Ein Teilnehmer der Demonstration am 01.08.2020 gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Berlin (Bild: imago images/Frederic Kern)
Bild: imago images/Frederic Kern

Der Absacker - Der Triumph über "den Maulkorb" (und die Wahrheit)

Die Demo vom Samstag, die unter dem Motto "Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit" lief, hinterlässt einen Nachgeschmack: Für die einen ist es der von Triumph, für Laura Kingston ist es eine beängstigende Erkenntnis.

"Lügenpresse!" "Staatsfunk!" "Fakemedien!" Ich habe mich noch nie so angeschrien gefühlt wie heute - und das schreibe ich, während ich am Küchentisch meiner ruhigen Einzimmerwohnung im Hinterhaus eines Prenzlberger Wohnblocks sitze, wo ich nichts als Vogelzwitschern höre. Was mich angeschrien hat waren die Kommentare - mehrere tausend an der Zahl - unter einem Video über den sogenannten "Tag der Freiheit" am Samstag.

1. Was vom Tag bleibt

Viele Kommentare sind in einem geradezu glückseligen Ton verfasst: "War ein toller Tag, danke dafür!" Andere wirken mahnend und sind wohl an all diejenigen gerichtet, die weiterhin am "Maulkorb" (der Mundnasenbedeckung) festhalten wollen. Was die meisten gemein haben: Sie vermitteln das Gefühl eines Triumphs. Über das Stück Stoff, das die Demonstrierenden kollektiv ablehnen, und vielleicht auch über das "System", zumindest für die paar Stunden, auf der Straße des 17. Juni. Umso empfindlicher reagieren die Anhänger der Bewegung, wenn es um die Teilnehmerzahl der Demo geht. Offiziell heißt es von der Polizei, es seien 20.000 gewesen. Doch die Zahl, die im Netz umhergeistert, liegt bei 1,3 Millionen. Ein gewaltiger Unterschied. Ein klarer Fall für die Interviewten in unserem Video: rbb|24 verbreite Fake-News. Der Datenanalyst Philip Kreißler sieht das ein bisschen anders.

Abschalten.

Die Stadt wird wieder lauter - und das nicht nur, weil sogenannte "Demokratieverfechter" ihren selbsternannten "Maulkorb" - also sowohl den Mundschutz als auch die Scham, verletzende und diskriminierende Dinge zu sagen - abgelegt haben. Man merkt auch, dass Festivals, Partys und Urlaube jetzt in die Parks(und nachts auf die Straße) verlegt wurden. S-Bahnen sind wieder voll, Bahnhöfe sowieso. Im lauter werdenden Berlin habe ich das Lesen wiederentdeckt. Drei Romane hintereinander in den letzten drei Wochen, und nicht weil ich frei hatte, sondern weil ich der Lautstärke der Umgebung entfliehen wollte. Neulich stand ich im Bahnhof Gesundbrunnen, wartete auf eine Freundin und las. Ein Typ spricht mich an, ich verdrehe innerlich schon die Augen. Doch was er sagt, überrascht mich: "Du liest hier mitten in diesem Chaos. Respekt!"

3. Und, wie geht's?

"Eigentlich bekommen wir das alles gut hin, wir machen alles nach Vorschrift, aber die Bevölkerung nimmt die Maskenpflicht nicht ernst", sagt Marlene Richter, Inhaberin des Charlottenburger Cafés "Die Stulle". Den ersten Lockdown hätte Sie nur durch Unterstützung aus der Nachbarschaft überlebt, eine zweite Welle würde sie "weder mental noch finanziell überleben."

Nehmen Sie eine Maskenmüdigkeit wahr? Und wie geht es Ihnen damit? Schreiben Sie an: absacker@rbb-online.de.

4. Ein weites Feld

Nur ein Wort schwirrt in meinem Kopf umher, nachdem der 1.500ste Kommentar gelöscht ist: Gespalten.

Die letzten Monate haben die Bevölkerung auf einmal in zwei Gruppen gespalten: diejenigen, die Maske tragen und damit ihre Solidarität ausdrücken und diejenigen, die dagegen sind. Dass ein kleines Stück Stoff inzwischen so polarisieren kann, ist angesteinflößend. Denn wenn es nur zwei Gruppen gibt, denen man angehören kann, dann demonstrieren zum Beispiel Reichsbürger*innen Hand in Hand mit denjenigen, die einfach nur genervt sind vom Shoppen mit Maske. Dann solidarisieren sich von der Wirtschaftskrise gezeichnete Bürger*innen mit Rechtsradikalen. Für mich ein beängstigender Gedanke.

Bewahren Sie dennoch ein Lächeln (unter ihrer Maske) und passen Sie auf sich auf.

Ihre Laura Kingston

 

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Beitrag von Laura Kingston

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32 Kommentare

  1. 32.

