Ein Streifenwagen der Polizei fährt durch den Volkspark Schöneberg. (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)
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Mobilität in Berlin und Brandenburg - Alles wie vor Corona? Wohl zum Glück nicht

Rumsitzen in der Gruppe. Keine Maske im Bus. Und beim Abschied für jeden ein Küsschen. Schaut man auf andere, hat man das Gefühl, niemand halte sich an die Corona-Regeln. Aber lässt sich das so sagen? Und was könnten die Auswirkungen sein? Von Haluka Maier-Borst

Eine Anekdote bleibt eine Anekdote. Und auch viele Anekdoten sind keine Daten und schon gar keine Gewissheiten. Das sind etwas neunmalkluge Sätze, die aber wichtig sind. Zum Beispiel wenn es darum geht, wie sehr sich Menschen noch an die Vorsichtsmaßnahmen rund um Corona halten.

Natürlich wundert man sich, wenn sechs Männer einen Stehtisch auf eine Verkehrsinsel am Rosenthaler Platz stellen und dort ihr Herrentagsbier trinken. Aber man käme angesichts dieser Beobachtung nicht auf die Idee, gleich zu sagen, dass alle Männer gedankenlos sind. Genauso wenig heißt es, dass die Mehrheit sich nicht an die Regeln hält. Diejenigen, die zu Hause bleiben oder eine Radtour mit der Familie machen, sieht man nicht. Und das ist das Problem.

Corona ist eine Krise, in der vieles nicht greifbar ist, allen voran das Virus selbst. Mancher zweifelt am Virus, weil er ihn nicht sehen kann. Andere zweifeln an der Vernunft der Mitmenschen, weil vor allem die zu bemerken sind, die sich nicht an die Regeln halten. Und vieles lässt sich weiterhin nur mit vorläufigen Daten und vorsichtigen Theorien beantworten. Aber es lassen sich vielleicht folgende Sachen zumindest mit Vorsicht für den Moment sagen.

Nein, Berlin tickt bei weitem nicht wie vorher, Brandenburg schon eher

Die Mobilität in Deutschland ist mehr oder weniger auf dem Niveau des Vorjahres, in Brandenburg sogar leicht darüber. Aber in Berlin ist das nicht der Fall. Zwar steigt die Mobilität, aber sie hat noch längst nicht das Niveau von 2019 erreicht, wie Mobilfunkdaten zeigen.

Einige der Gründe dafür werden wohl sein, dass nach wie vor das kulturelle Leben auf Sparflamme läuft. Womöglich vermeiden die Menschen in Berlin aber auch, quer durch die Stadt für Einkäufe zu fahren, oder arbeiten mehr von zu Hause. In Brandenburg hingegen gibt es anscheinend weniger Bewegungen, auf die man noch verzichten kann oder will.

So oder so sei aber gesagt, dass ein Anstieg an Mobilität nicht zwangsläufig auch wieder zu mehr Neuinfektionen führt. Es könnte auch bedeuten, dass sich keine Veränderungen am Infektionsgeschehen ergeben. So stieg zwar die Mobilität seit Ostern, aber bisher blieb eine zweite Welle aus. Das könnte an einem saisonalen Effekt liegen. Oder zum Beispiel daran, dass alle Abstand halten und in unvermeidbaren Situationen Maske tragen.

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Wie die Berlinerinnen und Berliner sich fortbewegen, hat sich verändert

Ob Letzteres aber noch zur Genüge geschieht, wird infrage gestellt. Die Maskenpflicht für Bus und Bahn gilt zwar nach wie vor. Trotzdem berichten Kollegen, Freundinnen und auch Leserbriefschreiber davon, dass sie Menschen ohne Maske in den öffentlichen Verkehrsmitteln antreffen würden. Nun gibt es keine Daten, die das klar widerlegen oder belegen. Doch zumindest die BVG sieht noch keine Verstöße en masse gegen die Regeln. Man habe die Lage im Blick und kommt zum Fazit, dass in "bis zu 95 Prozent" der Fälle die Hinweise zur Mund-Nase-Bedeckung beachtet würden. 

Allerdings räumt die BVG auch ein, dass besonders abends sich ein anderes Bild biete. "Wir bemerken insbesondere in den Abendstunden, dass deutlich weniger Mundschutz getragen wird. Allerdings sind in diesen Zeiten auch nur noch etwa 30 Prozent der üblichen Fahrgäste unterwegs", sagt BVG-Sprecherin Petra Nelken.

Gleichzeitig hat der Fahrradverkehr zugenommen, wobei das vor allem an den Wochenenden sichtbar wird. Sprich: Auch hier könnte es sein, dass zwar die sichtbaren Bus- und Bahnnutzer und -nutzerinnen inzwischen weniger die Regeln beachten. Viele andere aber meiden ganz den öffentlichen Nahverkehr und tragen womöglich somit dazu bei, dass das Infektionsrisiko sich verringert.

Das Infektionsgeschehen scheint sich zu verlagern, weswegen mehr Normalität erstmal folgenlos bleibt

Wie genau sich Menschen anstecken, ist derweil immer noch nicht in allen Details geklärt. Vieles spricht aber dafür, dass große Gruppen, die in Innenräumen dicht gedrängt stehen, ein sehr großes Problem sind. Das würde zum Beispiel erklären, wieso ein infizierter Clubbesucher in Südkorea mehrere Dutzend Neuinfektionen zur Folge hatte [koreanherald.com] oder auch wieso Schlachthöfe gleich mehrfach neue Hotspots von Erkrankungen waren [tagesschau.de].

Insgesamt scheint das Infektionsgeschehen sich zudem für den Moment zu verlagern. Insbesondere die durch das Infektionsschutzgesetz gesondert unter Beobachtung stehenden Bereiche wie Lebensmittelindustrie, Kliniken, Pflegeheime oder auch Kitas haben größere Zuwächse bei den Neuinfektionen. In anderen Bereichen steigen die Fallzahlen weniger stark.

Dieses Verlagern des Infektionsgeschehens in gewisse Bereiche und die Tatsache, dass wohl im Freien die Übertragung des Virus weniger wahrscheinlich ist, könnte einiges erklären. Zum Beispiel, warum das Zusammensitzen von Grüppchen im Park oder an einer Straßenkreuzung nicht notwendigerweise neue Infektionswellen auslöst – auch wenn man sich dabei näher kommt als die vorgeschriebenen anderthalb Meter. Ein Grund zur Entwarnung ist das aber nicht.

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Kommentar

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Antwort auf [flo] vom 23.05.2020 um 11:39
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19 Kommentare

  1. 18.

    Liebe Anne,

    ja, so genau bekommen wir die Daten nicht aufgeschlüsselt und natürlich zum Glück nicht auf das Level einzelner Personen. Aber für den Hinterkopf: als Bewegungen zählen auch Bewegungen von einer Funkzelle zur nächsten, die ja wahrscheinlich den größeren Anteil als Pendeleien zwischen Berlin und Brandenburg ausmachen. Von daher ist das durchaus spannend, dass in eine Stadt wie Berlin (in der sich wohl auch das Virus leichter verbreiten kann als auf dem Land), die Mobilität nach wie vor niedriger ist.

  2. 17.

    Liebe Anja,

    Verzeihung, da ist uns die Quellenangabe durchgerutscht. Die Aufschlüsselung finden Sie in den Situationsberichten des RKIs. Wenn Sie auf die Quelle in der Grafik klicken, sollten Sie da hinkommen.

    Grüße

  3. 16.

    Nachschlag ,lesen hilft:
    "Ab 6. Juni möchte ich den allgemeinen Lockdown aufheben und durch ein Maßnahmenpaket ersetzen, bei dem die lokalen Ermächtigungen im Vordergrund stehen", sagte Ministerpräsident Bodo Ramelow der "Thüringer Allgemeinen". .....

  4. 15.

    Wenn Sie das mit Hinweis auf Berlin fragen,bitte ich zu bedenken,dass Thürigen ein Flächenland ist und Berlin ein Stadtstaat,die Bevölkerungsdichte ist also nicht vergleichbar. Thüringen hat auch bedeutend geringe
    Infektionszahl.
    Herr Ramelow hat auch erklärt,dass er nicht alle Coronabeschränkungen zurücknimmt!
    Er will künftige Maßnahmen den Gegebenheiten speziell in seinem Bundesland anpassen.
    Er nimmt also.nicht alle Beschränkungen von heute auf morgen zurück und stellt auch nicht plötzlich die alte Normalltät wieder her.

  5. 14.


    Danke. Hätte ich nicht besser ausdrücken können.
    Ich weiß auch nicht,wie oft man das noch erklären muss und bin überzeugt davon, dass Viele diese Zusammenhänge nicht verstehen/ akzeptieren wollen.
    Es ist eben einfacher, ganz egoistisch sein Ding zu machen,statt Rücksicht zu nehmen.
    Das war leider auch vor Corona schon so.

  6. 13.

    Thüringen will zum 6 juni alle corona einschränkungen beenden. Kann das wahr sein?

  7. 12.

    "...scheinen es nicht zu vermissen sich frei zu bewegen ohne sich dauernd selbst zu maßregeln aus angst etwas falsch machen..."

    In Ihrem Kommentar verdeutlichen Sie sehr anschaulich ein grosses Dilemma dieser Zeit – es gibt immer mehr Menschen, die in der Annahme leben, dass ihr Grundrecht auf Freiheit bedeute, ohne Gedanken an Konsequenzen oder Folgen für Mitmenschen Alles machen zu dürfen, was so gerade in den Sinn kommt. Soziale Kontrolle wird verteufelt, soziale Eigenkontrolle ist verpönt, weil nicht cool...

    Das Recht auf indivudelle Freiheit beinhaltet immer auch die Pflicht, individuelles Handeln auf die Folgen für Mitmenschen hin zu überprüfen, bevor man handelt! Menschen sind Herden-, Rudel-, Sippentiere - wie auch immer man es nennen will. Individuen sind Teile einer Gemeinschaft – wem diese biologische Tatsache nicht gefällt, muss in eine Einsiedelei ziehen und sich dann auch nicht mehr darüber ärgern, dass irgendwelche blöden Nachbarn Rücksichtnahme erwarten...!

  8. 11.

    Eine dufte Truppe Radsportler aus Potsdam kam vorbei 14 Leute trainieren wieder. Haben uns alle die Hand gegeben im nachhinein habe ich doch ein schlechtes gewissen. War das richtig?:)

  9. 10.

    ich finde ihre einschätzung plausibler als diesen ganzen artikel.
    hätte, würde, könnte, dürfte, sollte, müsste, ... dieser jurnalismus ist wirklich atemberaubend.
    nichtsgenauesweismannicht.
    und die mehrdeutigkeit der überschrift ist vielsagend. die meisten scheinens sich tätsächlich wohler zu fühlen mit diesen eischränkungen. scheinen es nicht zu vermissen sich frei zu bewegen ohne sich dauernd selbst zu maßregeln aus angst etwas falsch machen. wer hätte das gedacht.
    jaja, ich weiss - iss ja alles nur vorübergehend. ich bin gespannt wie lange die leute dieses beschwichtgen selbst noch glauben. Wer die verordnung wirklich zu 100% umsetzt wird schnell merken das sie menschenfeindlich und nicht menschenfreundlich ist. und alle die den ernst der verordnung klein reden sind nicht aufrichtig zu sich selbst. denn das alles umzusetzen was da verlangt wird macht krank. seelisch und psyisch. jeden tag ein bisschen mehr.

  10. 9.

    Ich habe das auch festgestellt. In Bad Saarow. Kaum ein Parkplatz, alle Restaurants besetzt, fast nur B-Nummern. Wir sind dann mit dem Hund an einen kleinen See in Petersdorf gefahren. Da hatten wir unsere Entspannung.

  11. 8.

    Die Aussage der BVG ist alt. Die 95% wurden
    mMn zwei Tage nachdem die Regel in Kraft war ausgesagt.
    Der aktuelle Zustand sieht (gefühlt oder nicht) anders aus.

  12. 7.

    Ich fürchte alles eine Frage der Betrachtungsweise. Weniger Bewegung in Berlin? Klar: weniger Berufs- und Kulturpendler.
    Mehr Bewegung in Brandenburg? Klar: wer nicht nach Berlin zur Arbeit fährt, muss in Brandenburg seine Einkäufe u. ä. erledigen.
    Am Wochenende kommen die Berliner zur Erholung raus nach Brandenburg.
    Ohne wirkliche Bewegungsmuster - die ich auch nicht will(!) - sind diese Daten nicht mehr wertbar.

  13. 6.

    Wenn ich mit den Öffis unterwegs bin, tragen so gut wie alle eine Maske. Auch die seit mehreren Wochen geringen Infektionszahlen zeigen doch, dass die allermeisten Berliner*innen vernünftig sind und die Forderungen nach Parkschließungen und Ausweitung der Befugnisse der Polizei unbegründet waren.

  14. 5.

    Wenn am Wochenende und am gestrigen Feiertag auf Brandenburger Straßen gefühlt eine Million Berliner mit dem Auto, dem Motorrad oder dem Fahrrad unterwegs sind, an Seen verbotener Weise campen, mit Ihren Autos selbst ins Naturschutzgebiet fahren, weil laufen ja nicht geht, und sich verhalten, als wäre nichts passiert, dann sollte der Schreiber des Textes nicht so ohne Weiteres behaupten, die Brandenburger wären mehr in Bewegung als die Berliner. Dem kann dann nicht so sein!

  15. 4.

    Es liegt alles im Bereich von "könnte, muss aber nicht", einzig die fehlerbehaftete Mobilfunk-Erhebung für Brandenburg ist eine Konstante.
    Das Mobilfunkelend kennt jeder, der dort wohnt und weite Wege zur Arbeit oder zum Supermarkt hat. Der Empfang, sofern überhaupt vorhanden, wechselt mit dem Funkmast...

    Eines aber ist klar: alleine auf einer Parkbank war und ist niemand eine Gefahr. Aber alle Italiener, die zusammen in einer Bude hocken mussten, und sich untereinander infizierten, sollten uns eine Warnung sein...

    Am ungefährlichsten ist es, seine Mitlebewesen zu meiden. Wäre super, aber ab dieser Woche ist Home-Office verboten und Schule ist auch wieder... :-(

    Sch... Lockerung.

  16. 3.

    So richtig sieht man nicht mehr durch, sorry gehts mir alleine nur so?

  17. 2.

    Lieber RBB, wären Sie so nett, mir die Quelle für die Entwicklung in den Hotspots zu nennen? Ich suche diese Zahlen (die absoluten) seit Bekanntgabe der Corona -Ampel. Danke

  18. 1.

    Mich würde mal interessieren ob man zumindest für Brandenburg die Mobilfunkbewegung wirklich vergleichen kann. Der Mobilfunkausbau gerade in den ländlichen Gebieten führt doch automatisch zu mehr Funkzellenwechsel. Gerade im letzten Jahr findet man jo doch häufiger LTE im ländlichen Raum. Dann gibt es natürlich noch die lokalen Phänomene im grenznahen Raum. Wenn ich die 200m zu Aldi gehe, kommt es häufiger vor dass ich vom polnischen Mobilfunkbetreiber begrüßt werde. Demzufolge gehe ich davon aus das mein Handy alle Nase lang die Funkzelle wechselt auch ohne viel Bewegung. Ich hab mich auch schon dran gewöhnt dass selbst Google Maps Frankfurt als Slubice anzeigt mir aber Empfehlungen für Frankfurt zeigt.
    Wie sind denn die mobilfunkbasierten Bewegungsdaten vom Januar und Februar im Vergleich zum Vorjahr?

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