Aus Protest - Frühere Brandenburger Integrationsbeauftragte Lemmermeier verlässt SPD

Do 19.12.24 | 15:30 Uhr
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Archivbild: Doris Lemmermeier, Integrationsbeauftragte (Brandenburg). (Quelle: dpa/Kumm)
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell | 19.12.2024 | Christ Hanno | Bild: dpa/Kumm

Vom Sozial- ins Innenministerium: Der Zuständigkeitswechsel der Integrationspolitik veranlasst die ehemalige Brandenburger Integrationsbeauftragte zu einem drastischen Schritt. Im Groll verlässt Doris Lemmermeier die Sozialdemokraten.

  • Lemmermeier war von 2013 bis 2024 Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg
  • Scharfe Kritik am Wechsel der Zuständigkeit von Sozialpolitik zu Innenpolitik
  • Innenministerin Lange weist Vorwürfe zurück - es werde keine Abstriche bei der Integrationspolitik geben

Die langjährige Brandenburger Integrationsbeauftragte Doris Lemmermeier tritt aus der SPD aus. Als Begründung führt sie den Wechsel der früheren Finanzministerin Katrin Lange (SPD) an die Spitze des Innenministeriums und die Angliederung der Integrationsbeauftragten an das Innenministerium an. Bisher war die Integrationsbeauftragte beim Sozialministerium angesiedelt.

"Überrascht, entsetzt und zutiefst besorgt"

In ihrer Austrittserklärung, die rbb|24 vorliegt, schreibt Lemmermeier, die bisherige Finanz- und neue Innenministerin Lange habe in den vergangenen Jahren demonstriert, dass sie von Integration wenig halte und Migrationsberatung sowie Integrationsprojekte für sie unnötig seien. "Mich schaudert bei dem Gedanken, dass sie nun für diese vielfältige und kreative Landschaft verantwortlich ist und was dort angerichtet werden kann", so Lemmermeier.

Die frühere Integrationsbeauftragte geht mit der SPD hart ins Gericht: "Die Partei, in die ich vor 20 Jahren eingetreten bin, wäre auf eine solche Idee niemals gekommen." Vor diesem Hintergrund könne sie es nicht verantworten, weiter in der SPD zu bleiben.

Auf Herausforderungen im Bereich der Integration in der neuen Regierung durch das BSW sei sie vorbereitet gewesen, schreibt Lemmermeier. "Dass diese nun von der SPD verursacht werden, überrascht, entsetzt und besorgt mich zutiefst." Gegenüber der SPD empfinde sie "wachsende Ohnmacht".

"Gefährliche Kurskorrektur in der Integrationspolitik"

Besonders scharf kritisiert die 66-Jährige den Wechsel der Zuständigkeit für Integrationspolitik und die Ansiedlung der Integrationsbeauftragten beim Innenministerium. Dies sei "ein Signal für eine radikale und gefährliche Kurskorrektur in der Integrationspolitik". Es werde "der Bock zum Gärtner gemacht".

Die Integrationsbeauftragte könne gegenüber der Behörde nicht unabhängig und kritisch auftreten. Dies sei jedoch notwendig, da das Ministerium auch für Ausländerbehörden und Abschiebungen zuständig sei. Integrationspolitik sei Sozialpolitik, bei der es um Themen wie Willkommenskultur, Teilhabe, interkulturelle Kompetenz und Toleranz oder auch Rassismus und Diskriminierung gehe. Diese seien dem Innenministerium "fremd".

Auch im Koalitionsvertrag von SPD und BSW fehle beim Thema Migration "jeder soziale Aspekt". Stattdessen stünden die Abwehr sogenannter irregulärer Migration und Abschiebungen im Zentrum.

Lange: Keine Abstriche bei der Integrationspolitik

Innenministerin Lange wies gegenüber rbb|24 zurück, dass es Abstriche bei der Integrationspolitik geben werde. "Asylberechtigte Personen werden den Schutz und die bestmögliche Integration bekommen, wie es üblich war in diesem Land", sagte Lange. Die Rolle der Integrationsbeauftragten und die Rolle des Innenministeriums seien klar definiert. Man werde gut zusammenarbeiten.

