Haluka Maier-Borst
Bild: rbb|24/Mitya

Der Absacker - Hauptsache irgendwas tun – ist das der Berliner Weg?

Dass im Zuge der steigenden Neuinfektionen wieder mehr Regeln verschärft werden, macht Sinn. Trotzdem ärgert sich Haluka Maier-Borst darüber, dass einzelne Maßnahmen eher nach meinungsstarkem Aktionismus riechen.

Es gibt Dinge, die sollte man morgens nicht machen, weil sie einen den Rest des Tages unangenehm begleiten. Klar, das Restbier vom gestrigen Abend austrinken. Songs wie "Macarena" oder "Last Christmas" hören. (Sorry für den Ohrwurm, den Sie jetzt haben.) Und genauso dumm war meine Idee, mir heute beim Frühstück die Debatte zwischen Trump und Biden anzuhören. Denn ganz losgelassen hat das Gebrüll mich auch Stunden später nicht.

Zum Glück sind wir in unseren Längengraden weit von einer derart polarisierten Stimmung entfernt. Und dennoch mache ich mir ein wenig Sorgen, dass gerade schlichte Behauptungen auch die Berliner Politik bestimmen.

1. Was vom Tag bleibt

Gestern war der Abend geprägt von den neuen Regeln zum Eindämmen der Corona-Pandemie. Entsprechend gehörte heute der Tag den Reaktionen darauf. Besonders in die Diskussion geriet Berlins eigener Vorstoß, wonach ab Samstag auch in Büroräumen Masken getragen werden sollen.

Die Regel ist wie folgt: Bewegt man sich vom Platz weg und nähert sich potenziell anderen Menschen, etwa auf dem Weg zur Toilette oder zum Ausgang, muss man eine Maske tragen - am Arbeitsplatz hingegen nicht.

Sowohl aus der Opposition als auch von der an der Koalition beteiligten Linken gab es für diese Regel Kritik. Verständlicherweise. Denn bislang deuten die Daten vor allem darauf hin, dass Leute sich im Privaten anstecken. Wozu müssen also an Arbeitsplätzen die Maßnahmen verschärft werden? Man fühlt sich ein wenig an die vergangene Woche erinnert, als es hieß, dass Außenbereiche von Clubs die neuen Infektionsherde seien. Beweise dafür gab es freilich wenige.

Damit wir uns richtig verstehen; dass weniger Leute in geschlossenen Räumen zusammen sein dürfen und Listen zur Kontaktnachverfolgung geführt werden, macht Sinn – so wie die meisten anderen neuen Regeln und insbesondere bei Rekordwerten in Berlin. Und natürlich kann man auch die Maske im Büro als Vorsichtsmaßnahme sehen. Ein paar Minuten auf dem Weg zum Klo mit einem Stück Stoff vor der Nase – was ist schon dabei. Aber wenn man gemeinsam durch die Krise kommen will, wären klare Begründungen für Maßnahmen wichtig. Um eben alle mitzunehmen.

2. Abschalten.

Die Deutsche Einheit, das klingt erstmal nicht nach einem Thema zum Abschalten. Aber man kann tatsächlich das Ganze etwas lockerer angehen. Entweder im Podcast der Kollegen Melanie Manthey und Nico Schmolke [radioeins.de].

Oder bei der schnieken Spielerei der "Berliner Morgenpost", die dazu anregt Deutschland im hier und jetzt zu teilen [morgenpost.de] – wenn auch nicht unbedingt entlang der früheren Grenze. Zum Beispiel in ein Deutschland der Malocher mit hohem Arbeitspensum und einer Republik der Faulenzer mit wenig Arbeitszeit. Oder in zwei Teilrepubliken mit mehr oder weniger Mitbürgerinnen mit Nachnamen "Merkel".

3. Und, wie geht's?

Aufgeregt hat so einige die Ankündigung des VBB die Preise für gewisse Tickets anzuheben. Neben aller Polemik in den Kommentaren, die ich hier lieber nicht wiedergebe, hat der User "Seb" eine berechtigte Frage gestellt und will sogar Tickets für umme:

Ist das nicht die völlig falsche Richtung? Der ÖPNV muss viel attraktiver werden. Ja sogar kostenlos. Sicher. Komfortabel. Zuverlässig. Finanzieren kann man das wunderbar aus den Einnahmen eines vernünftigen CO2 Preises. Eine Preiserhöhung, egal in welcher Höhe, gibt da das völlig falsche Signal.

Was denken Sie? Macht es Sinn den ÖPNV kostenlos zu machen, um dem Klima zu helfen und weniger lärmendem Verkehr auf den Straßen zu haben? Oder ist das ein absurdes Luftschloss, von dem nur Ahnungslose träumen? Schreiben Sie uns an: absacker@rbb-online.de

4. Ein weites Feld...

Vielleicht etwas zum Nachdenken zum Schluss. Heute hatte ich in der Mittagspause ein digitales Diskussionpanel gemeinsam mit Journalistinnen, die in Mexiko über die Pandemie berichten. Es ging um mangelnde Schutzmaßnahmen. Es ging um überforderte Mediziner. Und es ging um Journalisten, die versuchen die Situation zu dokumentieren und dabei viel riskieren. Weil manche von ihnen sich anstecken. Weil Politiker sie offen anfeinden. Oder weil auch in diesen Zeiten der Drogenkrieg tobt und Journalistenleben ausgelöscht werden.

