#Wiegehtesuns | Mutter zweier Grundschüler - "Jetzt sitzen die Kinder wieder bei fünf Grad am offenen Fenster und frieren"

Fr 05.11.21 | 14:57 Uhr
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Schüler:innen sitzen in ihren dicken Winterjacken bei offenem Fenster in einem Klassenraum (Quelle: imago images/Christoph Reichwein)
Bild: imago images/Christoph Reichwein

An die Schulschließungen erinnert sich Julia T. nicht gern. Denn auch ihre Kinder haben diese Zeit nur schwer wegstecken können. Nun hofft sie, dass es trotz hoher Inzidenzen nicht nochmal so weit kommt - und ärgert sich über fehlende Luftfilter.

Corona stellt noch immer unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Julia T. (*Name von der Redaktion geändert) ist die Mutter zweier Grundschüler, die zehn und zwölf Jahre alt sind. Sie leben gemeinsam, mit Julias Mann, in Berlin-Pankow, wo die Kinder auch zur Schule gehen. Die bisherige Corona-Zeit, insbesondere die Schulschließungen, haben der Familie einiges abverlangt. Jetzt hofft Julia, dass es so weit nicht noch einmal kommt. So geht es Julia:

Ich arbeite fast Vollzeit, genau wie mein Mann. Wir haben unsere Stellen beide – schon vor Corona – ein wenig reduziert, sodass wir uns die Betreuung der Kinder an den Nachmittagen aufteilen können.

Was Corona betrifft, gehen die Zahlen ja jetzt wieder durch die Decke, die Ministerpräsidenten wollen wieder tagen und die Booster-Impfungen werden diskutiert. Und ich muss sagen, dass es mich wirklich ärgert, dass alle so überrascht sind in diesem zweiten Corona-Winter. Überrascht davon, dass es so kommt wie vorhergesagt. Trotzdem schauen sich alle mit großen Augen an und fragen sich, was sie jetzt machen sollen.

Berlins Regierender Bürgermeister hat ja auch kürzlich erst gesagt, dass die Maskenpflicht an den Grundschulen ausgesetzt bleiben soll. Da bin ich echt hin- und hergerissen. Einerseits ist die oberste Prämisse, dass die Schulen offenbleiben sollen. Um das zu erreichen gibt es ja, neben dem Tragen von Masken, mehrere Maßnahmen.

Für meine Tochter war das Maskentragen bis vor die Herbstferien total selbstverständlich, als Schutz für sich selbst und für andere. Mein Sohn hingegen hat sich immer mal wieder beklagt, dass er nicht richtig atmen kann und dass es ihn anstrengt. Ich denke, er zieht die Maske dann unbewusst unter die Nase, sodass sie im Grunde auch nicht mehr so viel bringt. Trotzdem ist der Schutz in der Klasse insgesamt höher, wenn die Kinder eine Maske tragen, denke ich, selbst wenn die eine oder andere mal nicht richtig sitzt. Also von mir aus sollen die Kinder lieber wieder Masken tragen, bevor die Schulen wieder geschlossen werden. Ich finde aber, dass das was in den Schulen gilt, auch woanders gelten muss - wie im Kino oder Museum.

Insgesamt ist Corona für meine Kinder zu einer Art Normalität geworden, mein Sohn kann sich nicht erinnern, dass wir "früher" ohne Masken Bahn gefahren sind. Und meine Tochter war sehr froh und erleichtert, als sie endlich geimpft werden konnte - da habe ich gemerkt, dass die Kinder Ängste haben, über die sie nicht so viel sprechen.

Was mich wirklich aufregt ist, dass es in Berlin noch immer kaum Luftfilter in den Schulen gibt. Das ist totales Politikversagen. Man weiß seit über einem Jahr, dass die helfen und will sie im Grunde genommen auch einsetzen – trotzdem sind in den Klassenräumen meiner Kinder weder faktisch Filter noch gibt es ein Datum, wann es sie geben wird. Da sitzen die Kinder jetzt wieder bei fünf Grad und offenem Fenster im Unterricht. Das bringt mich auf.

