Berliner Parteien vor dem Wahlkampf - Alles von vorn, aber anders

Mi 16.11.22 | 19:36 Uhr | Von Sebastian Schöbel
  47
Archivbild: Eine Wählerin wirft in Berlin ihren Stimmzettel in die Wahlurne. (Quelle: dpa/M. Kppeler)
Video: rbb24 Abendschau | 16.11.2022 | L. Thio | Bild: dpa/M. Kappeler

Nun steht es fest: Berlin muss nochmal wählen, weil 2021 zu viele Pannen passiert sind. Die Parteien haben das kommen sehen, der Wahlkampf ist längst entbrannt. Die Stimmzettel sind bei der Wiederholungswahl die gleichen, für die politischen Vorzeichen gilt dies nicht. Von Sebastian Schöbel

Es ging kein Aufschrei des Entsetzens durch die politische Landschaft Berlins, als um 11:26 Uhr das Urteil zur Wahlwiederholung in Berlin verkündet wurde. Im Gegenteil: So historisch dieser Richterspruch ist, so erwartbar war er auch. Zu unmissverständlich drückte sich Gerichtspräsidentin Ludgera Selting gleich zum Beginn des Verfahrens aus: Eine Wiederholungswahl sei eigentlich unumgänglich, wegen der vielen Pannen. Fast wortgleich begründete sie nun auch das Urteil. Berlins Politikerinnen und Politiker waren also vorgewarnt.

Entsprechend wahlkämpferisch fielen die Reaktionen auf den Richterspruch aus. CDU-Chef Kai Wegner wetterte vor allem gegen die SPD. Die Wiederholungswahl sei nun "eine Chance auf einen echten Neustart", sagte er und probierte auf Instagram gleich mal den CDU-Wahlkampfslogan aus: "Berlin, wähl dich neu!"

AfD-Chefin Kristin Brinker stieß ins selbe Horn und sprach von einer "Chance", die Berlin "maßgeblich" der Klage der AfD zu verdanken habe. Und auch FDP-Chef Sebastian Czaja forderte umgehend eine "Kehrtwende" in der Politik.

Giffeys kurzer Sprung vom Wahldebakel zum Entlastungspaket

Franziska Giffey, die Regierende Bürgermeisterin, nahm sich in ihrem Statement vor dem Roten Rathaus derweil noch die Zeit, darauf hinzuweisen, dass sie persönlich nicht fürs Wahldebakel verantwortlich sei – wohlwissend, dass die Opposition ihrer SPD und vor allem dem damaligen Innensenator Andreas Geisel die Schuld geben würde. Dann leitete sie von der Neuaufstellung der Wahlorganisation nahtlos über zum Entlastungspaket, dass ihr Senat auf den Weg gebracht hat. "Dass wir Berlin gut durch diese Krise bringen wollen, ist unser Auftrag." Das Wort "Krise" benutzte Giffey in ihrem 5-minütigen Statement gleich siebenmal. Die verpatzten Wahlen und das angekratzte Vertrauen vieler Menschen in die Demokratie waren damit freilich nicht gemeint.

Auch Katina Schubert, die Landesvorsitzende der Linken, bemühte das Krisen-Bild. "Wir übernehmen weiter unsere Verantwortung, die Menschen in unserer Stadt sicher und warm durch die kommenden Monate zu bringen", so Schubert.

Das Führungsteam der Berliner Grünen, Susanne Mertens und Philmon Ghirmai, ließ wissen, man sei "auf den nun leider anstehenden Wahlkampf sehr gut vorbereitet".

Völlig neue Ausgangslage

Doch während die Wahl von 2021 nun mit denselben Kandidaten wiederholt werden muss, lassen sich die politischen Umstände nicht so leicht reproduzieren. Die Ausgangslage für die Parteien haben sich zum Teil grundlegend geändert - mit möglicherweise weitreichenden Auswirkungen.