Ganz ehrlich, ich fand mich recht fehl am Platz, als ich neben solchen Kolleginnen über meine recht sichere Arbeit geredet habe. Entsprechend hoffe ich, dass wir bei aller Diskussion darüber wie wir durch die Pandemie kommen, nicht vergessen, wie es woanders auf der Welt zugeht.

Verzeihen Sie bitte das Stimmungstief am Ende

Haluka Maier-Borst

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16 Kommentare

  1. 16.

    Weiterhin bei mir am PC verweilen darf er schon, aber NUR MIT MASKE! Wenn der Mindestabstand von 1,5m nicht eingehalten werden kann, müssen wir auch IM Büro Maske tragen. Wenn wir uns als kurz auf dem Gang unterhalten, oder eben auch am Arbeitsplatz, müssen wir Maske tragen. Denn unsere Arbeitsplätze im Großraumbüro wurden so weit entzerrt, dass ca. 2m zwischen jedem Arbeitsplatz gewährleistet ist.

  2. 15.

    Gut erkannt Adrian, an der Positivquote der Tests kann man ablesen, ob die Zahl der tatsächlich Infizierten zugenommen hat oder ob es sich im Wesentlichen um falsch positive Tests handelt. Jedoch zeigt nicht eine konstante, sondern eine zunehmende Positivquote der Tests einen Anstieg der tatsächlich Infizierten an, wie man bspw. im März und April dieses Jahres sehen konnte.

  3. 14.

    Hä? Ja, aber diese Art von Maskenpflicht gibt es doch gar nicht! Ihr Kollege darf weiterhin bei Ihnen am PC verweilen. Erst auf dem Weg zum Klo muss er sie aufsetzen. Ob DAS was bringt?
    Das Vorhaben gehört deshalb wohl zur Kategorie Aktionismus... Ja, derlei steigert eben nicht die Akzeptanz für die Maßnahmen.

  4. 13.

    Genauso wie Sie es beschreiben, meine ich es mit den preiswerten Tickets im ÖPNV. Völlig kostenlos bedeutet für manche, dass es keinen Wert mehr darstellt.

  5. 12.

    Ob die vielen Fällen von vielen Tests kommen lässt sich doch sehr einfach an Hand der Positivquote der Tests sehen. Die hat sich seit Monaten kaum geändert, ist höchstens leicht angestiegen. Man muss also davon ausgehen, dass tätsächlich mehr Infektionen vorliegen als im Sommer. Mittlerweile zieht ja sogar die Krankenhausbelegung langsam wieder an; die hat ja immer ein paar Wochen Verzug zu den Neuinfektionen.

  6. 11.

    Kostenlose Öffis - ja, Luftschloss könnte man sagen.

    Nein, er sollte nicht kostenlos sein. Wenn ich eine Leistung erhalten möchte, muss ich dafür bezahlen - ganz einfach. Ist in allen anderen Bereichen auch so. Außerdem ist nichts kostenlos. Irgend jemand muss ja für alles rund um die Öffis bezahlen - Bahnen, Reparaturen, Gehälter uvm. Das würde dann aus Steuergeldern finanziert werden müssen. Somit müssten sich auch alle, die die Öffis nicht nutzen, beteiligen. Finde ich nicht gerecht.

    Und auch kostenlose Öffis würde die wenigsten Autofahrer vom Autofahren abhalten.

  7. 10.

    Endlich eine Aussage, mit der ich etwas anfangen kann.

    Eben! Die Menschen, die privat feiern, sei es Oma's Geburtstag, Hochzeitstag oder Party mit Freunden, gehen am nächsten Morgen zur Arbeit. Dort werden dann Kollegen/innen angesteckt - besonders wenn der infizierte Kollege 30 cm hinter mir steht, um mir etwas auf dem PC zu zeigen. Deshalb finde ich die Maskenpflicht im Betrieb gut.

    Diese gilt in meiner Firma ab jetzt auch und keiner beschwert sich. Es geht darum, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Wenn wir einen Coronoinfizierten hätten, können wir die Bude dicht machen - keine gute Idee. Bisher sind wir dank vieler Hygienemaßnahmen, die bei uns umgesetzt und strengstens überwacht werden, verschont geblieben.

  8. 8.

    Ein sehr schöner Absacker, gerade der persönliche Bezug im letzten nachdenklichen Abschnitt hat mir gefallen. Nur wenn wir immer wieder vergleichen wie Dinge woanders laufen, besser oder schlechter, können wir uns bewusst machen, wie gut wir es haben. Die Gesamtlage zählt, nicht die mehr oder weniger dramatischen Einzelaspekte (die ja jeder von uns kennt und hat). Ich pflichte "Schön in Berlin" bei, die Fahrkarten sollten günstiger sein, komplett kostenfrei jedoch nicht. Die Verkehrsunternehmen dienen der Allgemeinheit, sind aber nicht deren Eigentum und werden ohnehin oft genug schon "schlecht behandelt". Die Fahrt kostenlos zu machen, setzt ggf. das Signal, dass das alles so selbstverständlich ist.

