Tagebuch (10): Ukraine im Krieg - "Den Mädchen wurden die Zähne ausgeschlagen, die Vorderzähne"

Fr 03.06.22 | 11:08 Uhr | Von Natalija Yefimkina
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Ukraine-Tagebuch. (Quelle: privat)
Quelle: privat
Audio: rbb24 Inforadio | 04.06.2022 | Natalija Yefimkina | Bild: Quelle: privat Download (mp3, 3 MB)

Wer zu Tatiana kommt, ist am Ende. Die Psychologin arbeitet in Kiew mit den schwer misshandelten Opfern des Krieges. Natalija Yefimkina in ihrem Kriegstagebuch über den Versuch, sich aus dem Grauen wieder herauszukämpfen.

TRIGGERWARNUNG: Dieser Text enthält Beschreibungen von schweren Gewalttaten, was verstörend, belastend oder sogar retraumatisierend wirken kann.


Neulich war ich auf einen Geburtstag bei sehr wohlhabenden Leuten eingeladen. Einer zeigte Fotos seines Hauses herum, ein Seegrundstück, das angeblich drei Millionen Euro gekostet hat. Offenbar hatte das gesamte Haus vor dem Kauf ein komplettes Inventar aus den 60er Jahren, von den Lampen über den Marmorboden bis zum Parket. Weil seine Frau es aber gerne asiatisch schlicht mag, wurde das alles rausgerissen.

Später erzählt mir eine deutsche Bekannte auf der Party, dass genau dieser Typ, dem auch ein paar Mietshäuser gehören, dort die Mieten erhöht hat, obwohl er weiß, dass dort gerade auch Ukrainer wohnen. Dann sagte sie, sie finde es schon unglaublich, wie der Krieg politisch ausgenutzt wird.

Vom wem, frage ich sie. Na, von den Deutschen, sagt sie. Es gäbe halt Premium-Flüchtlinge wie die Ukrainer und Flüchtlinge zweiter Klasse. Viele Freunde von ihr, Deutsche, würden in Berlin eine Wohnung suchen und keine finden. Warum gehen die Ukrainer nicht woandershin, warum so viele nach Berlin, es gibt doch überall schöne kleine Städte in Deutschland.

Zur Person

Die Regisseurin Natalija Yefimkina (Quelle: Lucia Gerhardt)
Lucia Gerhardt

Natalija Yefimkina lebt in Berlin. Sie ist in Kiew aufgewachsen. Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zog die Familie zunächst nach Sibirien. In den 1990er Jahren emigrierte die Familie dann nach Deutschland.

Die Telefongespräche wurden abgefangen

Ich starte den Versuch ihr zu erklären, was es bedeutet zu fliehen, entwurzelt zu werden, sich irgendwo niederzulassen und dann wieder weiterziehen zu müssen. Aber es gibt doch überall Übersetzer und Freiwillige, sagt meine Bekannte. Ich antworte ihr, dass die Freiwilligen doch auch am Ende ihrer Kräfte sind. Und nach drei Monaten müsste man vielleicht auch mal anfangen, sie zu bezahlen. Darauf sagt die Bekannte, der Staat habe auch seine Grenzen, sie frage sich wirklich, was ihre Kinder dann alles in Zukunft abbezahlen müssen. Zuvor hatte sie mir gesagt, dass sie erst letzte Woche ein Haus mit Grundstück in Bayern gekauft hat.

Parallelwelten - ich fühle mich ohnmächtig nach dem Gespräch. Erst kürzlich habe ich einen Text übersetzt, der eines von tausenden Gesprächen russischer Soldaten wiedergibt. Die Telefongespräche wurden abgefangen, da die russischen Soldaten das ukrainische Mobilfunknetz benutzen. In diesen Unterhaltungen mit Müttern und Ehefrauen kommen auch Sachen vor, die russische Soldaten vor Ort machen. Manche erzählen offen von Vergewaltigungen und Folter, von Folterkammern des russischen Geheimdienstes FSB und ihren Methoden. Eine Ehefrau etwa sagt zu ihrem Mann, er solle verhüten, aber so viele Frauen wie möglich fertig machen. Und als einer sagt, ich drehe durch hier, wir töten Menschen, antwortet seine Mutter, nein tust du nicht, das sind doch keine Menschen.

Es gibt von diesen Gesprächen genaue Angaben über den Ort, die Brigade, das Facebook-Profil dieser Soldaten, ihre Telefonnummer, alles. Ich will mehr über die Gewalt und das Vorgehen der Russen erfahren und rufe deshalb Tatiana an. Tatiana ist Psychologin in Kiew und arbeitet mit Gewaltopfern.

Es ist einfach unmöglich zu verstehen

Tatiana Irusalimskaja

"Manchmal denke ich, es ist einfach nur ein surrealer Traum"

Ich heiße Tatiana Irusalimskaja und bin 49 Jahre alt. Ich bin Psychologin, Reha-Spezialistin, Osteopathin und die Direktorin des Instituts für Höhere Psychologie und Körpertherapie.

Am 24. Februar wachte ich morgens um vier auf, weil Kiew erstmals bombardiert wurde. Ich bin trotzdem hiergeblieben, die ganze Zeit, obwohl es auch heute wieder zwei Mal Bombenalarm gab.

Tatjana, wie haben Sie sich zu Kriegsbeginn gefühlt und wie ist es jetzt für Sie?

Wissen Sie, Ihre Frage löst gerade in mir ein körperliches Gefühl aus, das ich seit Kriegsausbruch nicht gefühlt habe. Einfach die Frage, wie ich das alles empfinde… da ist alles dabei bis hin zu Tränen.

Es gab viele verschiedene Gefühlsstufen. Sehr viele meiner Bekannten sind umgekommen, vor allem in Butscha, Vorzel, Borodjanovka, aber auch in Kiew selbst. Da, wo ich wohne, sind mehrere Bomben runtergekommen und meine Fenster haben gewackelt. Es fühlte sich an, als würde mein Haus getroffen. Das ist furchtbar und sehr beängstigend, ich verstehe es bis heute nicht. Manchmal denke ich, es ist einfach nur ein surrealer Traum, dass Russland meine Städte bombardiert und sie von der Erdoberfläche tilgt. Ich dachte, wir seien Brüder.

Ukraine-Tagebuch. (Quelle: privat)
Tatiana | Bild: privatBild: Quelle: privat

Recht auf Existenz

Ich bin mehrfach nach Butscha gefahren, um mit den Menschen dort zu arbeiten, das ist ja nur 20 km von Kiew weg. So war ich auch dabei, als die Gräber mit Mädchen gefunden wurden - der Expertise nach waren sie vergewaltigt worden. Nachdem sie getötet wurden, übergoss man sie mit Benzin und versuchte, sie zu verbrennen.

Viele Vergewaltigungen … und sie haben nicht nur Mädchen ab 12, sondern auch Kinder vergewaltigt. Ich verstehe nicht, wie es möglich ist, dass sie einen 9-jährigen Jungen vergewaltigt haben oder eine 90-jährige Oma. Das sind doch keine Menschen… als Butscha befreit wurde, gab es Mädchen, die bereits schwanger waren.

Wir reden gar nicht von Frauen ab 18, die werden irgendwie überleben. Aber diese Mädchen von 12 bis 15 Jahren, die noch nie Beziehungen hatten, die nicht mal wissen, was Sex ist, wurden vergewaltigt überall, wo es nur ging, entschuldigen Sie, ich werde nicht sagen wie und wo, aber von drei Menschen gleichzeitig. Ihnen wurden die Zähne ausgeschlagen, die Vorderzähne.

Sie waren furchtbarer Gewalt ausgesetzt und man sagte zu ihnen, du wirst nie Kinder gebären, du wirst dir diesen Tag für immer merken, damit du nie wieder möchtest, dass ein Mann dich anfasst, weil die Ukrainer [sie benutzt ein Schimpfwort für Ukrainer] kein Recht auf Existenz haben. Mit solchen drei Mädchen arbeite ich…

Ukraine-Tagebuch. (Quelle: privat)
Bild: privat

Heute ist Butscha schon Vergangenheit. Dann hat man mich gefragt, ob ich nach Izjum fahren kann, um dort mit Gewaltopfern zu arbeiten, aber das ist zu weit weg. Ich bin hier in Kiew völlig ausgelastet mit Arbeit, aber dort passiert das Gleiche - in Mariupol, in Cherson und auch in Izjum.

Ein kleines Mädchen, ein halbes Jahr alt, haben sie … vor der Mutter so vergewaltigt, dass das Kind innere Blutungen hatte. Ich arbeite jetzt mit der Mutter, das Mädchen ist gestorben, sie war ein halbes Jahr alt! Die älteren Menschen, die um die 90 sind, sagen, dass selbst die Faschisten nicht so waren, wie jetzt die russische Armee Menschen quält.

Es ist sehr beängstigend, wenn Menschen in Europa auch nur ein Stück weit dem Glauben schenken, was die russischen Medien sagen. Wir werden umgebracht, vergewaltigt und gefoltert, Zivilisten werden die Arme verbunden, auf die Knie gezwungen und umgebracht. Später findet man ihre Leichen zu dritt, zu fünft in Gruben, Kellern und der Kanalisation.

"Die Tiere helfen mir sehr"

Tatjana, was ist mit ihrer eigenen Familie? Sind sie geflohen?

Mein Mann ist Osteopath, genau wie ich. Jetzt verteidigt er uns, fast vom ersten Tag an. Meine Kinder sind nicht mehr klein und konnten selbst entscheiden. Sie wollten nicht weg.

Es ist sehr schwer für uns, wir leben doch in Europa, im 21. Jahrhundert! Und wir haben einfach nur gelebt. Ich zum Beispiel hatte mein Institut, die Arbeit, Enkel, Patienten, ich hatte alles. Bis irgendwelche Tiere in mein Leben eindrangen, einfach so, und mir alles genommen haben. Aber ich arbeite weiter, in der Anfangszeit habe ich Freiwilligenarbeit gemacht, jetzt versuche ich eine NGO zu gründen.

Wie kommen Sie mit all dem zurecht?

Sofort wenn ich mich ausgebrannt fühle, mache ich eine Supervision bei einem älteren Kollegen, der mich wieder in Ordnung bringt. Ich empfange dann keine Patienten. Ich habe meine Methoden. Jetzt ist es warm, da kann ich im Park spazieren gehen. Ich habe zwei Hunde, einen Labrador und einen Border Collie, und eine Katze, die ich von der Straße gerettet habe. Die Tiere helfen mir sehr. Dank der Hunde, ob ich will oder nicht, gehe ich zwei Mal am Tag nicht weniger als eine Stunde spazieren.

Sie arbeiten ja auch mit minderjährigen Kindern, die Gewalt ausgesetzt waren.

Ja, ich behandele zwei Mädchen mit der Erlaubnis ihrer Eltern. Erstmal muss man diese Kinder auffangen, sprechen kann man mit ihnen nur schwer. Als Osteopathin kann ich aber körperlich mit ihnen arbeiten. Aber wie soll ich das sagen, es ist sehr schwierig. Es sind junge Menschen, die vieles noch nicht verstehen. Sie haben niemandem etwas Schlechtes angetan. Sie sind 13 und 15 Jahre alt aus Vorzel und Butscha.

Alle Tagebuch-Einträge von Natalija Yefimkina

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    Tagebuch (15): Ukraine im Krieg 

    "Alle Tiere, die wir hatten, sind weg"

    Gemüse anbauen, Tiere füttern, fischen gehen - das war bisher das Leben des ukrainischen Rentners Mykola Ivanovich Smoljarenko. Dann kam der Krieg bis in seinen Garten. Natalija Yefimkina hat in ihrem Ukraine-Tagebuch Mykolas Geschichte aufgeschrieben.

  • Archivbild: Feuerwehrleute in Kiew arbeiten nach dem Beschuss von Gebäuden durch eine Drohne. (Quelle: dpa/E. Lukatsky)
    dpa/E. Lukatsky

    Tagebuch (14): Ukraine im Krieg 

    "Wir lesen jeden Tag dieses Grauen"

    Die Russen nutzen vermehrt Drohnen, um die Ukraine anzugreifen, erzählt der Vater von Natalija Yefimkina. Jeden Tag sei Bombenalarm und alle stünden ständig unter Stress. In ihrem Kriegstagebuch hat sie das Gespräch aufgezeichnet.

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    Tagebuch (13): Ukraine im Krieg 

    "Es war verrückt, dass das Tattoo eine solche Macht hatte"

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  • Tagebuch Ukraine (Quelle: privat)
    privat

    Tagebuch (12): Ukraine im Krieg 

    "Sie fahren besoffen mit ihren Militärfahrzeugen in den Gegenverkehr"

    Anja hat wochenlang im besetzten Cherson ausgeharrt – bis ihr die Flucht glückte. Natalija Yefimkina in ihrem Kriegstagebuch über Anjas Alltag unter russischer Okkupation, den Fluch der Propaganda und Müllhalden mit Leichenteilen.

  • Bohdan. (Quelle: privat)
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    Tagebuch (11): Ukraine im Krieg 

    "Sucht nicht den Krieg, er wird euch von selbst finden"

    Das Azot-Werk ist ein gewaltiger Industriekomplex in Sjewjerodonezk. Seit Wochen kämpft hier Bohdan gegen die Russen. Natalija Yefimkina in ihrem Kriegstagebuch über einen Freiwilligen, der den Krieg da erlebt, wo er am schlimmsten tobt.

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    Tagebuch (9): Ukraine im Krieg 

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  • Tatjanas Familie. (Quelle: privat)
    privat

    Tagebuch (8): Ukraine im Krieg 

    "Es war sehr gefährlich, Wanja herauszubringen"

    Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine. Für diesen Tagebucheintrag hat sie mit Tatjana gesprochen. Die hat ihren Sohn Wanja aus Donezk herausgebracht, damit er nicht gegen die Ukraine kämpfen muss.

  • Tagebuch: Ukraine im Krieg. Journalistin Tatjana (Quelle: privat)
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    Tagebuch (7): Ukraine im Krieg 

    "Man konnte zur Kochstelle laufen, umrühren und sich wieder verstecken"

    Tanja ist eine erfahrene Kriegskorrespondentin. Über Wochen ist sie im belagerten Mariupol eingeschlossen. Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

  • Zettel in den ukrainischen Nationalfarben (blau und gelb) hängen an einer Brüstung des Ufers der Moskwa, im Hintergrund sind Gebäude des Hochhausviertels Moskwa City zu sehen. (Quelle: dpa/Ulf Mauder)
    dpa/Ulf Mauder

    Tagebuch (6): Ukraine im Krieg 

    "Du wirst es doch nicht so publizieren, dass man weiß, wer ich bin?"

    Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine. Für diesen Tagebucheintrag hat sie allerdings Kontakt mit Freunden und Bekannten in Russland aufgenommen - es sind für sie keine einfachen Gespräche.

  • Andrei und seine Frau Elena vor ihrem Hotel Stockholmstudios in Irpin (Quelle: privat)
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    Tagebuch (5): Ukraine im Krieg 

    "Sie schossen durch die Küchentür, mit einem Abstand von vier Metern"

    Andreis kleines Hotel in der Nähe von Kiew wird beschossen. Kurz darauf dringen russische Soldaten ein: Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

  • Alexander Sasnovski vor dem Krieg zu Hause in Mariupol. (Quelle: privat)

    Tagebuch (4): Ukraine im Krieg 

    "Ich wache morgens auf und denke, ich bin zu Hause, aber ich habe kein Zuhause mehr"

    Alexander und seine Frau wollten Mariupol nicht verlassen. Doch Putins Krieg zwang sie zur Flucht: Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

  • Viktor mit seinem Sohn Zenja in Deutschland (Quelle: privat)
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    Tagebuch (3): Ukraine im Krieg 

    "Er hat immer davon geträumt, ein Offizier zu werden. Gestorben ist er am 27. Februar"

    Ein Vater spricht über seinen im Krieg gefallenen Sohn, die fliehende Familie erreicht endlich Berlin: Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

  • Oleg sitzt als Beifahrer in dem Transporter. (Quelle: privat)
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    Tagebuch (2): Ukraine im Krieg 

    "Bitte komm, Oma, es ist Krieg!"

    Die Regisseurin Natalija Yefimkina hat ukrainische Wurzeln. Seit Tagen hält sie Kontakt mit den Menschen vor Ort. In diesem Tagebuch berichtet sie darüber, wie es den Menschen in der Ukraine geht, aber auch was die Situation mit ihr macht.

  • Die Ukrainerin Julia T. hat sich entschieden, mit ihren beiden Kindern aus der Ukraine zu fliehen. Die beiden Kinder im Zug. (Quelle: privat)
    privat

    Tagebuch (1): Ukraine im Krieg 

    "Julia, entscheide dich!"

    Die Regisseurin Natalija Yefimkina hat ukrainische Wurzeln. Seit Tagen hält sie Kontakt mit den Menschen vor Ort. In diesem Tagebuch berichtet sie darüber, wie es den Menschen in der Ukraine geht, aber auch was die Situation mit ihr macht.

  • Der zentrale Platz der Stadt Charkiw liegt nach dem Beschuss des Rathauses in Trümmern.
    picture alliance / AP

    Berichte aus der Ukraine 

    "Ich will nicht für die Ukraine sterben, ich will für sie leben!"

    Plötzlich leben die Menschen in der Ukraine im Krieg. Eine Lehrerin harrt voller Angst auf dem Land aus. Ein Fabrikarbeiter baut Molotow-Cocktails. Ein Chirurg arbeitet seit sechs Tagen ohne Pause. Sieben Protokolle aus der Ukraine.

"Sonst werde ich emotional und das möchte ich nicht"

Die Mamas und Papas haben eine Psychologin ausgesucht, die es geheim halten kann, weil sie wollen, dass die Kinder später ein normales Leben führen. Was passiert ist, kann man nicht mehr rückgängig machen. Ich habe die Mädchen gefragt: Wovor sie am meisten Angst haben, ist, dass man das über sie erfährt und es irgendwie rauskommt.

Unsere Psychologen sind gerade alle mit solchen Erfahrungen konfrontiert, die es wahrscheinlich in der heutigen Welt so bisher nicht gab. Auch die Israelis sind geschockt, sie dachten, sie leben so lange im Krieg und können uns was beibringen, aber sie können uns nichts beibringen. Wir machen eine völlig neue Erfahrung, die ich gerne nicht machen würde, aber muss.

Schreckliche Erfahrung.

Ja, aber fragen sie mich weiter, sonst werde ich emotional und das möchte ich nicht.

Ich frage Tatiana nach der Systematik der Gewalt.

Sobald eine Stadt eingenommen wird, werden als erstens ein Raum für Verhöre und ein Folterraum eingerichtet. In dem Folterraum wird vergewaltigt, nicht nur Frauen, sondern auch Kinder und Jungs. Es sind Vergewaltigungen von Kindern ab dem zweiten Monat dokumentiert worden.

Zu vielen dieser Opfer habe ich Kontakt, von denen weiß ich das auch. Verhört werden durchweg alle Menschen. Mit grenzenloser Gewalt. Wir finden Menschen mit Verletzungen, bei denen etwas weggeschnitten wurde. Sie werden schrecklich gefoltert. Es gibt Verhörräume, in denen danach alle Männer umgebracht wurden, weil sie denken, dass alle Feinde sind.

"Bis du niemals wieder einen Mann an dich ran lässt"

Frauen, nicht nur Mädchen, die darum flehen, sie nicht zu vergewaltigen, sagen sie, wir werden dich so lange vergewaltigen, bis du niemals wieder einen Mann an dich ran lässt.

In Irpen, in Vorzel, nicht zu sprechen von Mariupol, gab es Räume für Folter und Räume für Vergewaltigungen. Ein Mädchen (ich arbeite nicht mit ihr, weil ich nicht zu viele Patienten aufnehmen kann, sonst brenne ich aus) ist 16 Jahre alt und war 5-6 Tage in einem solchen Raum. Sie hat nicht mehr gewusst, wann Nacht und wann Tag ist. Sie sind gekommen und haben sie vergewaltigt. Dieses Kind war dem sechs Tage lang ausgesetzt.

Auch eines meiner Mädchen haben sie mit dem Messer gestochen, es sind nicht sehr tiefe Wunden, an den Händen, an den Füßen, als ob man sie erniedrigen wollte. Sie hatte Schmerzen, sie blutete, man hat ihr die Zähne ausgeschlagen, ja..

(atmet tief aus)

Ich habe mit ihr gesprochen, sie versteht selbst nicht, warum. Ich habe den Eindruck, als würden sie uns besonders hassen. Keine Ahnung, was sie für Informationen bekommen.

"Es ist einfach unmöglich zu verstehen."

Haben sie jemanden, der die Folterkammer überlebt hat?

Ich behandele einen Mann, ja. Er ist ziemlich stark, 20 Tage war er eingeschlossen. Er hatte einen Hof mit Tieren, einen Hund, Kinder und eine Frau, ein älterer Mann. Man hat ihn gequält, man hat ihm die Zähne ausgeschlagen, die Finger gebrochen und sie wollten von ihm Geständnisse, die mit ihm nichts zu tun haben. Sie genießen das, was sie machen.

Sie sehen doch, ich rede mein ganzes Leben schon Russisch. Menschen, die Russisch reden, wurden hier nie diskriminiert. Wir haben einen demokratischen Staat. Wir haben Meinungsfreiheit, wenn irgendwas bei uns nicht in Ordnung ist, kümmern wir uns selbst darum. Wir haben mit Russland nichts zu tun. Und sie töten uns, foltern und quälen uns. Sie versuchen systematisch unser ganzes Volk auszurotten. Es ist einfach unmöglich zu verstehen.

Beitrag von Natalija Yefimkina

6 Kommentare

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  1. 6.

    Politik ? was denn ? Das enzige was helfen würde wäre der Widerstand der die russische Bevölkerung. Unser Kanzler sagt es ist "nur" ein Krieg Putin's. Das ist falsch. Es ist ein Krieg aller Russen die das zulassen oder zumindest billigend in Kauf nehmen. Putin kann 10000 einsperren, aber nicht 100000. Es wäre die einzige Option, sie tun es aber nicht ...

  2. 5.

    Uns fehlen die Worte denn dafür gibt es keine Große Trauer ,Herzreissen
    Massenvergehen an Kindern und kleinen Babys
    uns bricht das Herz
    Ja die Berichterstattungen sind zu un direkt
    Das muss auf hören die Morderei und das missbrauchen
    Mein Gott Politik tut doch was

  3. 4.

    Unbedingt diesen Artikel stehen lassen. Der sollte an alle Sender.
    Radio und Fernsehen und Zeitungen.

  4. 3.

    Ich habe diesen Bericht gelesen und es verstörend, dass man unbeteiligten, unschuldigen Menschen so etwas antun kann. Ich sitze im Garten und neben an wird eine Party gefeiert! Nicht das ich ihnen einen Vorwurf mache, aber es ist surreal und mein Hals schwillt an, diese Generation würde im Kriegsfall nur jammern.

    Ich bete dafür, dass Sie weiterhin die Kraft haben ihrem Volk zu helfen. Ebenso hoffe ich auf die unverzügliche Hilfe des Westens.

  5. 2.

    Nachdem lesen von diesem Artikel bin ich mit einer großen Trauer erfüllt und ich bin gleichzeitig böse über das zauderhafte Verhalten unserer Regierung.
    Das was in diesem Artikel geschildert wird ist nur ein Bruchteil dessen was in der Ukraine täglich passiert und was hier in Deutschland an weichgespülten Nachrichten berichtet wird.

  6. 1.

    Diesen Artikel sollten sich alle Putinfans und Pazifisten einmal durchlesen. Es ist harter Tobak, aber die Psychologin dürfte hier nur die Oberfläche geschildert haben. Die Frauen die sie behandelt wurden von den Tätern nicht nur körperlich sondern auch seelisch in extremster Art und Weise brutal verletzt.
    Meine Bitte an die RBB24-Redaktion bitte lassen Sie diesen Artikel länger online stehen, am besten während des ganzen Krieges und danach, damit die Menschen begreifen welche bestialischen "Waffen" die russische Armee in diesem Krieg einsetzt. Im Bosnienkrieg gab es auch Vergewaltigungen auf Grund ethnischer Zugehörigkeit und zielte auf die psychische Zerstörung und Stigmatisierung der Opfer hin.

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