In einer schriftlichen Mitteilung heißt es, die Erklärung Lemmermeiers gehe "an den Tatsachen vorbei". Es handele sich um unzutreffende und unsachliche Unterstellungen gegenüber dem Innenministerium. "Integrationspolitik ist weit mehr als nur Sozialpolitik, und jeder der die Augen aufmacht, weiß das auch." Lemmermeier sehe über "zahlreiche weitere politische und kulturelle Herausforderungen" hinweg, die mit Migration verbunden seien, so Lange. Der früheren Integrationsbeauftragten wirft sie vor, sich in der Vergangenheit selbst der Abschiebung von Straftätern widersetzt zu haben. "Ihre und meine Auffassungen gehen da in der Tat auseinander", so Lange.

SPD-Generalsekretär Fischer verteidigt Ressortwechsel

Der amtierende SPD-Generalsekretär Kurt Fischer kritisierte, Lemmermeier hätte mit der Partei nie über die Beweggründe für ihren Austritt gesprochen. Beispielsweise bei Diskussionen über den Koalitionsvertrag zwischen SPD und BSW mit der Parteibases habe er "von Frau Lemmermeier nie etwas gehört".

Fischer verteidigte den Wechsel der Integrationspolitik ins Innenressort: "Die Neusortierung der Landesregierung ist richtig. Wir wollen mit der Integration besser werden und das ist auch dringend notwendig." Zudem sei es zu früh, die Integrationspolitik der gerade erst gestarteten Regierung aus SPD und BSW zu bewerten.

Lemmermeier war von 2013 bis 2024 Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg und zuletzt beim von Ursula Nonnemacher (Grüne) geführten Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz angesiedelt. Im April übernahm die Sozialwissenschaftlerin Diana Gonzales Olivio das Amt.

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 19.12.2024, 19:30 Uhr

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21 Kommentare

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  1. 21.

    Letztlich sehen wir hier, wohin es führt, wenn mit Populisten des rechten Randes regiert wird. Wehret den Anfängen!

  2. 20.

    Frau Lemmermeieer wolltesich noch einmal in Erinnerung bringen. Es gab wohl keinen Abschiedsorden. Den kann man sich als Ehrenamtler vom Bundespräsidenten immer noch verdienen.

  3. 19.

    Ein Land, in dem keine Kinderwagen vor Einkaufseinrichtungen stehen, sondern durch Alkohol und/oder anderen Stoffen berauschte Menschen, das abgehängte Prekariat lümmelt, sollte zuerst sich selbst heilen. Ein Volk, dass sich ein Gesellschaftssystem aufdrücken lässt, in dem das Kapital und nicht der Mensch im Mittelpunkt steht, wird untergehen. Die Migranten merken ganz schnell, wie dieses System funktioniert und was ihr Schicksal, ihre zugewiesene Rolle in diesem sein soll. Sie werden sich ganz schnell abwenden, weil sie nicht so behandelt werden und so enden möchten, wie die einheimische Bevölkerung. Dieses Gesellschaftssystem, das Establishment nennt es immer noch Demokratie, ich nenne es mittlerweile Feudalismus, ist weder lebensbejahend noch zukunftsorientiert. Es steht für Untergang und Verfall.

  4. 18.

    Hier zeigt Frau Lange ein sehr häßliches und egoistisches Gesicht. Vor dem Hintergrund, dass der Westen in über 30 Jahren mehrere Billionen in den Osten gegeben hat (und sich damit im Sinne von Frau Lange selber geschadet hat) sollte sie sich mal überlegen, wie es ausgesehen hätte, wenn der Osten auf diese egoistische Ignoranz, wie sie sie verkörpert, gestoßen wäre (sofern sie dazu überhaupt in der Lage ist). Übel, dass so jemand politische Verantwortung hat.

  5. 17.

    Sie haben null Ahnung. Schäuble war Fraktionsvorsitzender, Finanzminister, Innenminister … Schmidt war Bürgermeister, Verteidigungsminister, weil er Offizier bei der Reichswehr war?, Wirtschaftsminister, Bundeskanzler… Deren Qualifikation? Immer erst denken und dann schreiben!

  6. 16.

    Welche Frau denn? Sie werden niemanden finden der vom Fach ist, der sagen würde sie war keine gute Finanzministerin. Was ist Ihre Qualifikation?

  7. 15.