  9. 7.

    wieder mal ein schöner Absacker......aber die Kritik ständig an der neuen Maskenpflicht in Büros finde ich ein bisschen seltsam.....ja, in privaten Räumen oder auf privaten Partys wird sich hauptsächlich angesteckt.....aber die Leute gehen danach ins Büro und dann....? es gibt keinen Unterschied zwischen privat und Büro.....keine Mauer die das Virus dort aufhält....wenn eine Person sich im privaten Umfeld das Virus holt, hat die Person das auch noch im Büro....oder gehen Menschen die ins Büro gehen nicht auf Partys oder auf private Feiern.....?

  10. 6.

    Wieder gut gelungen!
    Doch- man darf last christmas hören- einmal am 25.12. das reicht dann. Der Auftritt der amerik. Kandidaten kann nicht als Debatte bezeichnet werden; das war unter dem Niveau von Gerichtsshows. Nur dass es nicht um trash-Unterhaltung geht. Es ist beängstigend. Der ÖPNV muss nicht kostenfrei sein. Für eine Leistung kann ich zahlen...allerdings muss es preiswerter sein und natürlich zuverlässig. Wenn eine Rentnerin mit Minirente ihren Mann mit Minirente zum Facharzt begleitet, dann kommen sie demnächst auf 12 € hin und retour. Das ist unsozial. Das muss billiger sein - vielleicht 1€ je Strecke. In einer Krisenlage soviele wie möglich einsichtig und trotzdem optimistisch mitzunehmen, ist eine Herausforderung an alle. Das hofft jede/r Lehrer/in in jeder U- Stunde. Und was ist? Die Hälfte macht was sie will. Mal ist Anpassung nötig und mal Unangepasstheit wichtig. So muss sich immer neu geteilt werden. Und @2: So sehe ich es auch.

  11. 4.

    Ist wie beim Fußball, umso mehr Chancen man sich erarbeitet, umso höher ist die Chance ein Tor zu erzielen, sprich umso mehr man testet umso mehr findet man auch, das kann man eben nicht umrechnen bzw. erfolgt der exponentielle Anstieg anhand der mehr Tests.
    Anstatt man einfach entsprechende lüftungsanlagen in den Gebäuden installiert, damit könnte man sich den ganzen Masken Kram ersparen.
    Solche sinnfreien Maßnahmen wie Maske am Strand siehe Spanien bringen dort auch eher das Gegenteil, selbst im hochgelobten Italien sehen die Zahlen nicht besser aus.
    Am Ende sollte man sich einfach auf die Haupt ansteckungs Quelle konzentrieren und das sind nun mal schlecht belüftete Innenräume, damit könnte man wahrscheinlich 90% aller ansteckungen verhindern.

  12. 3.

    Tja die Bevölkerung mitnehmen ..... der Zug dürfte abgefahren sein. Dafür wurde von zuvielen zu viel spekuliert ....und das meistens nur mit immer neuen horrorgeschichten.
    Wenn man dann nach ein, zwei, drei Prognosen die nicht eingetreten sind sich mal zurückhalten würde aber nein man setzt immer noch einen drauf.

    Ja klar geht es vielen Ländern bzw. den Menschen darin viel schlechter als uns aber das ist nicht erst seit Corona so und ich finde Corona ist nicht der Maßstab nachdem nun alles möglich beurteilt werden sollte.

  13. 2.

    „ Aber wenn man gemeinsam durch die Krise kommen will, wären klare Begründungen für Maßnahmen wichtig. Um eben alle mitzunehmen.“ Sehr nett beschrieben/umschrieben ;-)

    „ Entsprechend hoffe ich, dass wir bei aller Diskussion darüber wie wir durch die Pandemie kommen, nicht vergessen, wie es woanders auf der Welt zugeht.“
    Ein guter Schlußsatz, darüber sollten wir alle nachdenken und werden feststellen, wie gut es uns in Deutschland geht.

  14. 1.

    Danke für den Mottenpostlink :-) ich verschiebe gerade Bilder und freue mich über dieses Absacken im Absacker!

    Ja, wir jammern hier auf recht hohem Niveau. Tragen Masken auf dem Weg zum Kopierer (7 Schritte Flur) oder Klo (23), wo einem NIEMAND begegnet. Die Sorgen hätte man in Mexiko oder Brasilien sicher gerne... oder Moria oder so. Beirut. Überall. Echt.

    Und den verantwortungslosen Feierheinis hätte man anderswo auch schon ganz anders ein paar ganz andere Worte gesagt, nötigenfalls haptisch. Die könnten ja mal in Brasilien Reihengräber ausheben helfen...

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