    Faktenlose Traumfängerei. Für Ihren nächsten Artikel empfehle ich Ihnen einen Grundsatz des Journalismus. Recherche!

  2. 31.

    Sie beschreiben sich selbst als Dorfei und klassische Neuberlinerin. Diese Stadt Berlin ist groß um nicht zu sagen sehr groß.
    Der sog. Prenzelberg ist hipp, Steglitz / Zehlendorf ist spießig. So die Kategorien von Leuten, die diese Stadt nicht kennen, Corona hat dies noch einmal mehr verdeutlicht. Als Zehlendorfer kenne ich ich den Wedding sehr gut. Dort ticken die Menschen anders. Unten im Sueden, sind die Leute disziplinierter, die Maskenpflicht ist kein Thema, wenn auch etwas lästig.
    Was mir immer mehr auffällt, dass gerad die jüngere Generation, in ihrer freien Meinungsäußerung andere Leute immer mehr versucht einzuschränken. Es gilt nur die eigene Meinung, als die einzig richtige. Besonders in den "sozialen" Medien.
    Dies zeigt Corona auf besondere art & weise, dass man andere Meinungen scheinbar nicht mehr erträgt.
    https://www.tagesspiegel.de/politik/lisa-eckhart-dieter-nuhr-nurhan-soykan-wie-die-waechter-ueber-das-sagbare-die-redefreiheit-einschraenken/26075780.html

  3. 30.

    "Mit der Zahl 1,3 Millionen haben die Veranstalter auf der Bühne ihre Fans eiskalt angelogen."

    Bei derart einschlägigen Demonstrationen muss offenbar die Frage gestellt werden, ob derartige Angaben sachlich gemeint sind oder den allgemeinen Gesetzen der Werbung verhaftet sind. Werbung muss bekanntlich den Wahrheitsbeweis nicht antreten.

    Ansonsten stimme ich darin zu, dass die Bandbreite der Demonstration offenbar recht groß war. Das ließe sich als Negativ-Koalition bezeichnen, zu der in früheren Zeiten bewusst Abstand gehalten wurde oder, wer es anders will, als Unverkrampftheit und punktuelle Zusammenarbeit in einzelnen Bereichen.

    Was mir tats. Sorgen macht: Dass wissenschaftlich durchaus gestandene Menschen wie Hans-Joachim Maaz, dessen "Bewegung Halle.de" da war, ebenso zur Eskalation beitragen wie bspw. Wolfgang Wodarg, ein Mensch eher des linken SPD-Flügels - seit Jz. Mitengagierter von "Mehr Demokratie" und der Ausweitung zivilgesellschaftlichen Engagements.

  4. 29.

    Kurze Denkanstösse:
    Wenn man Teilnehmer vorher als Corona-Leugner bezeichnet,was wohl für die Mehrheit nicht zutreffen wird,braucht man sich nicht über solche Reaktionen wundern.

    Selbstverständlich teilt sich die Bevölkerung in Maskenbefürworter und -gegner,geht auch nicht groß anders. Allerdings sollte man nicht glauben,dass sich links und rechts genauso aufteilt.
    In Sachen Identitätspolitik stehen Linksextreme und Kapitalisten übrigens auch oft Seite an Seite,stört auch keinen.

  5. 28.

    Disruption, um von eigenen Logiklöchern und mangelhaften Argumentationen auf völlig andere Themen rabulistisch zu verweisen sowie um politisch Andersdenkende zu delegitimieren und Desinformation, um sich selbst (mehr) Deutungshoheit zuzuweisen , sind Hauptinstrumente von Rechtspopulist*innen und -extremist*innen.

    Die Polarisation ist z.T. auch ein Trugbild. Denn wenn sich Mücken selbst zum Elefanten aufblähen, wenn Repräsentationsfähigkeit gar nicht in diesem behaupteten Maß vorhanden ist, ist auch klar, dass die Gesellschaft nicht so gespalten ist, wie es die Spalter*innen gerne hätten. Bedenklicher als rechte Selbstinszenierungen sind diejenigen, die kein Problem mit Distanz- und Kritiklosigkeit zu Rechten haben. Diese höhere Gesellschaftsfähigkeit ist ein Ziel des Rechtsextremismus.

    Der Zuspruch für Demokratie und Menschenrechte ist jedoch ungebrochen, die absolute Mehrheit vertritt keine rechtspopulistischen oder -extremen Haltungen.

  6. 27.

    Es scheint nur noch darum zu gehen wer verstößt gegen welche Maßnahme.
    Ich dachte man hat die Regeln eingeführt damit sich die Leute nicht infizieren.
    Das scheint aber höchstens zweitrangig zu sein.
    Das Spiel ist das gleiche wie bei allen Demos Partys oder was auch immer.....ob die Zahlen steigen oder nicht interessiert wohl wenige.....bisher stiegen sie nicht wirklich...auch bei den anderen Verfehlungen.