    Der Zuständigkeitswechsel der Integratonsbauftragten weg vom fachlich zuständigen Sozialministerium - mithin verstanden als klassische Sozialarbeit - hin zum Innenministerium, markiert einen Paradigmenwechsel. Die Integration wird mithin unter dem tendenziellen Verdacht der Sicherheitsgefährdung abgebucht, damit war das Gedankengut der AfD aufgegriffen, was leider IN DIESEM PUNKT auch das BSW in abgeschwächter Variation verfolgt.

    Insofern ist der Schritt Lemmermeiers nur konsequent. Der Zuständigkeitswechsel und der Paradigmenwechsel geschah nicht unter Federführung eines BSW-Ministers / einer BSW-Ministerin, was die SPD dann als Koalitionär bedingt hätte hinnehmen müssen, sondern unter Federführung einer Sozialdemokratin.

  8. 14.

    Hören Sie doch auf mit solchem Quatsch, dieser getandenen Frau ihre ,,Qualifikation'' abzusprechen!? Sie blicken doch gar nicht durch. Leiden Sie an Selbstüberschätzung?

  9. 13.

    Schade das Ihre Qualifikation nicht ersichtlich ist. Kann aber nicht weither sein, wenn Sie derartig unverschämt über F. Lange urteilen. Die Beiträge sollte etwas mit Anstand und Bildung zu tun haben, daran mangelt es einigen Kommentatoren.

  10. 12.

    Das wäre sehr praktisch, vereinigt doch Lange die Brandenburger ("Klein DDR") sPD und die Politsekte BSW in einer Person.

    In einem Interview mit dem Deutschlandfunk stellte Lange 2022 im Zusammenhang mit den Sanktionen gegen Russland seit dem Überfall auf die Ukraine fest: „Wir sind nicht verpflichtet, uns selbst zu schaden.“

  11. 11.

    Und wieder mal das Märchen des rechten BSW rausgehauen und das obwohl im Text eindeutig steht, dass die Entscheidung zum Wechsel der Zuständigkeit von der SPD kam.

  12. 10.

    Es geht in dieser Regierung nicht um Kompetenz, sondern um Parteisoldaten, für Woidke wird es aus Altersgründen ohnehin die letzte Legislatur sein, für die SPD hat es sich danach erledigt. Finanzen kann plötzlich Innnen, für Wirtschaft wird ein Studi eingesetzt, der seinen akademischen Grad, der ohnehin nur ein Fern-Uni-Bachelor ist, zu früh genutzt haben soll.

    Weitere Gedanken muss man sich dann nicht machen ;)

  13. 9.

    Auch hinter solchen Aussagen wie „Wir sind nicht verpflichtet, uns selbst zu schaden.“?

    Lange 2022 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk im Zusammenhang mit den Sanktionen gegen Russland seit dem Überfall auf die Ukraine.

  14. 8.

    Stimmt: "Schlimmer geht immer"!.
    Einfach mal die Vita der Frau durchlesen und man wird feststellen, dass sie als Verwaltungskraft weder für das Thema Finanzen noch für das Innenministerium auch nur ansatzweise die erforderlichen Qualifikationen vorweisen kann.
    Spielt heute eigentlich auch keine Rolle mehr, dann aber mal wenigstens sich die "Leistungen" der Frau ansehen - das sollte helfen....

  15. 7.

    Ich stehe voll hinter Frau Lange. Schönes Leben noch Frau Lemmermeier.

  16. 6.

    Die SPD wird den Ausstieg verkraften und Frau Lange erst recht.
    Im Übrigen habe ich das Gefühl, dass Frau Lange eines Tages Herrn Woidke ablösen wird.

  17. 5.

    Respekt für Frau Lemmermeier. Letztlich sehen wir hier, wohin es führt, wenn mit Populisten des rechten Randes regiert wird. Wehret den Anfängen!

  18. 4.

    Was macht sie jetzt dann ? NGO oder Ehrenamt ,Ruhestand ?

  19. 3.

    „Migrationsberatung sowie Integrationsprojekte für sie (Lange)unnötig seien“
    Es wird vermutlich genau andersherum richtig sein: Auf das Wichtige (Hilfe statt Sorglospakete) konzentrieren und auch eine Bringepflicht einfordern, z.B. Sprache erlernen in den Volkshochschulen.

    „Gegenüber der SPD empfinde sie "wachsende Ohnmacht"
    Das ist in allen Bereichen so, wenn man etwas zu lange Macht hat. Ein natürliches Verhalten.

  20. 2.

    Eine Frau mit Rückgrat. Danke dafür!