Ein kleiner Junge sitzt beim Sommerfest der Kinderhilfsorganisation Arche auf einer Bank. (Quelle: dpa/Stephanie Pilick)
Audio: Inforadio | 20.03.2020 | Interview mit Bernd Siggelkow | Bild: dpa

Interview | "Arche"-Gründer Bernd Siggelkow - In den Arm nehmen ist gerade nicht möglich

Die Hilfseinrichtung "Arche" hat wegen der Corona-Pandemie ihre Standorte zwar geschlossen. Die Mitarbeiter versuchen aber weiterhin, Kindern und Familien zu helfen - nur sind dabei jetzt klare Grenzen gesetzt, erklärt der Gründer Bernd Siggelkow.

Was Sie jetzt wissen müssen

Neben Schulen und Kitas haben auch soziale Einrichtungen wie das christliche Kinder- und Jugendwerk "Arche" wegen der Corona-Pandemie schließen müssen. Dort erhielten bisher mehr als 4.000 sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland ein warmes Essen und Betreuung bei den Hausaufgaben. Das fällt jetzt erstmal weg.

rbb: Herr Siggelkow, wie können Sie unter den jetzigen Einschränkungen wenigstens einen Teil ihrer Arbeit fortsetzen?

Bernd Siggelkow: Die Kinder können natürlich nicht mehr in die "Arche" kommen und auch die Eltern nicht mehr. Und wenn sie nicht zu uns kommen können, müssen wir zu ihnen fahren. Wir bringen jetzt gerade regelmäßig Lebensmittel in betroffene Familien. Wir haben einen WhatsApp-Chat mit den Kindern eingerichtet, wo wir jeden Tag einen Livestream haben. Wir machen online mit ihnen Hausaufgaben. Wir müssen gerade sehr erfinderisch sein.

Jeden Freitag wollen Sie in Abstimmung mit den Behörden neu entscheiden, was getan werden kann. Wie belastend ist diese Zeit der Unsicherheit für Sie als "Arche"-Betreiber?

Für uns ist das natürlich belastend, weil wir eine beziehungsorientierte Einrichtung sind. Wir sind beziehungsrelevant und nicht systemrelevant, weil die Kinder bei uns auch nicht nur ein offenes Ohr finden, sondern dauerhafte Mitarbeiter. Und die sind jetzt gerade nicht da. Ich habe gestern auf der Straße eines unserer fünfzehnjährigen Mädchen getroffen, die war ganz traurig. Ich fragte, was los ist. Sie sagte, ich habe heute Geburtstag. Und sie hat nicht mal ein Handy, dass man sie erreichen kann. Jetzt versuchen wir, ein Handy zu besorgen, damit wir sie auch erreichen können und sie sich über WhatsApp irgendwie mit uns in Verbindung bringen kann. Wir sind gerade dabei, immer wieder neue Dinge aufzudecken, wo wir versuchen, den Kindern zu helfen.

Das Schwierigste ist, wenn man dann bei so einer Lebensmittelversorgung ist: Die Kinder wollen einen in den Arm nehmen, weil sie das so gewohnt sind. Und dann muss man sagen: Tut mir leid, das geht jetzt gerade nicht. Und dann stehen bei Betreuern, bei mir und bei den Kindern die Tränen in den Augen.

Sie sprechen es an: Gerade in ihrem Bereich ist der direkte Kontakt und Austausch mit den Menschen wichtig. Wie lange kann so eine Ausnahmesituation eigentlich gutgehen?

Wir versuchen gerade, den Druck zu verringern. Dieser Austausch ist extrem wichtig. Unsere Mitarbeiter sind im Chat, der öffnet um 9 Uhr und ist bis 20 Uhr da. Die Kinder haben alle unsere Nummern. Mein Telefon klingelt bis 23 Uhr abends. Es ist unglaublich wichtig. Denn wenn die Kinder oder Jugendlichen Langeweile haben und sie zuhause sein müssen, steigt natürlich auch die Möglichkeit der häuslichen Gewalt oder die Probleme untereinander. Die versuchen wir damit natürlich einzudämmen.