Corona ist für meine Kinder zu einer Art Normalität geworden

Julia, Mutter zweier Grundschüler aus Pankow

Ich, mein Mann und mein größeres Kind sind ja geimpft. Insofern habe ich nicht die Sorge, dass wir schwer erkranken könnten. Mein kleiner Sohn ist der einzige, der nicht geimpft ist. Aber auch bei ihm ist die Wahrscheinlichkeit, dass er schwer erkranken könnte, nicht sehr hoch, weil er ja ein Kind ist. Daher habe ich vor Corona selbst keine große Angst.

Was mir am meisten Sorge bereitet ist, dass die Schulen wieder schließen könnten. Bei den bisherigen Lockdowns waren die psychologischen Folgen für die Kinder, nicht nur für meine, teils recht schwerwiegend. Im ersten Lockdown waren ja alle erstmal überfordert. Da hat man ja auch wirklich gar keine Leute mehr getroffen und die Schulen waren zu. Das hat meine Kinder – und gerade meinen zehnjährigen Sohn - schon ziemlich aus der Bahn geworfen. Er hat dadurch eine depressive Verstimmung bekommen – von der war zuvor nie etwas zu spüren. Die hat sich darin geäußert, dass er die meiste Zeit traurig war und das durch übermäßiges Essen kompensiert hat.

Mit beiden Kindern sind wir durch die Schulschließungen und das Homeschooling aber auch in echte Rollenkonflikte gekommen. Meine zwölfjährige Tochter hat mich oft aufgebracht gefragt, warum sie dieses oder jenes Mathe-Blatt machen solle. Ich musste dann sagen, dass das die Schule verlangt und mit ihr herumstreiten. Aber auch mein kleiner Sohn hat irgendwann seine Arbeitsblätter zerissen. Wir hatten also deutlich mehr Streit. Die eigene Arbeit zu stemmen und zwei Kinder, die immer lustloser wurden, zu beschulen – das war echt ein ziemlicher Spagat.

Für mich selbst sind allerdings beruflich einige Aufgaben weggefallen, denn ich reise normalerweise viel. Da musste ich mich auch erstmal neu sortieren. Ich bin wirklich ein großer Fan vom Homeoffice und ich denke, dass viele Arbeitgeber, außer meinem, in der Krise bemerkt haben, dass das gut funktioniert.

Dass die Reisen wegfallen, hat sich für mich als sehr positiv herausgestellt, denn ich habe einfach mehr Zeit. Und mehr Zeit mit den Kindern und der Familie zu haben ist ja auch schön. Nur wenn man dabei zu isoliert ist, ist das auch nicht unbedingt gut. Aber gerade in dem Jahr vor Corona habe ich unheimlich viel gearbeitet, und so hatte und habe ich doch immerhin merklich mehr Luft.

Wir haben uns dann jetzt im Sommer einen Hund angeschafft, wovon ich immer geträumt habe. Ich bin gar nicht sicher, ob wir uns diesen Hund auch ohne Corona zugetraut hätten. Leider haben wir keinen Tierheim-Hund bekommen können, weil ja so viele Leute plötzlich einen Hund haben wollten. So haben wir einen Welpen beim Züchter gekauft, der uns allen viel Freude macht.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass in jedem Fall die Schulen offenbleiben. Dass also das Versprechen, das ja auch im vergangenen Winter gegeben und nicht gehalten wurde, dass die Schulen nicht geschlossen werden sollten, sondern, wenn überhaupt, erstmal in Wechselunterricht gehen sollten, diesmal gehalten wird. Vergangenen Dezember war dann ja auf einen Schlag alles dicht.

Sendung: Fritz, 03.11.2021, 21:30 Uhr

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24 Kommentare

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  1. 24.

    Es geht nicht um Dauerlüftung, sondern um Stoßlüftung alle 20 min für 5 min. So Wieses an unserer Schule praktiziert, meine Kinder nehmen sich eine Strickjacke mit und gut ist es. Macht doch aus euren Kindern keine Mimosen! Meine sind im Übrigen fast nie krank (außer nach der Corona-Impfung, die hat reingehauen).

