#Wiegehtesuns | Familie mit zwei Risikopatienten - "Unsere Familie ist rundum in Not und keiner hilft uns"

Mo 22.11.21 | 08:01 Uhr
Symbolbild: Eine Frau schaut in einem dunklen Raum auf ihr Smartphone. (Quelle: dpa/Thomas Trutschel)
Bild: dpa/Thomas Trutschel

Weil ihr Mann und ihr Kind schwer krank sind und sich keinesfalls mit dem Coronavirus infizieren dürfen, ist eine Frau seit Pandemie-Beginn nur noch zuhause. Ihren Job musste sie aufgeben, das Geld ist knapp. Ein Gesprächsprotokoll.

Vor mehr als einem Jahr gab es die ersten Corona-Fälle in Berlin und Brandenburg. Seither stellt das Virus unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Alltag seither verändert hat.

Sandra Wagner (*Name von der Redaktion geändert) ist 48 Jahre alt und von Beruf Juristin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin-Schlachtensee. Weil Ihr Mann und ihr Kind krank sind, kann sie, seit das Coronavirus grassiert, ihrem Beruf nicht mehr nachkommen.

Ich bin eingesperrt zuhause. Vor Corona hatte ich ein sehr lebendiges Leben mit vielen beruflichen Reisen und Konferenzen. Zudem hatte ich auch ein soziales Leben mit Kultur, Restaurantbesuchen und mit Freunden.

Weil mein Mann durch seine Erkrankung nur noch, und das inzwischen auch nur noch bedingt, im Homeoffice arbeiten kann und mein Kind durch seine Erkrankung dauerhaft im Homeschooling ist, habe ich die komplette Versorgung übernommen. Ich übernehme alle Außenkontakte und bin auch der Fahrdienst der Familie, weil die Benutzung des ÖPNV zu gefährlich für meinen Mann und meinen Sohn sind. Die beiden sind schwer krank. Vor allem mein Mann. Er leidet an Krebs im Tumorstadium.

Mein Sohn ist auch Risikopatient. Er hat eine schwache Lunge. Sie wird von jedem Virus befallen. Die Krankheit hat noch keinen Namen, aber er ist Teilnehmer einer Studie. Er ist in der Grundschule, konnte aber mithilfe eines Attests vom Unterricht in der Schule befreit werden. Aber das musste ich wirklich erbetteln. Die Atteste gefallen weder den Lehrern noch dem Amt. Da hat auch keiner Ahnung von Medizin. Doch während eine Corona-Erkrankung für normale und vor allem für geimpfte Menschen schon auch unangenehm werden kann, ist Corona für uns eine ernstzunehmende Bedrohung, die nicht nur möglicherweise, sondern ganz gewiss im Tod enden würde.

Wir leben seit fast zwei Jahren zu dritt zuhause. Ohne Großeltern oder andere Verwandte. Und auch unsere Freunde kommen nicht, weil sie viel zu viel Sorge haben, uns das Virus einzuschleppen. Wir sind vollkommen isoliert. Es ist kaum auszuhalten. Langsam ist es so, dass ich mich ins Auto setzen und einfach davonfahren könnte.

Es gibt so viele Belastungen. Wir müssen teure FFP3-Masken kaufen, anfänglich haben die ja 26 Euro gekostet. Auch die Tests müssen wir teuer kaufen. Gerade habe ich wieder für 150 Euro welche bestellt. Die sind in wenigen Tagen aufgebraucht. Alles, was auch für andere eine Belastung ist, ist für uns inzwischen ein Riesenproblem.

Urlaub, Restaurant, berufliche Reisen, Hotels, soziales Leben – für uns findet gar nichts statt. Wir machen nur, was wir machen müssen: Einkaufen, zur Chemotherapie fahren und zum Arzt. Wenn ich einkaufe, tue ich das mit FFP3-Maske, Brille und Visier. Aber was soll ich machen? Für Bringdienste fehlt uns längst das Geld. Mein Mann versucht, weiterzuarbeiten. Aber durch seine fehlende Präsenz vor Ort ist ihm da viel weggebrochen.

