Der Absacker - "Endlich" Lockdown

Mi 28.10.20 | 22:13 Uhr
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Efthymis Angeloudis
Bild: rbb|24/Mitya

Nach etlichen Mahnungen, Drohungen, Appellen und Zurechtweisungen wird das durchgesetzt, was alle bereits erahnten – ein Lockdown. Endlich, sagt Efthymis Angeloudis. Wenn auch aus anderen Gründen, als jetzt vielleicht vermutet.

Es gibt Momente, in denen man selbst als Erwachsener in einen kindlichen Trotz verfällt. Da hilft auch gut zureden nicht mehr. Man verschränkt die Arme, guckt stur geradeaus und denkt sich gleichgültig "gib’ dein Bestes".

Für mich war dieser Punkt letzte Woche erreicht. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) warnte angesichts der rasant steigenden Neuinfektionen zum gefühlt dreißigsten Mal vor einem erneuten Lockdown in Berlin. "Ja, dann macht doch endlich mal", platzte es aus mir heraus.

Nach Wochen voller Mahnungen, Drohungen und Zurechtweisungen war es wohl zu erwarten, dass viele genug von den omnipräsenten L-Wort hatten. Heute, da der Lockdown beschlossene Sache ist, könnte man fast mit Erleichterung sagen: "Na endlich!". Wenigstens müssen wir uns jetzt nicht mehr die ganzen Appelle an unsere Vernunft anhören.

1. Was vom Tag bleibt

Denn laut dem Beschluss von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Ministerpräsidenten der Länder werden ab dem 2. November Kontakte in der Öffentlichkeit drastisch beschränkt. So soll der gemeinsame Aufenthalt in der Öffentlichkeit nur noch Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstandes mit maximal zehn Personen gestattet werden.

Schulen und Kindergärten sollen trotz der stark steigenden Corona-Zahlen geöffnet bleiben. Das gilt auch für die Geschäfte des Groß- und des Einzelhandels - nicht mehr als ein Kunde darf sich dann pro zehn Quadratmeter aufhalten. Dagegen sollen Veranstaltungen, die der Unterhaltung und der Freizeit dienen, im November deutschlandweit weitgehend untersagt werden. Fitnessstudios, Schwimm- und Spaßbäder werden geschlossen. Restaurants, Bars, Clubs, Diskotheken und Kneipen sollen vorübergehend schließen. Touristische Übernachtungsangebote im Inland sollen verboten werden.

Währenddessen wurde auch bekannt, dass sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) gegen seine Konkurrentin Sawsan Chebli für die SPD-Bundestagskandidatur im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf durchsetzte. Wie der Kreisverband am Mittwochabend mitteilte, gewann Müller eine Mitgliederbefragung mit 58,4 Prozent der Stimmen, gegenüber 40,2 Prozent für Chebli.

2. Abschalten

Was wir den November über machen sollen, ist auch mir ein Rätsel. Alle Bücher scheinen gelesen, alle Filme geschaut. Vielleicht lassen Sie sich ja diesmal einen Schnurrbart wachsen (natürlich nur, wenn Sie können).

Jedes Jahr lassen sich Männer im November Schnurrbärte wachsen, um während dieses Monats auf Vorbeugung gegen Prostatakrebs und andere Gesundheitsprobleme von Männern aufmerksam zu machen. Als ob die Zuständigen des "Movember", wie sich die Aktion nennt, wussten, dass Deutschland den November im Lockdown verbringt, nannten sie ihre Promo-Video "Lock Down. Shave Down. Get Down". Na dann, viel Spaß beim Zusehen, wie die Haare wachsen.

3. Und, wie geht's?

Über den Sinn oder Unsinn eines neuen Lockdowns kann lange diskutiert werden. Fakt ist, irgendetwas musste angesichts der Neuinfektionen aber auch der Auslastung der Intensivbetten gemacht werden. "Immer nur meckern ist kein Weg", schreibt uns rbb|24-User "Thomas Erzieher".

Ob es etwas bringt, so vorzugehen, das steht in den Sternen. Die Erfahrungen anderer Länder, mit solch bereits durchgeführten Beschränkungen als Argumentation dagegen heranzuziehen, halte ich für nicht unbedingt übertragbar. Die jeweils vorhandenen Verhältnisse, Regelungen und Vorgehensweisen sind durchaus unterschiedlich.

Warum unter eingehaltenen und natürlich zu kontrollierenden Hygienevorschriften der Besuch von Gastronomie oder Kultur, die Teilnahme am Sportbetrieb untersagt werden soll, das ist mir unverständlich.

Vielleicht sollte man mal über eine allgemein gültige Verordnung nachdenken. So in der Art Anwesende auf Quadratmeter und vorhandenem Luftraum berechnet. Ob Gastronomie und Kultur das dann umsetzen möchten oder können, ist dann leider deren Risiko. Zumindest wäre es eine Möglichkeit, und die Nutzung von Sportstätten möglich. Was wegen der sozialen Funktion von Sportvereinen sehr nötig und wertvoll ist.

Immer nur meckern ist kein Weg.

4. Ein weites Feld

Nicht jeder wird diesen November auf die gleiche Art erleben. Ich schreibe diese Zeilen gerade von der Sicherheit meines Wohnzimmers aus, während sie jemand anderes in der Pause von der Supermarktkasse oder nach dem Feierabend von der Intensivstation auf dem Smartphone liest.

Denn das Virus ist eben nicht der "große Gleichmacher", wie viele im März noch behauptet hatten; vielmehr hat es die Unterschiede und Ungleichheit zwischen uns allen hervorgehoben und verschärft. Die Tapferkeit der systemrelevanten Berufe wurde zum Beispiel nicht von der Höhe ihres Gehalts-Checks gedeckt. Und wie es mit Gaststätten und Selbstständigen weitergehen soll, damit muss sich nun endlich die Politik befassen.

In der Hoffnung, dass Sie alle den November heil überstehen, grüßt Sie von dieser Stelle vorerst zum letzten Mal,

Efthymis Angeloudis

Der Absacker nimmt Abschied

Reisen ins Ausland, Feiern oder das Wiedersehen mit den Großeltern oder Eltern – darauf haben die meisten zeitweilig oder ganz verzichtet im Jahr 2020. Und auch wir müssen künftig auf etwas verzichten, nämlich diesen Absacker.

Die Corona-Lage verschärft sich und die rbb|24-Redaktion muss angesichts begrenzter Ressourcen priorisieren. Es fällt uns nicht leicht, aber wir werden den Absacker vorerst einstellen. Begleiten Sie uns also durch die letzte Woche. Vielleicht sehen wir uns unter anderen Vorzeichen wieder. Wir würden uns freuen und Sie hoffentlich auch.

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