So kämpft Franziska Giffey darum, eine volle Legislaturperiode als Regierende Bürgermeisterin zu erleben. Beim letzten BerlinTrend kam ihre SPD nur auf Platz drei, hinter Grünen und CDU. Auch deswegen versucht sich Giffey, als Krisenmanagerin zu profilieren – zur Not auf Kosten ihrer Koalitionspartner, allen voran den Grünen. Das verbilligte ÖPNV-Ticket reklamierte Giffey flugs für sich, und auch beim auf drei Milliarden Euro aufgestockten Nachtragshaushalt versuchte vor allem die SPD, eigene Akzente zu setzen, etwa mit einem Zuschussprogramm für strauchelnde Unternehmen.

Grüne starten von der Pole Position

Ob das Giffey und der SPD nützt, werden die nächsten Umfragen zeigen. In denen lagen bislang nämlich die Grünen vorn. Dabei hatten die zuletzt kaum Chancen, mit ihrem politischen Spitzenpersonal zu punkten. Gesundheitssenatorin Ulrike Gote konnte sich nicht als Pandemiebewältigerin auszeichnen, weil das Thema aus den Schlagzeilen raus ist. Und die einstige Spitzenkandidatin Bettina Jarasch musste als Verkehrssenatorin zuletzt eher empfindliche Klatschen einstecken, etwa das Scheitern des Verkehrsexperiments auf der Friedrichstraße. Den Widerstand gegen den Weiterbau der A100 machen ihr die Linken streitig, das vergünstigte ÖPNV-Ticket die SPD. Bleiben noch die Klimaaktivsten, die der grünen Parteibasis aus der Seele sprechen – wegen ihrer kontroversen Blockaden aber etliche Wähler:innen verschrecken dürften.

Schlechter Zeitpunkt für die Linke

Zur denkbar ungünstigsten Zeit kommt die Wahlwiederholung aber für die Linken. Der Richtungsstreit in der Bundespartei über die Russlandpolitik und eine Serie von Wahlschlappen hängen auch dem vergleichsweise erfolgreichen Berliner Landesverband wie ein Stein um den Hals. Die Angst, vom negativen Bundestrend eingeholt zu werden, hat sich seit der Wahl 2021 sicherlich nicht gelegt. Die für Linken-Wähler so wichtige Mietenpolitik, die vor gut einem Jahr noch in aller Munde war, ist durch die Energie- und Flüchtlingskrise kaum noch ein Thema: Staatshilfen gegen steigende Gas- und Ölpreise sind gerade dringlicher als die Vergesellschaftung der Immobilienkonzerne.

Zudem ist es ruhig geworden um Spitzenkandidat Klaus Lederer: 2021 konnte der sich in der Pandemie noch als "Retter der Kulturlandschaft" beweisen. Inzwischen hat ihn Sozialsenatorin Katja Kipping in der Rolle als linke Leitfigur abgelöst. Die organisiert derzeit recht erfolgreich die Unterbringung tausender Flüchtlinge in der Stadt und hat nebenbei Zeit, mit ihrem "Netzwerk der Wärme" einen neuen ur-linken, sozialpolitischen Impuls für mehr Solidarität zu setzen – und damit Giffey den Titel der "Bürgermeisterin der Herzen" streitig zu machen.

Gut möglich also, dass sich Berlins Linke bei dieser Wiederholungswahl auch eine neue Führungsfigur geben - selbst wenn Kipping gar nicht offiziell Spitzenkandidatin ist, sondern nur als aktive Senatorin im Wahlkampf auftritt. Die Schwierigkeit: Bislang hat Kipping jegliche Ambitionen auf den Führungsposten weit von sich gewiesen.

Der Livestream zur Gerichtsentscheidung zum Nachschauen:

CDU hofft, FDP bangt

Für CDU und FDP bleibt hingegen nur die Hoffnung auf ein drastisch anderes Wahlergebnis. Dass SPD-Chefin Giffey einer rot-schwarz-gelben Koalition nicht abgeneigt war, ist bekannt. Doch inzwischen dürfte sich die Lust darauf bei der SPD abgekühlt haben – erst recht seit die Sozialdemokraten nach dem letzten BerlinTrend befürchten müssen, bei der Wiederholungswahl hinter den Christdemokraten zu landen. Mit den Grünen gab es derweil ohnehin kaum inhaltliche Gemeinsamkeiten - und seit die CDU ihre Rhetorik gegenüber den Klimaaktivsten der "Letzten Generation" sehr verschärft hat, noch weniger.

Die FDP wiederum muss mit Sorge auf die 5-Prozent-Hürde schauen. Ähnlich wie bei den Linken liegt ein Jahr der Wahlschlappen hinter den Liberalen, in Niedersachsen flogen sie gar aus dem Landtag, und die im Bund regierende FDP erfreut sich nicht gerade großer Beliebtheit.

Die AfD wiederum ist zuletzt nur wenig aufgefallen – und so könnten nur wenige bemerkt haben, dass die Partei weiter nach rechts gerückt ist. Im Fraktionsvorstand sitzen inzwischen mit Thorsten Weiß und Jeannette Auricht zwei Abgeordnete, die einst dem "Flügel" des Rechtsextremisten Björn Höcke nahestanden. Bei der anstehenden Wiederholungswahl wird es der Partei vor allem darum gehen, ihr Ergebnis von zuletzt 8 Prozent zu verbessern, mit Hilfe der wachsenden Verunsicherung in der Bevölkerung ob der schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die letzten Umfragen prognostizierten der AfD ein zweistelliges Ergebnis.

Der Wahlkampf hat auf jeden Fall begonnen, und auch, wenn die Plakate ob der Feiertage dieses Mal kürzer hängen: Weihnachtlich-beschaulich wird es in der Berliner Politik sicherlich nicht werden.

Fragen und Antworten zur Wiederholungswahl im Video:

Sendung: rbb24 Abendschau, 16.11.22, 19:30 Uhr

Beitrag von Sebastian Schöbel

47 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 47.

    ,,Letztlich ist man Hauptstadt und keine Provinz,, Wenn Ich mir so anschaue, wo sehr viele politische Entscheider so geboren sind und herkommen- doch eher Brandenburger und Bundesdeutsche Provinz, statt deutsche Hauptstadt, Viele Grüße und gute Nacht, Berlin.

  2. 46.

    Berlin ist sehr vielen Menschen, einfach zu dreckig, zu kriminell und dafür auch noch zu teuer geworden und sehr Viele, sind daher ins Umland gezogen. Da kann Der oder Die nächste Provinz-Politiker:inn an die Regierung kommen, der Wegzug von Steuer-und Kaufkraft in das Umland, wird ungebremst weitergehen.

  3. 45.

    Die Wahlen waren demokratisch aber nicht überall pannenfrei. Deshalb ist die Entscheidung anfechtbar.

  4. 44.

    Berlin ist die Hauptstadt von Berlin. Der Rest der Bundesrepublik wird eher dezentral regiert- eben ein zusammengeschlossener Bund einzelner Bundesländer, mit eigenen Landeshauptstädten und Verwaltungen der Länder. Und Berlin wiederum, wird von Leuten aus Frankfurt(Oder), oder aus anderen Provinz Nestern regiert und reglementiert und dadurch zum dreckigsten Dorf der Bundesrepublik, herabgewirtschaftet.

  5. 43.

    Nicht die Wahlplakate verschandeln das Stadtbild von Berlin ! Das waren eher Weltkrieg, Teilung und nachfolgende 0/815 Architektur - Und natürlich fehlende Ordnung, Sauberkeit und fehlende Kinderstube.

  6. 42.

    Ich kann nur hoffen das man den Selbstdarstellern verbietet einen unnützen und für den Steuerzahler wieder viel zu teuren Wahlkampf zu veranstalten. Wer keine demokratische Wahl organisieren kann gehört hier nicht her.

  7. 41.

    "Ick freu ma, mitten im Februar bei minusgraden ... an der Neuwahl teilzunehmen". Fragen Sie mal erst die einfachen Parteimitglieder, die den Straßenwahlkampf schultern dürfen. Da hält sich das Mitleid aber sicher in Grenzen, für viele ist es ja schon geradezu unappetitlich sich in einer Partei zu engagieren. Leider wird immer nur viel gemeckert und nicht selbst angepackt. Wer will schon seinen Feierabend mit Landesparteitagen und Ortsverbandssitzungen zubringen.