  2. 23.

    Zum 1000 Mal: Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Schauen sie sich die Länder an: Überhaupt nicht vergleichbar. In allen Bereichen, vor allem aber in der Bevölkerungsdichte. Und: Die Bevölkerung hat sich Impfen lassen und deutlich besser an die Regeln gehallten als bei uns. Ich vermute aber, das sie das eh nicht intressiert....

  3. 22.

    Vor allem aber ist die Bevölkerungsdichte in Schweden und Dänemark lange nicht mit der in Deutschland zu vergleichen, ebenso nicht die Diversität der Gesellschaften, das intellektuelle Niveau der Bevölkerung und der soziale Umgang miteinander.
    Also, was soll das Herauspicken von vermeintlichen Vorteilen ohne Beachtung des Kontextes?

  4. 21.

    Ist hier auch so. Vom Hort bekommt man Mails, dass wegen Personalmangel gar nichts mehr geht: Am besten soll man die Kinder nicht bringen. Die halbe Lehrerschaft ist krank, manche bleiben krank auch zuhause (andere Lehrer betrachten ihren Impfstatus als Heiligenschein, testen sich nicht und streuen munter Viren unters Volk). Da ist kein Raum für getrennte Gruppen, aber drinnen gemeinsam Sport treiben und singen ist selbstverständlich, kein Abstand ist selbstverständlich und wenn Eltern alleine Luftfilter beschaffen wollen gibts n Verbot. Das selbstverantwortliche Handeln ist verboten, wie es scheint.

  5. 20.

    Was für ein Foto, der Platz an der Tafel scheint ja beheizt zu sein :-)
    Ich finde, man sollte so ein ernstes Thema nicht mit solchen gestellten Fotos verhohnepiepeln.
    Das ist bestimmt für die Akzeptanz nicht förderlich.

  6. 19.

    Haben Sie auch eine Antwort für Schweden parat? Das das Land nicht langsam entvölkert ist, wundert mich bei den laxen Maßnahmen., die dort seit Beginn herrschen.

    In Dänemark gab es schon den ganzen Sommer keine Maskenpflicht mehr. Außerdem wurde der Freedom Day im September schon im Juni angekündigt.

    Diese Länder kommunizieren anders mit ihrer Bevölkerung und v.a. halten sie sich an Versprechen oder entschuldigen sich für Fehler.

  7. 18.

    Und in Kitas passiert gar nichts - keine Lolli-Tests, keine Luftfilter, keine Trennung der Gruppen wegen Personalmangel. Einfach nur zum Verzweifeln. Zweiter Winter.

  8. 17.

    Und die Oma geben wir ins Heim, so eine kaltschnaeuzigkeit habe ich schon lange nicht mehr gehört. Siesind wohl früher als Kind auch zum Tannenzapfensammeln in den Wald gebracht worden. So ähnlich wie bei Hensel und Gretel, nur ohne Brotkrumen.

  9. 16.

    Informieren Sie sich bitte richtig über Maßnahmen und Zahlen in Schweden und Dänemark. Und verbreiten nicht irgendwelche Presse- und Lügenmärchen.

    Dass wir alle genug von Corona haben, das stimmt. Aber es ändert nichts daran, dass wir leider auch selbst schuld sind. Anstatt dem Virus keinen Wirt zu geben, bieten die Menschen sich geradezu an. Sehr erfolgreich für das Virus.

  10. 15.

    Und ihr denkt das die Luftfilter Wunder bewirken??

  11. 13.

    Es ist in puncto Produktion von Körperwärme schon ein gewaltiger Unterschied, ob man in einem ausgekühlten Raum stillsitzen und sich konzentrieren muss oder ob man sich draußen spielerisch aktiv bewegt ...

  12. 12.

    Mann sollte mal im Bundestag alle Fenster aufreissen und bei 5 Grad tagtäglich arbeiten, damit die Damen und Herren wissen,von sie eigentlich reden. Falls ihnen dann kalt werden sollte, helfen sicherlich "ein paar kleine Kniebeugen und in die Hände klatschen"...
    Das grenzt an Körperverletzung der Kinder!
    Mittlerweile zweifel ich am Verstand der Politiker und auch der Lehrer.
    Danke für die Freischaltung, lieber RBB., mein letzter Kommentar war irgendwie verschollen...