Je länger die Menschen eingeschlossen sind, weil sie ja auch ohne Ausgangssperre nicht auf die Spielplätze gehen dürfen, haben sie das Problem, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Gestern hat mir eine Mutter gesagt: "Ich habe wirklich die Nase voll im Moment, mit meinen Kindern so auf engstem Raum zu leben". Manchmal sind fünf, sechs Personen in einer 70-Quadratmeter-Wohnung, die können sich ja kaum umdrehen. Dann sind die Probleme natürlich vorprogrammiert.

Sie sagen, man muss irgendwie gucken, dass den Kindern und Jugendlichen nicht die Decke auf dem Kopf fällt. Wie stark geraten sie denn da aber im Moment an ihre Grenzen, um so etwas einigermaßen steuern zu können?

Wir sind sehr kreativ. Heute Morgen habe ich eine Challenge ausgerufen bei unserer WhatsApp-Kindergruppe: Ich habe gesagt, wer heute Morgen den Müll rausbringt oder der Mama das Frühstück macht oder so etwas, der bekommt bei uns Helferpunkte. Die kriegt man normalerweise in der Einrichtung und kann am Ende des Monats einen Pokal gewinnen. Das machen wir jetzt weiter. Und die schicken uns jetzt gerade im Minutentakt Fotos, was sie zuhause gemacht haben. Das ist natürlich etwas, wo man die Kinder immer wieder motivieren muss. Da dürfen uns einfach die Idee nicht ausgehen. Aber wenn Konflikte sind, dann sind wir da. Wir haben auch einen Chat für die Eltern, wir haben das für die Kinder. Die wenden sich auch tatsächlich überall in Deutschland an unsere Sozialarbeiter, und das ist gut.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten von der Politik, von den Entscheidungsträgern: Wo sind aus Ihrer Sicht Stellschrauben, an denen gedreht werden könnte, damit Sie Ihre Arbeit sinnvoll fortführen können?

Wir müssen auf der einen Seite die Bevölkerung dazu bewegen, nicht zu vergessen, dass die Organisationen, die von Spenden leben und gerade jetzt arbeiten, auch Geld brauchen. Und die Spenden dürfen nicht zurückgehen, so wie in der letzten Woche. Da haben wir gemerkt, dass dieses Coronavirus dafür sorgt, dass auch die Spendeneinrichtungen weniger Geld bekommen.

Auf der anderen Seite muss es die Politik ermöglichten, dass auch in so einem Ausnahmezustand, wenn Menschen unter Quarantäne stehen, solche Organisationen wie wir auch zu den Familien fahren dürfen. Und sie müssen sich überlegen, dass es Menschen gibt, die abgehängt sind, die bei dieser ganzen Krise vergessen worden sind: die Obdachlosen, die armen Familien. Die brauchen Unterstützung. Es gibt sehr viele Familien oder Menschen, die vorher als Honorarkraft gearbeitet haben und sich jetzt oder spätestens am Ende des Monats an irgendjemanden wenden müssen und sagen: Ich habe kein Geld mehr, ich muss sehen, dass ich über die Runden komme. Diese Leute werden auch noch bei uns anrufen. Hoffentlich gibt es auch andere Organisationen oder die Stadt, die dafür einen Krisentelefon einrichtet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Schmidt-Hirschfelder für Inforadio

Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung des Gesprächs. Das ganze Interview können Sie hören, wenn sie auf das Bild oben im Beitrag klicken.

Sendung: Inforadio, 20.03.2020, 09:07 Uhr

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2 Kommentare

  1. 1.

    Da wir keine andere langfristige Perspektive haben, sollten besser die alten und kranken Menschen isoliert werden. Die jetzige Methode wird zum einen unsere Wirtschaft und sozialen Einrichtungen ruinieren und sich nicht sehr lange fortsetzen lassen.
    Die Arbeit der Arche muss unbedingt unterstützt werden!

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