Junge Abgeordnete - Diese U-30-Politiker wollen das Berliner Parlament aufmischen

Niklas Schenker (Linke) einer der jüngsten Mitglieder bis 30 im Berliner Abgeordnetenhaus. (Quelle: rbb/B. Raddatz)
Video: rbb|24 | 09.10.2021 | Material: Abendschau | Bild: rbb/B. Raddatz

Sie sind keine 30 Jahre alt und ziehen ins neue Berliner Parlament ein. Dort wollen die jüngsten Abgeordneten der Stadt Politik für "ihre" Generation machen. Ein bisschen Zeit für Sport, Musik und Partys müsse aber auch sein, sagen sie. Von Birgit Raddatz

Der Regen hat gerade etwas nachgelassen, als Niklas Schenker in seinem Wahlkreis rund um den Klausenerplatz in Berlin-Charlottenburg anfängt, die Wahlplakate der Linkspartei abzuhängen. In der einen Hand hält er seinen Kaffeebecher, in der anderen eine Zange. Damit durchtrennt er die Kabelbinder der Poster, auf denen auch sein eigenes Gesicht zu sehen ist.

Dabei rufen ihm immer wieder Menschen zu, ob er es ins Abgeordnetenhaus geschafft habe: "Hey, Niklas, bist du drin? Ich hab dich nämlich gewählt." Die Antwort: "Ja, ich hab’s geschafft!"

"Mit Bart wirke ich älter"

Schenker ist 28 Jahre alt und damit das jüngste Mitglied der Linksfraktion im neuen Parlament. Mittlerweile hat sich der Politikwissenschaftler mit den strubbeligen Haaren, die früher mal blau waren, einen Bart zugelegt. "Damit wirke ich älter", sagt er und lacht. Sein Herzensthema ist die Umsetzung des Volksentscheids zur Enteignung größerer Immobilienunternehmen. Manchmal kann der gebürtige Berliner seinen Einzug ins Abgeordnetenhaus nicht glauben – und noch weniger, dass 57 Prozent der Berlinerinnen und Berliner "Ja" zum Volksentscheid gesagt haben.

"Berlin ist, was die Frage des Wohnens angeht, vielleicht die spannendste Stadt der Welt. Und hier Politik zu machen, fühlt sich wie ein großes Privileg an", sagt Schenker begeistert.

Die jüngste Abgeordnete ist 2000 geboren

Mit 28 Jahren gehört Niklas Schenker nicht mehr zu den Allerjüngsten im Abgeordnetenhaus. Doch nur bei Linke, Grüne und der SPD finden sich nun auch Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die unter 30 Jahre alt sind - wie immerhin fast ein Drittel der Berliner.

Das jüngste Mitglied, Klara Schedlich von den Grünen, ist im Jahr 2000 geboren. Sie will sich vor allem für Chancengleichheit in der Bildungspolitik stark machen, erzählt die Maschinenbau-Studentin rbb|24. "Ich glaube, dass man einfach noch mal einen anderen Draht zu Schülerinnen und Schülern hat, wenn man nicht in deren Elterngeneration, sondern vielleicht eher bei den Geschwistern zu verorten ist."

"Migrationsgeschichten und Rassismuserfahrungen gehören dazu"

Sie selbst erwarte von den anderen Politikern im Parlament trotz ihres noch jungen Alters ernstgenommen zu werden, sagt die Reinickendorferin selbstbewusst. Und da ist noch etwas: Der Frauenanteil liegt auch nach der jüngsten Wahl lediglich bei nur knapp 35 Prozent. Zudem haben im neuen Parlament nur fünf Prozent nach eigenen Angaben einen Migrationshintergrund - sie sind also nicht in Deutschland geboren.

Schedlichs Mutter und Großmutter stammen aus Kroatien, sie selbst studierte dort ein Jahr lang, Kroatisch bezeichnet die Grünen-Abgeordnete als ihre Muttersprache. "Es ist unsere Verantwortung als Parteien divers zu sein, um alle Menschen gut abzubilden. Dazu gehören natürlich Migrationsgeschichten, Rassismuserfahrungen, aber auch Menschen mit Behinderung, die zum Beispiel überhaupt nicht repräsentiert sind bei uns im Parlament."

Tamara Lüdke (SPD), eine der jüngsten Mitglieder bis 30 im Berliner Abgeordnetenhaus. (Quelle: rbb/B. Raddatz)

Neue Schwerpunkte müssen gefunden werden

Die neuen Abgeordneten müssen sich nun erst einmal zurechtfinden, die Fraktionen ausloten, wer sich schwerpunktmäßig mit welchem Thema befassen soll. Bei der SPD wäre zum Beispiel nach dem Ausscheiden von Thomas Isenberg der gesundheitspolitische Sprecherjob vakant.

Tamara Lüdke ist über die Bezirksliste in Lichtenberg ins Parlament eingezogen. Die 30-Jährige will unter anderem Akzente zum Thema Frauengesundheit setzen. "Grundsätzlich will ich dazu arbeiten, aber ich überlege mir vorher gut, ob ich mehr abbeiße, als ich kauen kann", sagt sie. Lüdke sieht sich als klassische Jungsozialistin - und inhaltlich trenne sie von SPD-Spitzendkandidatin Franziska Giffey so manches . "Aber wir teilen die gleichen Werte", fügt Lüdke hinzu.

Privatleben soll nicht zu kurz kommen

Sich Berufspolitikerin zu nennen, fällt Lüdke noch sichtlich schwer. Sie habe sich, bevor sie kandidierte, schon Gedanken dazu gemacht, was der Vollzeitjob im Parlament auch für sie ganz persönlich bedeute, so die Lichtenbergerin, die in Dachau geboren wurde. Ihre Partnerschaft solle nicht darunter leiden, ebenso wenig wie die Freunde.

Darins sind sich Tamara Lüdke, Klara Schedlich und Niklas Schenker einig: Neben der Parlamentsarbeit soll auch noch Zeit für anderes bleiben. Schenker etwa möchte künftig wieder mehr Sport machen und in einer Punkband spielen, Schedlich will weiter studieren und Cello spielen und Lüdke zieht es am Wochenende ab und zu in die Berliner Clubs. Die Energie für all das scheinen sie zu haben.

Beitrag von Birgit Raddatz

40 Kommentare

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  1. 40.

    Bekomme nur noch Angst.

  2. 38.

    Ihr Kommentar ist einfach und klar und keineswegs so zu verstehen, dass die deutlich stärkere Gruppe der über 70jährigen, a la „Verwaltungsfreund“, eigentlich unterrepräsentiert sind. Obwohl die das Wohl ihrer Enkel mit Sicherheit im Blick hätten. Nur Leute vom Rand der Gesellschaft mit Hassfalte auf der Stirn, a la Greta, und mit Diktaturneigung a la Vergangenheit können Ihren Kommentar so falsch verstehen, dass die moralisierende Ecke gegenüber Andersdenkenden nicht zu verleugnen ist und sich damit wieder und wieder ins Abseits stellt. Aber die sind so klein, dass man das aushalten kann.

  3. 37.

    Bei der „kurz vor der Tür stehenden“ Klimakatastrophe, der Armut in Afrika und dem Terror der westlichen Waffenlieferanten gibt es Leute, die noch von Partys träumen.
    Ist die Lage doch nicht so ernst?

  4. 36.

    Ich habe es nur flüchtig gelesen, gibts auch welche da drunter, die schon mal wertschöpfend erwerbstätig waren?

  5. 35.

    Mein Ausbilder hatte wohl doch Recht und ich finde es äußerst spannend wenn man diese Thesen im richtigen Leben tatsächlich beobachten kann und letztlich zu dem Schluß kommt, "das stimmt!". Also diese These ging so:

    Proportional zur, durch die innere Uhr ausgelöste, sinkende Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns steigt die Anzahl sogenannter Granufinkaktivität.