  13. 11.

    Da kann man sich echt wünschen, dass die Kinder bald wieder zu Hause lernen können. Da sitzen sie wenigstens im Warmen und haben nicht alle naselang eine Erkältung. Und mit Erkältung müssen sie eh zu Hause bleiben. Die Schulen werden über dem Winter dann generell sehr leer deshalb sein.

  14. 10.

    Problem: Luftfilter helfen weniger gut als offene Fenster. Bei Delta erst recht.

    Und fünf Grad - das ist nun doch übertrieben. Ich habe im letzten Januar Notbetreuung gemacht, da haben wir mit CO2-Ampel gearbeitet und viel gelüftet, es waren dann vielleicht mal 14 Grad im Raum. Immer noch saukalt, wenn man sitzen und arbeiten soll, keine Frage, aber mit dicker Jacke machbar.

    Ich wäre sofort für Wiedereinführung der Maskenpflicht auch für die Kleinen - seit letzter Woche häufen sich die positiven Tests bei uns - hoffe aber sehr, dass die Schulen diesmal offen bleiben!

  15. 9.

    "die Leute in Dänemark"

    ...sind Ü50 zu mehr als 95% geimpft, da wurde auch im Sommer ganz selbstverständlich an jedem Restaurant vor (!) der Tür die App gecheckt usw. usw...

    Hier ist man in weiten Teilen der Bevölkerung stolz darauf, das nicht mitzumachen, sich gefälschte Zertifikate basteln und über "ich habe meine eigene Meinung zur sogenannten Pandemie" herumzulamentieren.

    DAS ist der entscheidende Unterschied!
    "Pandemie der Ungeimpften" ist leider so groß, dass man nicht sagen kann "selber schuld", sondern die schiere Menge beeinträchtigt die ganze Gesellschaft!

  16. 8.

    Setzen Sie sich mal 45 Minuten still an einen Tisch der neben einem geöffneten Fenster steht. Da können Sie anhaben was Sie wollen, Sie werden frieren und atmen die ganze kalte Luft ein! Aber geben wir ruhig den Kindern warme Sachen mit, Unfassbar solche Aussagen...

  17. 7.

    Es gibt eine Arbeitsstättenregelung.

    ASR A 3.5
    Dort bitte wiederum unter 4.2 gucken.

    Schon erfährt man, dass 5 Grad im Klassenzimmer ca. 14 Grad weniger sind als durch diese ASR vorgeschrieben ist.
    Aber da Kinder keine Erwachsenen/ Arbeitenden sind, kann man wohl nur auf die Lehrer verweisen und hoffen, dass diese für Ihr Recht einstehen.
    Kinderrechte sind und bleiben Mangelware.

  18. 6.

    Ich habe gerade meine Kinder gefragt, ob es für sie okay ist, in dicker Jacke Unterricht zu machen:
    Antwort- Ja, dann müssen wir uns nicht mehr anziehen, bevor wir raus gehen!

    Vielleicht alles garnicht so dramatisch. Das mit den masken haben meine auch erstaunlich gut verkraftet. Gut ist doch, wenn Schule ist.

  19. 5.

    Da gibt es aber einen Unterschied. Wenn die Kinder draussen spielen bewegen sie sich. Im Unterricht wird jede "Zappelei" ja gleich als Fehlverhalten geahndet. Für meine KInder habe ich seit Coronajahr 1 fingerlose Handschuhe damit sie überhauot schreiben können. Vielleicht sollten wir mal im Bundestag, im Bildungsministerium usw. ähnliche Arbeitsbedingungen wie in den Schulen einführen und zwar genauso lange wie Schüler und Lehrer diese erdulden müssen...vielleicht würde sich ja dann irgendetwas und sei es auch nur die kleinste Kleinigkeit mal ändern statt weiterhin Augen zumachen und hoffen das es irgendwie gut geht.

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