#Wiegehtesuns? | Die OP-Krankenschwester - "Für den OP-Bereich bedeutet Corona vorerst Entlastung"

So 03.05.20 | 09:29 Uhr
Operationstechnische Assistentin (Quelle: Imago/Oberhaeuser)
Symbolbild | Bild: Imago/Oberhaeuser

Julia P. ist seit sieben Jahren Operationstechnische Assistentin an einem Berliner Krankenhaus – und findet ihre Arbeitsbedingungen in Zeiten von Corona besser als zuvor. Ein Gesprächsprotokoll.

Das Coronavirus stellt unser Leben auf den Kopf. In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Alltag gerade aussieht – persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Julia P. (Name von der Redaktion geändert), 29, arbeitet jahrelang unter teilweise sehr angespannten Verhältnissen als OP-Krankenschwester OTA (Operationstechnische Assistentin). Mit dem Coronavirus kam zunächst Verunsicherung, dann aber auch Entspannung in ihren Berufsalltag. So geht es Julia:

Obwohl ich als Operationstechnische Assistentin beruflich jeden Tag mit Krankheiten, Verletzungen und Eingriffen in den menschlichen Körper (und teilweise auch mit virusinfizierten Patienten) zu tun habe, hat mich das Aufkommen des Coronavirus doch sehr beunruhigt. Das Krankenhauspersonal weiß auch nicht, wie es sich in Zeiten der Pandemie privat genau verhalten soll, und welche Auswirkungen das Virus auf das Gesundheitssystem bzw. unsere Arbeit hat.

Zu den Corona-Maßnahmen, die wir im Krankenhaus konkret zu spüren bekommen haben, gehört die Absage aller elektiven, das heißt verschiebbaren Operationen. Es wird jetzt nur noch etwa halb so viel operiert wie vor Corona. Das hat für uns durchaus positive Folgen: Vor der Pandemie mussten wir tendenziell zu viele OPs mit zu wenig Personal durchführen. Jetzt haben wir mehr als genügend Personal für eine überschaubare Anzahl an Eingriffen pro Tag.

Vor dem Coronavirus musste ich etwa zwei bis acht Operationen pro Dienst als OTA betreuen. Zurzeit sind es etwa halb so viele. Die Maßnahmen sorgen also für eine Entlastung im OP-Bereich. Einige KollegInnen bauen gerade ihre angefallenen Überstunden ab. Wenn das Krankenhaus kein wirtschaftliches Unternehmen wäre, dann würde mein Berufsalltag nach dem Lehrbuch wohl genau so aussehen.

Als OTA gehört es zu meinen Aufgaben, den OP-Saal vor- und nachzubereiten, den operierenden ÄrztInnen zu assistieren sowie für geregelte Abläufe und Sterilität während einer Operation zu sorgen. Mit der Ausbreitung des Coronavirus kam es zu Lieferengpässen von Mund-Nasen-Schutzmasken und Desinfektionsmitteln. Das ist natürlich denkbar ungünstig, wenn man für die Sauberkeit und Sterilität im Operationssaal zuständig ist und derartige OP-Artikel knapper werden.

Glücklicherweise bin ich als Operationstechnische Assistentin nicht auf Corona-Stationen einsetzbar. Die Pflege und Behandlung auf der Corona-Intensivstation ist anspruchsvoll und körperlich wie mental sehr belastend, insbesondere, wenn man an die menschlichen Schicksale denkt, die einem hier begegnen.

Was das neue Corona-Krankenhaus anbelangt bin ich etwas skeptisch, ob die vielen Betten und Intensivstationen überhaupt gebraucht werden: Die Corona-Ansteckungszahlen sind derzeit erfreulicherweise relativ stabil. Und wer soll diese Stationen überhaupt versorgen? Meines Wissens mangelt es an qualifiziertem Personal für diesen Bereich.

Nach der Corona-Zeit wird unser Krankenhaus sicher zum Überbelastungsbetrieb zurückkehren, um die Ausfälle, die während der Pandemie entstanden sind, aufzuholen. Ich denke, dass das gesamte Gesundheitssystem und insbesondere der OP-Betrieb in alte Muster zurückfallen wird. Was die heutige Situation am Krankenhaus anbelangt, bleibe ich vorsichtig gelassen. Es ist schön, dass sich das Ansehen gegenüber dem Krankenhaus- und Pflegepersonal in Corona-Zeiten insgesamt so verbessert hat, dass für uns applaudiert wird, und die Menschen zu unserer Entlastung zu Hause bleiben. Andererseits ist es doch bedauerlich, dass es erst soweit kommen musste, bis die Bevölkerung auf die Wichtigkeit und die schwierigen Bedingungen unserer Arbeit aufmerksam geworden ist.

Gesprächsprotokoll: Victor Buzalka

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