#Wiegehtesuns? | Berlinerin in Südfrankreich - "Manche haben mehr Angst vor der Polizei als vor dem Virus"

Sabines* Balkon mit ihrer Katze (Quelle: privat)
Bild: privat

Sabine lebt seit Jahrzehnten in der französischen Bergregion Cevennen und arbeitet dort an zwei Krankenhäusern. Sie kritisiert die strengen Corona-Maßnahmen in Frankreich. Protokoll eines Alltags in der Ausgangssperre.

 

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Sabine (Name von der Redaktion geändert), Apothekerin, kommt aus Berlin und lebt seit 30 Jahren in Südfrankreich. Dort herrschen viel stärkere Beschränkungen als in Deutschland. So geht es Sabine:

Ich lebe in einer südfranzösischen Kleinstadt, die eingebettet ist in eine sehr dünn besiedelte, wunderschöne Natur. Gerade sitze ich mit meiner Katze auf meinem Balkon und trinke ein "Panaché", ein Alsterwasser. Wie alle in Frankreich bin ich durch Corona im "Confinement", der Ausgangssperre: Ich darf also das Haus nur noch verlassen, um mich zum Arbeitsplatz zu bewegen, für Arztbesuche oder um lebensnotwendige Einkäufe zu machen. Die Polizei kann kontrollieren und entscheiden, was lebensnotwendig ist.

Eine Stunde am Tag können wir in einem Umkreis von einem Kilometer um unsere Wohnung spazieren gehen. Sobald wir das Haus verlassen, müssen wir ein selbst ausgefülltes Papier dabeihaben, wo angekreuzt ist, warum man rausgeht und um welche Uhrzeit.

Einmal in der Woche bin ich am Krankenhaus in der Nachbarstadt. Dort haben wir noch keine Fälle von Covid, aber wir haben Covid-Stationen mit Beatmungsgeräten. Teile des Krankenhauses wurden abgesperrt und zu Isolierstationen umgewandelt. Wir sind vorbereitet – aber bei uns ist nicht die gleiche Situation wie im Elsaß oder in Paris.

Im Krankenhaus gebe ich die ärztlichen Verschreibungen frei und mache die Bestellungen, sowie den Auswärtsverkauf von Medikamenten. Es arbeitet nur ein Teil des Personals, weil sehr viel weniger Aktivität stattfindet. Operiert werden nur noch Notfälle, alle geplanten Interventionen sind gestrichen.

Das Krebszentrum macht zurzeit sehr wenig Chemos, da das Risiko, eine schwere Form von Covid zu entwickeln, für die immungeschwächten Krebspatienten groß ist. Eine Patientin ist sehr beunruhigt, weil ihr Krebs mit den Chemos seit fünf Jahren stabilisiert war. Jetzt befürchtet sie zu Recht ein Aufflammen und damit ein Todesurteil durch den Krebs.

Mein Alltag spielt sich ansonsten zuhause ab. Ich gehe einkaufen, zu Fuß, um mich zu bewegen. Ansonsten mache ich mehr als die eine erlaubte Stunde eine Runde ums Haus, darf mich dabei natürlich nicht erwischen lassen.

Ich bin schon viermal kontrolliert worden. Und bei der ersten Kontrolle wurde mir gesagt, dass ich das Datum und die Uhrzeit nicht mit Bleistift eintragen darf. Wenn die Polizei meint, man ist unberechtigterweise unterwegs, ist die erste Strafe 135 Euro, 385 Euro beim zweiten Mal und über 1.000 Euro beim dritten Mal.

Kürzlich bin ich zur Stadt gegangen zur Post – die Post ist offen. Es sind wenig Leute unterwegs, und da fuhr ein Polizeiauto rum mit Lautsprechern: "Gehen Sie zurück nach Hause! Retten Sie Leben! Respektieren Sie die Ausgangssperre!"

