#Wiegehtesuns? | Die Kiezcafé-Betreiberinnen - "In der Krise brauchen wir Solidarität - und guten Kuchen"

Kiezcafé Pomeranze in Berlin-Neukölln (Quelle: rbb/D. Backhaus)
Bild: rbb/D. Backhaus

Wer in Corona-Zeiten in der Berliner Gastroszene überleben will, muss anpassungsfähig sein. Ein Jahr nach der Eröffnung müssen Marlene M. und Katharina H. ihr Kiezcafé unter völlig neuen Bedingungen weiterführen. Protokoll zweier findiger Unternehmerinnen.

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als vieles andere zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Marlene M. (34) und Katharina H. (35) haben sich im Mai 2019 ihren Traum erfüllt und in Neukölln ihr eigenes Kiezcafé eröffnet. Dann kam Corona.  

Derzeit verkaufen wir unseren Kaffee und Kuchen, Gerichte aus regionalen und saisonalen Zutaten sowie Balkonbedarf ausschließlich mit Abstand und zum Mitnehmen beziehungsweise über unseren Onlineshop. Das war so nie der Plan: Es ging uns stets darum, einen einladenden Ort zu schaffen, an dem sich Menschen aus dem Kiez treffen können. In unserem Café fanden Konzerte, kreative Workshops und Kleidertausch-Veranstaltungen statt; Lesungen und größere Feste waren in der Planung. Jetzt müssen wir auch unsere liebsten Kunden vertrösten und unsere Laufkundschaft dazu auffordern, mehr Abstand zu halten.

Dass unsere Gäste uns in Zeiten der Krise Geschenke bringen, Unterstützung anbieten und uns auch mal ein Geburtstagsständchen vor der Tür singen, freut uns natürlich sehr. Wir hätten niemals gedacht, dass wir uns ein Jahr nach der Eröffnung komplett neu organisieren müssen. Aber wie so viele andere auch, müssen wir uns an die sehr speziellen Gegebenheiten des Wirtschaftens in der Pandemie anpassen. Eigentlich hatten wir geplant, eine Teilzeitkraft einzustellen. Stattdessen können wir nichtmal unsere drei Minijobber weiter beschäftigen.

Als sich die Krise zuspitzte, konnten wir es moralisch nicht mehr vertreten, weiterhin GästInnen in unseren Laden zu lassen. Als öffentlicher Ort tragen wir eine Verantwortung und haben das Café noch vor dem offiziellen Erlass des Senats geschlossen.

Durchatmen, verstehen, was da gerade passiert und wie die neuen Gesetze lauten.

Als entschieden wurde, dass der Außer-Haus-Verkauf weiterhin gestattet ist, haben wir uns den neuen Gegebenheiten angepasst. Natürlich gibt es einen Konflikt zwischen dem Ziel, die Ausbreitung der Infektion zu verlangsamen und dem Appell, kleine Unternehmen zu unterstützen. Das ist uns bewusst.

Ursprünglich haben wir uns für die Selbständigkeit entschieden, um selbst über unseren Laden und über die Gestaltung unserer Arbeit entscheiden zu können. Jetzt unterliegen wir ganz anderen Gesetzmäßigkeiten und Ausnahmeregelungen, die wir nicht kontrollieren können. Wir begegnen der Situation mit kreativen Lösungen und ziehen Energie daraus, dass wir weiter unsere eigenen Entscheidungen treffen können – innerhalb der Rahmenbedingungen.

Glücklicherweise helfen uns unsere GästInnen, indem sie in unserem Webshop fleißig Balkonbedarf kaufen, denn zum Gärtnern in den eigenen vier Wänden haben ja nun viele Zeit. Wir haben derweil unser Sortiment um noch mehr To-Go-Produkte erweitert, etwa karamellisiertes Popcorn und selbst gemachtes Chutney für den Abend auf dem Sofa. Wir improvisieren stetig weiter. Die Menschen brauchen Struktur, soziale Nähe, Solidarität und guten Kuchen, um durch die Krise zu kommen. Für uns geht es jetzt geht erst mal darum, mit Unterstützung unserer Stammkunden und der Hilfe durch das Land Berlin alles zu überstehen. Wir sind optimistisch.

Gesprächsprotokoll: Victor Buzalka

Wie geht es Ihnen? Erzählen Sie rbb|24, wie Ihr Alltag in Zeiten von Corona aussieht! Einfach eine Mail schicken an internet@rbb-online.de. Wir melden uns bei Ihnen.

Was Sie jetzt wissen müssen

7 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 7.

    GästInnen gefällt mir... wieder ein neuer Begriff

  2. 5.

    Ein wirklich positiver Beitrag. Es gibt doch noch kleine Unternehmen, die sich um die Sicherheit ihrer Gäste Gedanken machen und vor dem Shutdown die Notbremse gezogen haben. Daran können sich die einen oder anderen Kneipenbetreiber ein Beispiel nehmen.

  3. 4.

    Wenn wir die Corona-Pandemie in den nächsten Monaten finanziell ausbügeln dürfen, zählt die experimentelle Gastroszene garantiert nicht zu den Must-have Gewerben wird pleite gehen. Die werden untergehen jede Wette, es sei denn es waren schon Multimillionäre.

  4. 3.

    Das ist leider auch in anderen Berliner Bezirken der Fall. :-(

    Den Mädels vom Kiezcafe herzlichen Dank für die Flexibilität... macht weiter so und kommt gut durch diese Zeit.

  5. 2.

    meine Frau ist ständig am Kuchen backen . Bald passt keine Hose mehr............

  6. 1.

    Ich würde gerne Restaurants in meiner Umgebung unterstützen und uns ab und zu Essen nach Hause holen. Nur scheint es im Radius des Wittenbergplatz kein Restaurant nötig zu haben, so etwas anzubieten. Schade.

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren