Tagebuch (3): Ukraine im Krieg - "Er hat immer davon geträumt, ein Offizier zu werden. Gestorben ist er am 27. Februar"

Di 31.05.22 | 13:31 Uhr | Von Natalija Yefimkina
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Viktor mit seinem Sohn Zenja in Deutschland (Quelle: privat)
Bild: privat

Ein Vater spricht über seinen im Krieg gefallenen Sohn, die fliehende Familie erreicht endlich Berlin: Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

Donnerstag, 10. März 2022, Berlin

Der Krieg ist zermürbend, auch für mich hier in Berlin. Ich glaube, ich hatte noch nie eine solche Schwere gespürt und mit ihr gelebt. Nur im Schlaf vergesse ich es. Und doch ist das Gespräch mit den Menschen vor Ort das Einzige, das einem richtig erscheint und einen unmittelbar in die Realität zurückholt.

Vor zwei Jahren habe ich für eine Fernsehreihe über verlassene Orte Viktor kennengelernt. Er kommt aus der Ukraine und hat in Deutschland in einem russischen Stützpunkt gedient. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben. Jetzt habe ich erfahren, dass sein Sohn gefallen ist, ich schreibe ihn an.

Viktor bei der Beerdigung seines Sohnes Zenja (Quelle: privat)
Viktor bei der Beerdigung seines Sohnes Zenja.Bild: privat

Donnerstag, 10. März 2022, Chmelnyzkyj

Viktor hat geantwortet.

Natascha (Umgangform für Natalija, Anm.d.Red.), ich werde Sie erst mal nicht anrufen: Ich habe keine genauen Informationen über den Tod meines Sohnes und habe jetzt nicht das Recht, die Kommandanten mit Fragen zu löchern.

Zenja war in einer Eliteeinheit und hat alles ganz gut verstanden. Für den äußersten Fall hat er dem Kommandanten meine Nummer gegeben - ich hätte es als erstes erfahren sollen, so ist es auch passiert. Es war schwierig, es seiner Frau zu sagen, ich dachte, sie wird verrückt.

Heute befinden wir uns in einem relativ sicheren Ort und meine Verantwortung ist es, die Familie meines Sohnes zu unterstützen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es gibt Menschen, die befinden sich in einer viel schwierigeren Lage als ich, die gezwungen sind, in den Kellern zu gebären, Menschen, die bombardiert werden. Sie haben was zu erzählen. Ich kann gerade über meine Gefühle mit niemandem reden.

Die Autorin

Die Regisseurin Natalija Yefimkina (Quelle: Lucia Gerhardt)
Lucia Gerhardt

Natalija Yefimkina lebt in Berlin. Sie ist in Kiew aufgewachsen. Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zog die Familie zunächst nach Sibirien. In den 1990er Jahren emigrierte die Familie dann nach Deutschland. In diesem Tagebuch berichtet sie darüber, wie es den Menschen in der Ukraine geht, aber auch was die Situation mit ihr macht.

Tagebuch 1

Tagebuch 2

Ich frage ihn, ob ich unsere Kommunikation veröffentlichen kann.

Ja, können Sie. Sie können ja schreiben, dass niemand mein Volk auf die Knie zwingen wird.

Ich bitte ihn, mir kurz über sich zu schreiben.

Ich bin geboren und aufgewachsen in der Ukraine. Ich werde bald 60. Jetzt lebe ich in der Stadt Chmelnyzkyj. Meine Familie - die Opas, die Omas, meine Mama und mein Papa - haben den damaligen furchtbaren Krieg erlebt.

Ich bin Berufsoffizier. Jetzt im Ruhestand. Ich habe ein militärisches Institut besucht und bin Nuklearwaffen-Spezialist. Von 1986 bis 1990 diente ich in Deutschland, im Objekt 73274, in Stolzenhain. 1991, als die Ukraine unabhängig wurde, wurden die Nuklearwaffen der Russischen Föderation übergeben. Viele Offiziere sind in die Russische Föderation gegangen. Ich hatte eine sehr erfolgreiche Karriere. Aber ich habe mich entschieden, in der Ukraine zu bleiben.

Mein ältester Sohn wurde 1986 geboren, er wurde 35 Jahre alt. Er hat mit mir in Deutschland gelebt, solange ich dort gedient habe. Nach der Schule hat er eine Militärschule besucht, dann das Institut. Er hat immer davon geträumt, ein Offizier zu werden. Gestorben ist er am 27. Februar in der Nähe von Gostomel. Geblieben sind seine Frau und zwei Kinder, Jungs, zehn und vier Jahre alt. Das Schlimmste im Leben ist, seine eigenen Kinder zu begraben.

Mein jüngerer Sohn ist 1990 in Deutschland zur Welt gekommen. Am 26. Februar ist er in die Einberufungsstelle gegangen und hat sich in die Territorialverteidigung eingeschrieben und hat eine Waffe in die Hände genommen. Er hat auch zwei Kinder. Mama hat ihn gebeten, er soll auf sich aufpassen. Er hat ihr das versprochen und gesagt, dass er jetzt doch vier Kinder hat.

Später schreibt mir Viktor erneut. Wahrscheinlich ist das nun die Information, die er bekommen hat.

An dem Tag am Flughafen in Gostomel wurden russische Landetruppen eingeflogen, damit sie Kiew einnehmen. In dem Kampf wurden die Eliteeinheiten der ukrainischen Armee eingesetzt. Die Angriffe wurden abgewehrt, die Landetruppen zerstört.

Viktor schickt mir ein paar Fotos von sich und seinem Sohn in Deutschland.

Viktor mit seinem Sohn Zenja in Deutschland (Quelle: privat)

Donnerstag, 10. März 2022, Berlin

Meine Cousine Julia ist vorgestern mit ihren beiden Kindern am Ostbahnhof angekommen, sie standen blass an der Information, waren müde und abgekämpft, aber sie lächelten. Die Kinder, sagt sie, verstehen nicht, warum wir weg mussten.

Heute geht sie in die Schule, die nahe an dem Ort ist, wo ich sie untergebracht habe und versucht, die Kinder dort anzumelden. Sie sagt, es ist wichtig, dass sie in eine Normalität kommen, in die Schule gehen.

Julia und ihre Familie am Berliner Ostbahnhof (Quelle: privat)

Alle Tagebuch-Einträge von Natalija Yefimkina

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  • Tagebuch Ukraine (Quelle: privat)
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    Tagebuch (12): Ukraine im Krieg 

    "Sie fahren besoffen mit ihren Militärfahrzeugen in den Gegenverkehr"

    Anja hat wochenlang im besetzten Cherson ausgeharrt – bis ihr die Flucht glückte. Natalija Yefimkina in ihrem Kriegstagebuch über Anjas Alltag unter russischer Okkupation, den Fluch der Propaganda und Müllhalden mit Leichenteilen.

  • Bohdan. (Quelle: privat)
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    Tagebuch (11): Ukraine im Krieg 

    "Sucht nicht den Krieg, er wird euch von selbst finden"

    Das Azot-Werk ist ein gewaltiger Industriekomplex in Sjewjerodonezk. Seit Wochen kämpft hier Bohdan gegen die Russen. Natalija Yefimkina in ihrem Kriegstagebuch über einen Freiwilligen, der den Krieg da erlebt, wo er am schlimmsten tobt.

  • Ukraine-Tagebuch. (Quelle: privat)
    Quelle: privat

    Tagebuch (10): Ukraine im Krieg 

    "Den Mädchen wurden die Zähne ausgeschlagen, die Vorderzähne"

    Wer zu Tatiana kommt, ist am Ende. Die Psychologin arbeitet in Kiew mit den schwer misshandelten Opfern des Krieges. Natalija Yefimkina in ihrem Kriegstagebuch über den Versuch, sich aus dem Grauen wieder herauszukämpfen.

  • Tagebucheintrag vom 13.5 (Quelle: privat)
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    Tagebuch (9): Ukraine im Krieg 

    "Ich verdamme deine Tante und den Tag, als ich dich geboren habe"

    Jana ist mit ihren Töchtern bei einer Berliner Familie untergekommen. Doch damit kehrt kein Frieden ein: Ihr Mann ist in der Ukraine, die Mutter beschimpft sie von Russland aus. Natalija Yefimkina in ihrem Kriegstagebuch über innere und äußere Zerrissenheiten.

  • Tatjanas Familie. (Quelle: privat)
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    Tagebuch (8): Ukraine im Krieg 

    "Es war sehr gefährlich, Wanja herauszubringen"

    Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine. Für diesen Tagebucheintrag hat sie mit Tatjana gesprochen. Die hat ihren Sohn Wanja aus Donezk herausgebracht, damit er nicht gegen die Ukraine kämpfen muss.

  • Tagebuch: Ukraine im Krieg. Journalistin Tatjana (Quelle: privat)
    privat

    Tagebuch (7): Ukraine im Krieg 

    "Man konnte zur Kochstelle laufen, umrühren und sich wieder verstecken"

    Tanja ist eine erfahrene Kriegskorrespondentin. Über Wochen ist sie im belagerten Mariupol eingeschlossen. Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

  • Zettel in den ukrainischen Nationalfarben (blau und gelb) hängen an einer Brüstung des Ufers der Moskwa, im Hintergrund sind Gebäude des Hochhausviertels Moskwa City zu sehen. (Quelle: dpa/Ulf Mauder)
    dpa/Ulf Mauder

    Tagebuch (6): Ukraine im Krieg 

    "Du wirst es doch nicht so publizieren, dass man weiß, wer ich bin?"

    Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine. Für diesen Tagebucheintrag hat sie allerdings Kontakt mit Freunden und Bekannten in Russland aufgenommen - es sind für sie keine einfachen Gespräche.

  • Andrei und seine Frau Elena vor ihrem Hotel Stockholmstudios in Irpin (Quelle: privat)
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    Tagebuch (5): Ukraine im Krieg 

    "Sie schossen durch die Küchentür, mit einem Abstand von vier Metern"

    Andreis kleines Hotel in der Nähe von Kiew wird beschossen. Kurz darauf dringen russische Soldaten ein: Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

  • Alexander Sasnovski vor dem Krieg zu Hause in Mariupol. (Quelle: privat)

    Tagebuch (4): Ukraine im Krieg 

    "Ich wache morgens auf und denke, ich bin zu Hause, aber ich habe kein Zuhause mehr"

    Alexander und seine Frau wollten Mariupol nicht verlassen. Doch Putins Krieg zwang sie zur Flucht: Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

  • Viktor mit seinem Sohn Zenja in Deutschland (Quelle: privat)
    privat

    Tagebuch (3): Ukraine im Krieg 

    "Er hat immer davon geträumt, ein Offizier zu werden. Gestorben ist er am 27. Februar"

    Ein Vater spricht über seinen im Krieg gefallenen Sohn, die fliehende Familie erreicht endlich Berlin: Natalija Yefimkina hält von Berlin aus Kontakt mit den Menschen in der Ukraine - und berichtet darüber in diesem Tagebuch.

  • Oleg sitzt als Beifahrer in dem Transporter. (Quelle: privat)
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    Tagebuch (2): Ukraine im Krieg 

    "Bitte komm, Oma, es ist Krieg!"

    Die Regisseurin Natalija Yefimkina hat ukrainische Wurzeln. Seit Tagen hält sie Kontakt mit den Menschen vor Ort. In diesem Tagebuch berichtet sie darüber, wie es den Menschen in der Ukraine geht, aber auch was die Situation mit ihr macht.

  • Die Ukrainerin Julia T. hat sich entschieden, mit ihren beiden Kindern aus der Ukraine zu fliehen. Die beiden Kinder im Zug. (Quelle: privat)
    privat

    Tagebuch (1): Ukraine im Krieg 

    "Julia, entscheide dich!"

    Die Regisseurin Natalija Yefimkina hat ukrainische Wurzeln. Seit Tagen hält sie Kontakt mit den Menschen vor Ort. In diesem Tagebuch berichtet sie darüber, wie es den Menschen in der Ukraine geht, aber auch was die Situation mit ihr macht.

  • Der zentrale Platz der Stadt Charkiw liegt nach dem Beschuss des Rathauses in Trümmern.
    picture alliance / AP

    Berichte aus der Ukraine 

    "Ich will nicht für die Ukraine sterben, ich will für sie leben!"

    Plötzlich leben die Menschen in der Ukraine im Krieg. Eine Lehrerin harrt voller Angst auf dem Land aus. Ein Fabrikarbeiter baut Molotow-Cocktails. Ein Chirurg arbeitet seit sechs Tagen ohne Pause. Sieben Protokolle aus der Ukraine.

Beitrag von Natalija Yefimkina

1 Kommentar

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  1. 1.

    Die Ukraine hat dem großen Nachbarn Russland in Nuklearwaffen und damit ihre Sicherheit anvertraut. Und dieser Staat missbraucht jetzt dieses Vertrauen. Putin bezieht sich auf die "Kiewer Rus" als Berechtigung, der Ukraine eine eigene Entwicklung abzusprechen. Das ist so, als würde Frankreich das ungefähr zur gleichen Zeit existierende Frankenreich als Argument für die Eroberung des später entstandenen Deutschland zu benutzen.

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