Kinder, die überhaupt nicht mehr rausgehen, zur Schule gehen, Freunde sehen dürfen, Familien, die sich nicht mehr sehen - für viele Leute sind die sozialen Kontakte völlig auf null, also wirklich völlig auf null. Da die Polizei sehr präsent ist und Kontrollen macht, haben manche Leute mehr Angst vor der Polizei, als vor dem Virus. Für mich sind die mangelnden sozialen Kontakte, die ich jetzt nur am Telefon habe, besonders schwer. Ich habe mich aufs Malen, auf Farben gestürzt, die mir in schwierigen Situationen immer sehr guttun.

Ich bedauere sehr, dass Frankreich so zentralisiert ist und zentralistisch regiert wird. Ich denke, dass diese Maßnahmen in manchen Regionen Frankreichs eher einen Sinn haben, als hier. Wo ich wohne sind riesige Strecken unberührter Landschaft, und trotzdem darf man noch nicht einmal allein spazieren gehen.

Wenn ich auf Berlin blicke, habe ich den Eindruck, dass die Leute mehr als hier den Sinn der Maßnahmen verstehen und sich weitestgehend daranhalten. Das wird weniger durch Angst, als durch Erklärung hervorgerufen. Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt, und will vermeiden, dass nur eine Person das Sagen hat. Sie erziehen ihre Mitbürger zur Eigenverantwortung.

In Frankreich hält man die Bevölkerung sehr stark durch Angst und Druck im Griff. Schon bei den Kindern in der Schule funktioniert das so. Ich habe erst jetzt richtig verstanden, dass das auch für die Erwachsenen gilt. Ich habe mich erschrocken und mich gefragt, ob ich in einem Polizeistaat lebe.

Ich beobachte sehr viel psychisches Unwohlsein und mehr und mehr wirkliche Unzufriedenheit. Unzufriedenheit dem Staat gegenüber mit dem Umgang mit dieser Krise.

Jetzt soll am 11. Mai die Öffnung anfangen - und da werde ich dem Himmel danken.

Gesprächsprotokoll: C. Winkler

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19 Kommentare

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  1. 19.

    Das Jammern hier in Deutschland.

    Deshalb ist es gut, dass jemand auch mal sowas berichtet.

    Einen solchen Bericht habe ich in Facebook von einem Deutschen gelesen, der in Spanien lebt. Da war es vor der Lockerung genauso.

    Vielleicht sollten diejenigen, die hier in Deutschland leben und jammern mal überlegen.

    Oder wäre es euch lieber gewesen, dass es wie in Italien kommt, wo die Ärzte letztendlich entscheiden mussten, wer weiteleben darf und wernicht?

    Dann lieber mit Einschränkungen leben als so ein Horrorszenario.

  2. 18.

    Die Katze ist hübsch... ;))

  3. 17.

    Bitte lesen Sie den Bericht doch noch einmal. Vielleicht verstehen Sie ihn dann besser. Von einem angeblichen Polizeisstaat kann ich nichts lesen. Die Frage, ob man in einem solchen lebt, ist etwas ganz anderes.

    Ich sehe weder Bashing noch Gejammer, sondern ganz einfach einen Bericht. Es steht Ihnen frei, einen gegenteiligen Bericht, mit ihren persönlichen Eindrücken, zu verfassen. Hören Sie mit dem Quatsch von Frankreich-Bashing auf.

  4. 16.

    Die Frau redet nicht von einem angeblichen Polizeistaat.
    Sie sagt: "Ich habe mich erschrocken und mich gefragt, ob ich in einem Polizeistaat lebe."

    Alles was sie sagt ist ihre persönliche Meinung. Und dies hier ist die Rubrik #Wiegehtes uns. Es ist keine Berichterstattung eines Journalisten oder die Beurteilung eines Sachverhalts durch einen Sachverständigen. Deshalb halte ich dies für völlig richtig plaziert, denn der RBB fragt hier nach persönlichen Berichten und Empfindungen.

    Als unangemessen empfinde ich, dass Sie das, was die Frau geschrieben hat, einfach mal so als "Unsinn" bezeichnen.
    Aber selbstverständlich ist das nur meine persönliche Meinung.

  5. 15.

    Ja natürlich, aber Sie empfinden es als völlig in Ordnung, dass diese Frau in ihrem Bericht von einem angeblichen Polizeistaat reden kann, von Angst und Druck schon in der Schule, so als wäre Frankreich irgendeine Diktatur? Und erhält hier für diesen Unsinn auch noch eine Plattform. Das ist für mich Frankreich-Bashing, ob Sie das angemessen finden oder nicht.

  6. 14.

    Es ist ein persönlicher Erfahrungsbericht einer einzelnen Frau, die geschildert hat, was sie erlebt, wie es ihr geht und was sie empfindet. Dies als Jammern bzw. Bashing zu bezeichnen, finde ich nicht angemessen.
    Und wenn Sie in einem anderen Teil Frankreichs andere Erfahrungen gemacht haben, als diese Dame, heißt das doch nicht automatisch, dass sie übertreibt?

    Ich finde es wichtig und interessant für uns hier in Deutschland, sich auch mal vor Augen zu führen, wie die Dinge woanders gehandhabt werden, und dass es bei uns im Vergleich doch noch sehr gemäßigt abläuft.

  7. 10.

    Ich lebe als Deutscher in einer viel stärker betroffenen Region von Frankreich, in Lorraine, und ich kann dieses Gejammer von der Frau nicht nachvollziehen. Die Maßnahmen sind strikt, aber da gleich von einem Polizeistaat zu sprechen oder Angst und Druck halte ich für totalen Blödsinn. Ich wurde auch schon mehrmals kontrolliert, alles lief freundlich ab und auch meine Bleistifteintragungen von Datum und Uhrzeit wurden nicht bemängelt. Aber Frankreich-Bashing ist ja im Moment ziemlich angesagt.

  8. 9.

    Immer mehr Franzosen sehen das so, da die Polizei z.T. recht übertrieben hat. Manche sind allerdings der Meinung, wenn die Regierung nicht diesen Druck anwendet, würden die Maßnahmen nicht respektiert werden. Allerdings ist die Berichterstattung in Frankreich generell mehr anxiogene als in Deutschland.

  9. 8.

    Und da phantasieren hier manche Kommentatoren bei rbb 24 von Diktatur und Polizeistaat in Dtschl., das ist lächerlich!
    Polizeigewalt sollte es genauso wenig geben wie Gewalt gegen Polizisten oder allen anderen. Leider sind Menschen nicht perfekt und werden es auch niemals sein. Dafür gibt es dann die Justiz, ohne diese hätten wir Anarchie.

  10. 7.

    Dies ist die Sichtweise einer Deutschen die in Frankreich lebt. Sehen das die Franzosen genauso ?

  11. 6.

    Auch hier sollte man in Vorsicht vor der Polizei sein,ein negativbeispiel sind die Philippinen,dort kann es auch so sein daß bei verstoß gegen Coronamaßnahmen auch mal der finale Schuß erfolgt,dagegen ist in Deutschland alles in Ordnung.Mahlzeit.

  12. 5.

    Ich kann dieses "Jammern" verstehen. Meine Kinder leben in Lyon und erleben das auch. Diese Massnahmen sind sehr strickt und nicht mit Deutschland zu vergleichen. Der Kommentator sollte sich erst informieren und dann urteilen. Ein Ehepaar darf z. B. nicht gemeinsam einkaufen.

  13. 4.

    Da haben Sie wohl recht. Glücklicherweise muss man bei rbb24 nicht weit scrollen um sich über deutsche Polizeigewalt(1.Mai)zu informieren.

  14. 3.

    Die Dame sollte nach Paris gehen und sich eine gelbe Weste anziehen.

  15. 2.

    Was für ein dummer und inhaltsleerer Kommentar, G.Nervt. Von solchen Kommentaren bin ich genervt.

    Sabine hat aus ihrem Alltag erzählt. Was daran passt Ihnen nicht? Verglichen mit unseren Regeln darf sie sehr wohl "jammern".

  16. 1.

    Jammern auf sehr hohem Niveau!!

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