns ankam. Sie sagte, ihre Nachbarn hätten sie verprügelt, und sie habe das bei der Polizei angezeigt. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Viele Gäste sind psychisch krank, alkohol- und drogensüchtig. Sie phantasieren sich Geschichten zusammen, manches ist aber auch real.

Einige haben jetzt ganz große Angst vor dem Coronavirus. Andere lehnen die Impfung kategorisch ab. Das Verhältnis von Befürworter zu Gegnern der Impfung ist so wie beim Rest der Bevölkerung, würde ich sagen.

Meiner Kollegin ist mir aufgefallen, dass einige Gäste jetzt noch mehr riechen als vor der Pandemie. Das liegt einerseits an der Hitze. Andererseits können viele soziale Einrichtungen nicht mehr so viel Leute zum Duschen reinlassen.

Manche Menschen leben mit offenen Wunden auf der Straße. Ich habe schon Leute erlebt, die wegen solcher Verletzungen ein Verwesungsgeruch umgab.

Warum ich die Arbeit in der Bahnhofmission mache? Ich würde sagen: Ich bin privilegiert.

Mit meinem Mann wohne ich in einem schönen Haus mit Garten. Ich habe drei erwachsene Kinder, zwei Enkel und einen großen Freundeskreis. Ich musiziere in einem Senioren-Orchester, fühle mich in meiner evangelischen Gemeinde aufgehoben. Mir geht es gut. Deshalb will ich etwas für andere Leute tun, aus christlicher Nächstenliebe. Viele Menschen gehen ja achtlos an den Bedürftigen vorbei. Sie schauen lieber weg. Irgendjemand muss doch hinsehen! Und das bin ich, ich mache das gern.

Gesprächsprotokoll: Josefine Janert

Sendung: rbbKultur, 20.06.2021, 12:10 Uhr

Was Sie jetzt wissen müssen

10 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 10.

    Ja ja… Die bösen Kirchen. Und der tolle Staat, der es ja offenbar nicht schafft, solche Einrichtungen überflüssig zu machen. Aber so nebenbei gefragt, was wäre unsere Gesellschaft ohne ehrenamtliche Helfer und Hilfsorganisationen? Von den Kirchen (es gibt nicht nur eine, wie Sie ja behaupten) über das DRK zB bis bis hin zu kleinen privaten Stiftungen usw… Und in jeder Organisation gibt es Kritikpunkte.

  2. 9.

    Es gibt Menschen, die können nicht anders. Immanuel tut mir leid. Wer so engstirnig ist, wird nie verstehen, wie wichtig die Hilfe am Menschen ist.

  3. 8.

    Sie haben offenbar keine Ahnung. Beschäftigen Sie sich doch mal mit der Einrichtung.

    https://www.bahnhofsmission.de/index.php?id=15

    Ihren polemischen Rundumschlag nehm ich zur Kenntnis, Sie tun mir Leid. Aber schmälern Sie bitte nicht die Leistung der ehrenamtlichen Helfer.

  4. 7.

    Ihr Kommentar ist angesichts der ehrenamtlichen Helfer und wer dies organisiert nur peinlich. Sie sollten sich mal gründlich überlegen, warum Sie dies hier machen. Besonders die Bahnhofsmissionen sind absolut notwendig. Danke an die Menschen, die sich dort engagieren.

  5. 5.

    Das alles rechtfertigt aber nicht, dass die Kirchen Kindern in der Schule den Schöpfungsmythos als Tatsache lehren dürfen, dass die Kirchen ihren Arbeitnehmern weniger Rechte gewähren dürfen als alle anderen Arbeitgeber ("der 3. Weg": kein Betriebsrat, kein Streikrecht, Diskriminierung wegen sexueller oder religiöser Orientierung, Wiederheirat oder Kirchenaustritt etc.), durch die Staatsverträge sehr viel Geld vom Staat ohne Gegenleistung bekommen etc. pp. Insofern kann man nur sagen, dass die ganzen Sozialleistungen letztendlich nicht die Kirchen, sondern der Staat - entweder direkt als Förderung oder indirekt als Staatsleistungen - bezahlt.

    Der Kampf der Kirchen für gesellschaftlichen Stillstand und Rückschritt bei den Menschenrechten ist auf jeden Fall zurecht kritikwürdig.

  6. 4.

    Da muss ich Ihnen Recht geben. Gerade die Kirchen bieten sehr viel Hilfe an was eigentlich Sache des Senates ist.
    Ein sehr guter Bericht davon könnte es mehr geben.
    Meine Hochachtung gilt der Frau Franke.

  7. 3.

    Man sollte auch mal erwähnen, dass es eine kirchliche Hilfsorganisation ist. Wenn ich bedenke, wie in Berlin immer wieder auf die Kirchen eingedroschen wird….

  8. 2.

    Toller Beitrag, mehr von diesen Menschen, die bedingungslos helfen. Wäre eine gute Beitragsreihe, die uns das Miteinander und Füreinander vor Augen führt und sichtbar macht.

  9. 1.

    Liebe Frau Franke, vielen Dank, dass Sie das Ehrenamt ausführen.

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren