Behinderte in der Pflege - Wie Behinderteneinrichtungen jetzt mit der Krise kämpfen

Mädchen lernt das Gebärdensprachen von einer Frau (Quelle: imago images/AndreyPopov)
Bild: imago images/AndreyPopov

Home Office, Notbetreuung für Kinder, Hotlines: Je weiter die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus ansteigt, desto mehr Hilfsmaßnahmen ergreift der Senat. Doch Menschen mit Behinderung kommen dabei offenbar oft zu kurz. Von Sebastian Schöbel

Es ist eine schwierige Entscheidung, die Vera-Kristin Kögler am vergangenen Wochenende treffen musste: In einer der neun Gehörlosen-WGs ihrer gemeinnützigen Sinneswandel GmbH klagen vier der Bewohner über hohes Fieber: Es besteht der Verdacht auf eine Corona-Infektion. Die Bewohner sind nicht nur gehörlos, sondern haben oft auch geistige oder körperliche Einschränkungen, einige sitzen im Rollstuhl. Soll Kögler trotz der unklaren Lage zum Schichtwechsel eine neue Betreuerin in die WG schicken?

Vera-Kristin Kögler (Quelle: privat)
Vera-Kristin Kögler Bild: privat

Hotline nützt Gehörlosen nichts

Eine schnelle Abklärung der Verdachtsfälle durch das Gesundheitsamt sei nicht möglich gewesen, sagt Kögler rbb|24 - die offizielle Hotline sei ständig besetzt gewesen. "Wir konnten es nicht klären, weil niemand erreichbar war." Ihren pädagogischen Betreuern und Pflegern hätte es allerdings ohnehin kaum geholfen, selber Informationen einzuholen: Die sind nämlich zum Teil selber gehörlos, anrufen ist für sie nicht möglich. "Zugriff auf Schutzkleidung haben wir auch nicht", sagt Kögler. Sinneswandel betreibt nicht nur eine, sondern neun Gehörlosen-WGs, mit insgesamt 47 Bewohnern.

Am Ende habe sie gezwungenermaßen die nächste Pflegekraft in die WG geschickt - in dem Wissen, dass ihre Angestellte damit ein Risiko eingeht. "Wir können die Menschen ja nicht allein lassen."

Behindertenverband fordert kreative Lösungen

So wie Vera-Kristin Kögler geht es zurzeit vielen Menschen in Berlin, die mit Behinderten arbeiten. Vor allem Pflegekräfte und Sonderpädagogen werden der Gefahr einer Infektion ausgesetzt, weil sie körperliche Nähe zu ihren Patienten und Klienten kaum vermeiden können - und setzen sich damit zugleich einem hohen Ansteckungsrisiko aus.

Umso ärgerlicher findet es Dominik Peter vom Berliner Behindertenverband, dass das Informationsangebot über das Coronavirus für Menschen mit Behinderung so spärlich ist. "Was ich nicht verstehe: Dass sich ein Regierender Bürgermeister bei wichtigen Ansprachen ohne Gebärdendolmetscher vor die Kameras stellt."

Zudem gebe es kaum Informationen über mögliche Änderungen bei Angeboten wie dem Sonderfahrdienst für Schwerbehinderte, und keine spezielle Hotline für Menschen, "die nicht so einfach telefonieren können", so Peter. Möglich wären da zum Beispiel ein Faxabruf oder Onlinevideos, in denen in Gebärdensprache wichtige Informationen weitergegeben werden.

Paritätischer sieht Verwaltung am Anschlag

Kathrin Zauter vom Paritätischen Wohlfahrtsverband nimmt die Berliner Verwaltung in Schutz. Die habe derzeit mit einer "außergewöhnlichen Situation" zu tun und versuche "alles Menschenmögliche". Derzeit werde etwa abgefragt, welcher Träger Schutzkleidung für seine Angestellten benötige, damit das Material zentral beschafft werden kann. Zudem frage der Paritätitsche Wohlfahrtsverband seine Mitgliedsunternehmen, was sie brauchen. Dass jetzt jeder immer mehr Informationen und mehr Klarheit verlange, sei nachvollziehbar, so Zauter. Aber die Verwaltung sei in vielen Bereichen mit der Pandemie "einfach überfordert".

Was allerdings auch Zauter vom Senat verlangt, ist Klarheit über die Zukunft von Behindertenwerkstätten. Die müssten sichergehen können, dass ihre zu erwartenden Verluste finanziell abgefedert werden. Zudem müsse sichergestellt sein, dass Pflegerinnen und Pfleger weiter bezahlt werden, wenn sie für andere Aufgabenbereiche abgestellt werden.

"Überlegen, wie viele Menschen wir dieser Gefährdung aussetzen"

Vera-Kristin Kögler wartet auf diese Klarheit noch, was den Gesundheitszustand ihrer vier erkrankten WG-Bewohner angeht. Ihre Betreuer, Pfleger und Pädagogen wird sie weiterhin zum Dienst schicken - anders gehe es nicht, sagt sie. "Wir können nur überlegen, wie viele Menschen wir dieser Gefährdung aussetzen."

Man versuche sich jetzt mit einfachen Mitteln wie Desinfektion und Handschuhen zu helfen, zudem würde sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontinuierlich informieren. Einen anderen Weg gebe es für die stark gefährdeten Frauen und Männer in der Versorgung von Menschen mit Behinderungen aber auch nicht: "Die Tätigkeit verweigern, geht nicht."

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15 Kommentare

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  1. 15.