Das Schlimmste für mich ist aber tatsächlich der Kampf um Verständnis. Wenn man um Hilfe bettelt und sich ständig erklären muss. Ich treffe dabei auf so viel Unverständnis und Ignoranz. Ich merke, dass ich anderen, wie beispielsweise den Lehrern und Lehrerinnen meines Sohnes, lästig bin. Weil ich ständig etwas bereden will. Aber ich versuche nur, dem Kind immer mal wieder ein Stück Alltag zu ermöglichen. Daher kämpfe ich auch, bislang leider vergeblich, um eine Offlabel-Impfung für mein Kind.

Glücklicherweise habe ich auch Hilfe. Aber nicht vom Amt. Ich habe über 300 Mails geschrieben, um meinen Mann als Risikogruppe 1 bei der ersten Impfung impfen lassen zu können. Doch da wurde er als Privatversicherter einfach vergessen. Schlussendlich hat ihn eine befreundete Ärztin dann geimpft. Es geht mir wirklich ganz schlecht, aber ich habe immerhin die Unterstützung von Freunden, die für mich da sind. Die nehmen mir mental ganz viel ab. Aber auch Dinge wie Behördengänge.

Was mich aber wirklich fassungslos macht ist die Tatsache, dass ich, wenn ich beispielsweise im Amt darum bitte, dass mein Sohn von irgendwem Unterricht bekommen kann, ich von den Behörden immer wieder nur höre, dass es für Familien wie uns keine Unterstützung gibt, weil es kein Budget dafür gibt. Die Beziehung zu meinem Kind leidet unter der Beschulung durch mich aber ganz enorm.

Mein Sohn ist entweder sterbenskrank oder so lebendig, dass er kaum zu bändigen ist. Doch wir müssen miteinander auskommen, weil er sich im Krankenhaus voll auf mich verlassen muss. Seit er ein Baby ist, muss er immer wieder schmerzhafte Prozeduren dort über sich ergehen lassen. Neulich gab es keine Nadeln mehr. Da wurde in diesem dünnen Kinderarm Blut abgenommen mit einer Riesenkanüle. Und auch die Betäubungspflaster sind nicht mehr zu kriegen gewesen. Da muss er mir vertrauen, wenn ich sage, dass das schon geht.

Aber es geht doch nicht, dass das Jugendamt nur einschreiten würde, wenn ich meine Kinder schlecht behandeln würde. In unserem Fall ist doch eine ganze Familie rundum in Not, da hilft uns keiner. "Da sind sie bei mir verkehrt", höre ich da nur von Amtsseite. Der Gipfel war aber ein Telefongespräch mit jemandem im Senat. Der Herr sagte, ich sei die erste und einzige, die sich mit derlei Problemen melden würde. Er kenne das so, dass sich Kranke doch möglichst in Selbsthilfegruppen organisierten. Das macht mich richtig wütend. Natürlich gibt es noch mehr Familien wie uns – doch andere haben nicht die Kraft wie ich. Über Menschen wie uns wird ja auch kaum berichtet.

Kraft schöpfe ich nur daraus, dass ich ja verantwortlich bin für mein Kind, meine Familie. Es ist ja schlimm genug, in welche Welt ich meinen Sohn, Stichwort Klima, da geboren habe. Wir haben uns eine Katze zugelegt, das ist sehr schön für uns – und dann sind dann noch besagte paar Freunde. Ich würde mir wirklich wünschen, dass die Gesellschaft umdenkt. Anfangs hieß es immer, Corona bringe das Miteinander mehr heraus. Für mich ist genau das Gegenteil passiert.

Gut wäre, wenn sich die Menschen mal besinnen würden. Ich möchte nur nicht, dass mein Kind in einer Gesellschaft groß wird, in der es keine Wärme mehr gibt. Wir müssen doch miteinander und nicht gegeneinander leben. Sonst habe ich keine großen Wünsche mehr.

Gesprächsprotokoll: Sabine Priess

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