Symbolbild: Studierende vor Laptop (Quelle: imago/Wedel/Kirchner-Media)
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#Wiegehtesuns? | Ein Jahr Corona - "Für mein Studium in Japan stehe ich kurz vor Mitternacht auf"

Wenn andere schlafen, beginnt ihr Arbeitstag: Die 21-jährige Kassandra studiert von Berlin aus an einer japanischen Uni. Wegen Corona darf sie nicht nach Japan einreisen. Einfach sind die ständigen Nachtschichten vor dem Laptop nicht für sie - ein Protokoll.

Vor einem Jahr gab es den ersten Corona-Fall in Berlin. Seither stellt das Virus unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie sich ihr Alltag seither verändert hat.

Vor einem Jahr kam die 21-jährige Kassandra [Name von der Redaktion geändert] mit einem der letzen Flieger aus Tokio in ihre Heimatstadt Berlin. Eigentlich wollte sie nur solange in Berlin bleiben, bis sie eine Zusage für einen Studienplatz in Japan hatte, doch es kam anders. So geht es Kassandra:

Für mein Studium stehe ich jeden Tag kurz vor Mitternacht auf, setze mich an meinen Laptop und dann habe ich bis in die frühen Morgenstunden Vorlesungen und Seminare. Ich studiere im ersten Semester an der Universität Kyushu in Japan. An der School of Interdisciplinary Science and Innovation mache ich eine Art Orientierungsstudium. Aber die Uni habe ich noch nie von innen gesehen und auch meine Kommilitonen noch nie getroffen: Denn wegen Corona darf ich nicht einreisen. Also studiere ich Online von Berlin aus. Und wegen der Zeitverschiebung passiert das für mich halt nachts. Für meine Mitstudenten in Fukuoka ist es dann acht Uhr morgens.

Nachts zu lernen, ist schon sehr anstrengend für mich. Ich kann mich schlecht konzentrieren, weil ich immer müde bin. Ich kriege keinen guten Schlafrhythmus hin, manchmal habe ich halt nur zwei Stunden geschlafen, bevor ich dann nachts für die Vorlesung aufstehen muss. Aber es geht nicht anders, es gibt auch eine Anwesenheitspflicht. Nur donnerstags habe ich frei.

Ich habe mich schon früh für Japan interessiert und als Schülerin ein Auslandsjahr dort gemacht. Das hat mir so gut gefallen, dass ich für immer dortbleiben und arbeiten wollte. Deswegen wollte ich auch auf eine japanische Uni gehen. Nach dem Abi in Berlin bin ich für Eineinhalbjahre nach Tokio gegangen, um mein Japanisch zu verbessern und den SAT-Test zu machen. Das deutsche Abi genügt nicht, wenn man dort studieren will. Ich habe sehr viel dafür lernen müssen, aber es dann auch geschafft. Weil ich noch keinen Studienplatz hatte, bin ich danach erstmal nach Berlin zurückgekommen. Das war vor einem Jahr, am 19. März 2020, kurz bevor der Flugverkehr wegen der Pandemie weltweit stark eingeschränkt wurde.

Jetzt hatte ich zwar endlich mal Zeit, konnte aber nicht viel machen, auch nicht verreisen. Ich habe Klavier gespielt, sehr viel gemalt und ab und zu Freundinnen getroffen oder etwas mit meiner Mutter unternommen.

Im Frühjahr 2020 kam dann endlich die Zusage für einen Platz an der Kyushu Universität. Aber: Als Ausländerin durfte ich nicht einreisen nach Japan. Erst ab 1. Oktober wurden temporär wieder Visa ausgestellt. Für ausländische Studenten übernehmen die japanischen Unis die Flugbuchungen. Kurz vor Weihnachten haben sie mir Bescheid gesagt, dass ich am 6. Januar dann endlich nach Tokio fliegen könnte. Aber nur wenige Tage später kam das weltweite Einreiseverbot für ausländische Staatsbürger wegen der neuen Mutationen des Coronavirus. Seither sitze ich in Berlin fest und studiere nachts Online.

In Japan findet das "normale Leben" noch statt. Restaurants und Geschäfte haben geöffnet, die Leute treffen sich. Alle anderen aus meinem Studiengang sind schon dort, treffen sich und kochen miteinander im Studentenwohnheim. Nur ich nicht. Das macht mich manchmal traurig. Ich habe zwar Kontakt mit den anderen, wir schreiben uns auch. Aber ich vermisse es, nicht dort zu sein.

Mittlerweile habe ich mir sogar schon überlegt, vielleicht doch in Deutschland zu studieren, irgend etwas mit Design. Aber eigentlich warte ich darauf, dass ich endlich nach Japan reisen kann.

Gesprächsprotokoll: Ula Brunner

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3 Kommentare

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  1. 3.

    Wie bitter traurig mit dem Luxusproblem. Da kommen mir die Tränen, aber weniger aus Empathie. Die Idee " irgendwas mit Design" ist dann ja eine nette Alternative und wird gesellschaftlich gebraucht. Und schon 3 Jahre nach dem Abi so reif, zukunftsperspektivisch zu planen.....
    Mein Respekt gilt den jungen Menschen, die eine Ausbildung z.B. in der Verwaltung, bei kommunalen Unternehmen oder auch in der freien Wirtschaft machen; die studieren um Lehrer, Ingenieurin, Musiker, Digitalexpertin o. Ä. zu werden. Auch wenn es auf Instagram nicht so toll rüberkommt.

  2. 2.

    Lieber RBB24,
    Auch wenn die gute Dame sich vorher Mal in Tokio aufgehalten hat, so liegt die Kyushu Universität, wie der Name schon sagt, auf der Insel Kyushu in der Stadt Fukuoka, und nicht in Tokio.
    Einige Sätze im Text lassen fälschlicher Weise darauf schließen.

  3. 1.

    Eine beeindruckende Person! Was die junge Frau alles auf sich genommen und geleistet hat, um in Japan studieren zu können - und jetzt nicht vor Ort sein dürfen - das ist wirklich hart. Und da heulen hier einige Leute (vornehmlich Männer) rum, weil sie beim Einkaufen Maske tragen müssen ...

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