    Ist bei mir Genau so ich bin beschäftigt in einer behindertenwerkstatt ich arbeite bei USE Am Standort haus Natur und Umwelt in der Wuhlheide das Haus selbst ist seit Montag geschlossen aber uns lässt man einfach weiterarbeiten als ob nichts wär. Ich habe Es für Gelöst ich habe mich aus Protest krank schreiben lassen.

  2. 14.

    Ja das scheint wohl der Fall zu sein ,wegen dem Geld.und viele in Behinderten werkstätten sind schon geschwächt. Und die Regierung macht nix. Ich selber arbeite auch in einer Behinderten Werkstatt und verstehe das nicht. Alles andere schließt nur Behinderten werkstätten noch nicht.

  3. 13.

    Und noch immer machen die Werkstätten für Behinderte weiter. Es scheint wohl ums Geld und nicht um den Menschen zu gehen, nur so lässt sich erklären, dass der Senat noch nicht die Schließung verfügt hat. Die Bundesregierung hat doch laut getönt, alle bekommen die notwendige Unterstützung. Ein Skandal sondergleichen.

  4. 12.

    Leider ist es bei uns auch so. Die Geschäftsführung hält es nicht nötig Mitarbeiter, Werkstattbeschäftigte oder die Eltern und Betreuer zu informieren. Es wird einfach als „Panik“ abgetan und auf berechtigte Sorgen nicht eingegangen.

  5. 11.

    Nicht nur die Werkstätten sind noch offen! Auch die Tagesstätten und Kontakt und Beratungsstellen für Menschen mit Behinderungen sind weiter offen! Von unserer Leitung keine Infos! Auf den Seiten der Senatsverwaltung nichts dazu, ob die Tagesstruktur - Einrichtungen nun auch schließen können. Und falls dieses geschlossen, ob wir Angestellte unser Gehalt trotzdem bekommen. Klare Informationen der Senatsverwaltung wären echt notwendig!

  6. 10.

    Schulen schließen uvm Bayern ruft den Katastrophenfall aus, sogar Spielplätze werden gesperrt, aber die Behindertenwerkstätten bleiben offen. Das ist ein Skandal ! Das passt irgendwie nicht zusammen. Die Politik muss endlich reagieren !!!!

  7. 9.

    Ja auch bei uns ist das so! Wir haben teilweise nur noch 5 Leute zum betreuen mit 11 Mitarbeitern. Weil sie die Menschen nicht aus den Wohngruppen lassen. Aber wir blieben weiter offen. Ich finde das ganze unverantwortlich und ganz schlimm das der Senat nicht darauf reagiert das können die doch nicht manchen. Ich denke es geht um die Menschen nein es geht alleine um Geld und das ist so schrecklich!! Eine Hilferuf!! Ich kann es nicht begreifen!!

  8. 8.

    ja das ist richtig aber es reagiert auch keiner in unserer Werkstatt,alle befinden sich in der WfBM auch die aus Heimen und anderen Einrichtungen,ich habe schon Angst,das sich mein Angehöriger dort ansteckt ,denn er besucht den FBB

  9. 7.

    Die Werkstätten zu schließen wäre auch ein Schutz für die Mitarbeiter in den Wohngruppen und ein wichtiger Schritt um eine Weitergabe des Virus zu unterbrechen.

  10. 6.

    Ich finde es nicht gut, das meine Werkstatt offen hat, ich erlebe in der Kantine das man keine 1. m Abstand einhält oder Besteck offen liegt und es viele berühren oder man sehr dicht im Büro sitzen muss und viele einen nah kommen gerade in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung finde ich solltet man aufpassen, die schon eine Vorerkrankung haben und mehr gefährdet sind. Einige machen sich schon Sorgen oder haben Fragen aber das wird gleich als Panik abgestempelt bzw. spielt man es herunter das geht gar nicht.

  11. 5.

    Das Problem ist nicht, dass die Behindertenwerkstätten noch geöffnet sind, sondern dass die Politik mit Ihren Informationen nicht alle erreicht. Da hätten sie beide mal richtig den Text zu dem Thema lesen sollen. Diejenigen, die in den Behinderten Werkstätten gefährdet sind brauchen nicht zur Arbeit erscheinen. Da achten schon der Arbeitgeber drauf. Obendrein geht es um die Betreuung von Behinderten Menschen und die Gefahr der Betreuer, speziell die Gehörlosen, zum Teil wie ich aus dem Text entnehmen konnte mit geistiger und oder körperliche Einschränkungen. Die Politik ist gefragt dies zuändern und jemanden einzustellen der auch in Gebärdensprache übersetzt. Mir ist aufgefallen, dass Australien sowas bei jeder Pressekonferenz macht und extra jemanden dafür eingestellt hat. Dies sollte auch bei uns möglich sein.

  12. 4.

    Da kann man Ihnen nur beipflichten. Schliesslich ist das eine Risikogruppe die eigentlich besonderen Schutz brauchen. Hoffentlich gibt es eine schnelle Regelung.

  13. 3.

    Was ist mit mit den Werkstätten für Menschen in Land Brandenburg. Keine klare Aussage der Landesregierung.

  14. 2.

    Das ist völlig unverständlich! Warum sind die Behindertenwerkstättennnoch offen, während Kitas und Schulen geschlossen sind? Kann ich nicht nachvollziehe.

  15. 1.

    Warum sind die Werkstätten für behinderte Menschen noch nicht geschlossen wie es in Schleswig-Holstein seit heute der Fall ist? In den Werkstätten arbeiten unzählige Menschen mit chronischen Erkrankungen, Immunschwäche oder Herz-Kreislaufproblemen, die einen besonderen Schutz benötigen. Ich finde das unverantwortlich!

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