  7. 26.

    Ich war selber da. Gedrängt standen die Leute nur um die Bühne herum. Auf weiten Teilen der Straße befand sich zeitweise sehr viel Luft zwischen den Personen. Außerdem können Sie nicht die ganze Straße für Ihre Berechnung heranziehen. Sie müssen erhebliche Flächenteile abziehen, wo gar keine Zuschauer stehen konnten: Schon alleine die große Fläche der Bühne. Dann noch die Flächen für die zahlreichen Zusatz-Lautsprecher und Bildschirmleinwände auf der Straße. Flächen auf denen die Stromgeneratoren standen, Flächen, auf denen Transporter und zahlreiche Polizeiautos abgestellt waren. Am Abend wurde auf der Straße sogar getanzt, weil so viel Platz frei war. Nach meinen Beobachtungen ist die Größenordnung von 17.000 bis 20.000 absolut realistisch. Hunderttausende oder gar Millionen waren das auf gar keinen Fall. Mal zum Vergleich: Im ganzen Großraum Berlin leben 4 Millionen Menschen. Mit der Zahl 1,3 Millionen haben die Veranstalter auf der Bühne ihre Fans eiskalt angelogen.

  8. 24.

    Für was Sie so alles Zeit haben. Da frage ich mich schon, ob Sie nicht auch zu den“besorgten Bürgern“ gehören, die nur danach suchen, um eventuell doch das Haar in der Suppe zu finden. Zudem wissen Sie dann sogleich, wem es gehört. Was wissen Sie denn schon über Herrn Steinmeiers Privatleben? Aber auch rein gar nichts. Aber immer feste drauflosdreschen. Kopfschüttel.

  9. 22.

    Um die 20.000 Teilnehmende, das ist realistisch.
    Wenn bei den ca. 250.000 Teilnehmenden bei der großen Anti-TTIP-Demonstration weit vor Corona nicht nur die Straße des 17. Juni gut gefüllt war, sondern auch noch am Brandenburger Tor um die Ecke rum, können es jetzt nicht schlechterdings 1,3 Mill. sein.

  10. 21.

    Bewundernswert, dass sich auch in den Medien mal jemand traut, die Sorge um die Spaltung der Gesellschaft offen anzusprechen. Diese Absolutheiten auf beiden Seiten machen auch mir Angst, man muss ja auch nach Corona noch zusammenleben. Vielleicht könnten Sie dies auch mal Ihren Kollegen beim rbb mitgeben, Überschriften wie "Wanderzirkus der Corona-Gegner" oder so ähnlich helfen bei diesem Problem sicher nicht.

  11. 20.

    Ich konnte nur lesen, dass der LH (=Landeshauptmann) sich geärgert hat, von Hrn Steinmeier konnte ich nichts lesen. Wo haben Sie denn die Stellungnahme des Bundespräsidenten gefunden?

  12. 19.

    Das ist mir jetzt aber zu einfach. Der Bundespräsident erhält ist nahezu ausschließlich als moralisches Leitbild da. Von daher zu sagen, bei 5 Mann auf einem Berg ist schon ok für den Bundespräsidenten, naja. Da sollten die Ansprüche schon höher sein, er repräsentiert den Staat, der diese Einschränkungen anordnet. Da sollte er schon etwas strenger bei der Einhaltung sein. Und beim „Saufgelage“ waren vielleicht auch nur fünf an einem Tisch?

  13. 18.

    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/114701/SARS-CoV-2-Evidenz-spricht-gegen-Ansteckung-ueber-die-Luft

    Die neuste Studie spricht gegen die Ansteckung über die Luft. Ich fühle mich als Laborratte. Für alles gibt es eine Studie dafür und dagegen. Real dagegen sind Maskenpflicht, Bußgelder und Gesetzesänderungen...

  14. 17.

    Sie brauchten ja nicht lange nach diesem Foto suchen, weil er es ja direkt im Anschluß gleich kommentiert und sich geärgert hat, die ganze Zeit eine Maske zu tragen und sie für das Foto abzunehmen.
    Und 5 Menschen auf einem Berg sind wohl ein Unterschied zu zig Tausend beim Saufgelage.

  15. 15.

    "dann befand sich am Samstag auf 18qm, also einem knappen Wohnzimmer, lediglich ein einziger Demonstrant" ja, genau so sah es auch aus. Auf weiten Strecken leer.

  16. 14.

    Wenn Sie sich die Mühe machen wollen, lesen Sie diesen Artikel durch:

    https://www.br.de/nachrichten/wissen/faktenfuchs-wie-viele-leute-waren-auf-corona-demo-in-berlin,S6bfRBo

  17. 13.

    Meine dringende Empfehlung "Sløborn" im ZDF anschauen.

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