  6. 34.

    Einen so unglaublichen guten und jungen Politiker,wie S. Kurz, wird man bei uns vergeblich suchen!

  7. 33.

    Lieber rbb24 Nutzer, ich glaube die tina hat das nicht so abwertend gemeint wie Sie es glauben gelesen zu haben. Die eigene Aussage der sich selbst als Jungen bezeichnen dann lässt eigentlich bis jetzt nichts Gutes Schwanen, es hört sich an als ob die ganze Sache halt ein Hobby wäre wenn man sich wählen lässt, das macht man halt so nebenbei verbessert die Welt machte noch Studium nebenbei locker mit dem Kaffee in der Hand chillt ein bisschen, und erfüllt dann noch nebenbei alle Klimaziele und löst sämtliche Probleme. Also ist die Hoffnung in solchen Leuten eben nicht besonders groß, wenn Sie genau überlegen was da gesagt wurde müssten Sie mir zustimmen.

  8. 32.

    Offensichtlich ist die FDP die zweitjüngste Fraktion im AGH. Warum bildet sich das in dem Artikel nicht ab? Ist das Absicht?

  9. 31.

    Wer sind Sie noch gleich, dass Sie wen nach welcher Vorstellung von Lebenserfahrung einschätzen, bzw. hier treffender abwerten? Adultismus lässt grüßen. Erst fordert man jahrzehntelang, die Jugend müsse sich mehr interessieren und tut sie es, ist das sofort zu viel Veränderung schon für sich, unabhängig von den Inhalten, Zielen.

    Zum Theme "Lebenserfahrung" bisher:
    -soz. Ungerechtigkeit insbes. durch Aushöhlung des Sozialversicherungssystems
    -Abbau von Multilateralismus und Ignorieren von menschenrechtswidrigen Praktiken u. Ansichten in EU-Ländern sowie global, bis hin zur Beteiligung an Angriffskriegen
    -selbst- u. klimazerstörerische Wirtschaftspolitik
    -Deregulierung des Finanzwesens, inkl. dysfunktionaler "Aufsicht", die Steuerhinterziehung u. -vermeidung, Betrug und Untreue sowie Geldwäsche in Milliardenhöhe begünstigt
    -virulenter, intransparenter Lobbyismus, zu gr. Nähe von Wirtschaft u. Politik, Korruption
    -systematische Ausgrenzungen u. Entrechtungen, s. Asyl o. Wahlrecht

  10. 30.

    Und jetzt noch ein Artikel über ehemalige U30 Politiker und was sie geleistet haben... Dann haben die Worte „aufmischen“ und „neue ... müssen gefunden werden“ eine ganz eigene übertriebene Bedeutung für einen ganz normalen Lebensprozess der nie aufhört und immer wieder von neuem beginnt.

  11. 29.

    Am Ende wissen wir doch 4 bzw. 5 Jahre später, ob die Zusammensetzung im Parlament die Zustände in Deutschland oder Berlin verbessert oder verschlechtert haben.
    Allerdings glaube ich, dass sich die Leute davon selbst ein Bild machen müssen.
    Von den meisten Medien ist hier keine objektive Analyse zu erwarten (siehe Bilanz der besten Kanzlerin aller Zeiten).

  12. 28.

    @Tina: Sie meinen z.B. den Weitblick, den die bisherige Politik in puncto Klimaveränderung geziegt hat?
    Ich bin auch nicht für die Herabsetzung des Wahlalters. Dass aber auch die Generation U30 vertreten ist, ist völlig ok.
    Mit eine bisschen Hoffnung, dass die noch nicht nur an den persönlichen Mammon denken, wenn sie ihren Job da antreten.
    Und der ziemlichen Sicherheit, dass auch die sich ihre idealistischen und ideologischen Flausen an der Realtität zurechtrücken müsssen.
    Man blicke mal allein auf die Historie der Grünen, wie die entwickelt haben vom Revoluzzerimage zu spießig-bürgerlich-konservativ (mit Bevormundungscharakter). Oder die Entwicklung der noch amtierenden Kanzlerin von Kohls Mädchen und Nachahmerin zur ernstgenommenen Muddi der Nation. Man liest schon, ich bin keine Politk(er)freundin, aber wenn, dann dürfen da alle vertreten sein und wie im Artikel gesagt: auch die Greise und die Gehandicapten. Hmmm. Sollte ich mal drüber nachdenken.....? Nee.

  13. 27.

    Bei aller Befürwortung junger Abgeordneter muss ich dennoch sagen, dass man sich benötigte Lebenserfahrung nicht anstudieren kann. Der Weitblick kommt zwangsläufig erst später hinzu. Und genau der wird in der Politik gebraucht. Deswegen finde ich es auch nicht richtig, das Wahlalter auf 16 herabzusenken. Was soll man denn da schon weitreichend berurteilen können?

  14. 26.

    Warum soll es nicht mit Jüngeren in der Politik funktionieren. In Österreich ist Sebastian Kurz mit 25 Jahren Staatssekretär, mit 27 Jahren Bundesminister und 31 Jahren Bundeskanzler geworden und ist es immer noch.
    Auch in den anderen Ländern sind jüngere Menschen und insbesondere auch Frauen in/an der Regierung, wie beispielsweise in Norwegen, Finnland oder Neeseeland.

  15. 25.

    Meiner Meinung nach haben SPD/CDU die besten Verteilungen in den Altersgruppen. Jeweils nahe der Normalverteilung.
    Klar müssen sich auch die jungen Leute in der Gesellschaftsvertretung wiederfinden, sich einbringen. Aber eben angemessen, entsprechend ihres Anteils. Was sich jetzt auf Bundes- und Landesebene abzeichnet ist davon abweichend.
    Warum dies so positiv besetzt wird, ich weiß es nicht. Für mich eher ein Makel, eine Art Klientelpolitik.
    Internet, Party und Reisen sind eben nicht alles. Auch dies sollte „Young Generations“ vermittelt werden.

  16. 24.
    Antwort auf [SB] vom 01.10.2021 um 21:34

    Sie leisten doch gerade was!

  17. 23.

    @Alice , Du triffst wieder mal den Punkt, ich bin sehr dafür das mal frischer Wind in die Parteienlandschaft kommt.
    Aber Politik muss für jeden gemacht werden, ich habe jedenfalls keine Angst höchstens vor dem was jetzt kommt.
    Die Parteien müssen sich ernsthaft erneuern, Herr Schäuble zum Beispiel, da fragt man sich doch allen ernstes hat der kein zu Hause.

  18. 22.

    Das war jetzt die Hoffnung auf Verjüngung des Parlaments? Durch die Blume hört es sich danach an, als ob man ein bisschen als Abgeordneter arbeiten und ansonsten sein bisheriges Leben weiterleben möchte. Selbst ein Studium nebenher scheint neben einem Vollzeitjob? als Abgeordneter möglich. Leute ihr bekommt über 10.000 Euro im Monat, da sollte man schon etwas für leisten und endlich die drängenden Probleme angehen. Diversität und Enteignung als Hauptziel? Sorry, Altersarmut, Infrastruktur, Bildung, Schuldenunion, Migration, Target2, Inflation, Zinspolitik, Digitalisierung, Innere Sicherheit, EU-Geberanteil Deutschlands 19 % bei 26 Ländern... ein Teil der Probleme die gelöst werden müssen.

  19. 21.

    Sehr bedenklich, dass die große Gruppe der über 70-jährigen faktisch nicht im Abgeordnetenhaus vertreten ist. Im Bundestag sieht es ähnlich aus. Merkwürdigerweise regt sich niemand über diese Altersdiskriminierung auf.

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