  8. 40.

    Wenn RRG stürbe, dann wäre die Hoffnung welche?
    Dass eine CDU es besser machte, als weiland Diepchen, Landowski und Lummer?
    Träumt weiter!

  9. 39.

    "Und wenn man sagt das die AFD ein paar gute Ansätze hat ist man ein " Nazi" "

    Na endlich lassen sie die Katze aus dem Sack. Wer die rechtsextreme AfD mit ihrem faschistischen und nationalistischen "Flügel" wählt muß nicht unbeding ein Nazi sein aber geschichtsvergessen und Sympathisant von Neonazis und Faschisten dieser "Partei".

  10. 38.

    Das Ende von RRG? die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es doch.

  11. 37.

    Hui, ich bin gespannt, welche Ansätze der afd Sie gut finden. Aber eigentlich kann ich es mir denken. Und wenn jemand eine rechtsextreme Partei wählt, die durchsetzt ist mit Neonazis, erscheint es naheliegend, dass der/die Wählende selber Neonazi ist, oder aber Neonazis zumindest gut findet.

  12. 36.

    "Aber sie können gerne erläutern, was der Unterschied genau sein soll."

    Oder aber Sie lesen einfach selber nach, was der Unterschied zwischen einer Wahlwiederholung und einer Neuwahl ist...

  13. 35.

    Vernünftige Prognosen kann man wohl erst im Januar machen.
    Hier kann auch der Bundestrend noch Parteien rauf- oder runterziehen.
    Ich rechne zudem damit, dass diejenigen SPD-Wähler, die 2021 eine Koalition mit der CDU wollten, diesmal zur Sicherheit CDU wählen werden.

  14. 34.

    Ick freu ma, mitten im Februar bei minusgraden, vielleicht noch mitten in der nächsten Corona-Welle, Inflation und einer Blackout-Gefahr bei dieser tadellosen und gutdurchorganisierten Neuwahl teilzunehmen. Berlin, du schaffst das schon.

  15. 33.

    Es gibt keinen Unterschied zwischen Neu- oder Wiederholungswahl. Das ist der Bereich Textverständnis Deutsch, PISA lässt grüßen.
    Aber sie können gerne erläutern, was der Unterschied genau sein soll.

  16. 32.

    Also 2026 wird es keine Wahl geben, die wird erst 2027 wieder sein. Ich würde wetten, dass sie am 12. Februar wählen gehen. Und die Wahlwiederholung storgt nicht für Politikverdrossenheit.

  17. 31.

    Ein Stadt muss aber verdichtet werden. Die Alternative ist sonst massiver Pendelverkehr in den Randbezirken.
    Letztlich ist man eine Hauptstadt und keine Provinz.

  18. 30.

    Wenn's gut läuft, behält der Senat seine Mehrheit und Berlin erspart sich Koalitionsverhandlungen und Postengeschacher.

    Interessant im Sinne von "Alles von vorn, aber anders" dürfte es bei der Bezirkswahl sein und für die Kleinstpartei. In den Bezirken halte ich Veränderungen der Mehrheiten für wahrscheinlicher. Dann ist da ja noch die spezielle Situation, dass die Bürgermeister ja quasi Bestandsschutz haben.

    Bei den kleinen Parteien ist die Frage, ob sie von der Wiederholung Wiederholung profitieren (man sucht sich ob des Chaos Alternativen zu den Parteien im Abgeordnetenhaus) oder andersrum die Wähler fokussieren sich genau auf die großen Parteien. Verliert z.B. die Tierschutzpartei ihren Sitz?

    Und wie ist eigentlich die Wahlkampfkostenerstattung geregelt? Gibt's die überhaupt auf Landesebene?

  19. 29.

    Die Kandidaten dürfen bei einer Wiederholung nicht verändert werden.
    Was ist mit den Wahlberechtigten?
    Dürfen die inzwischen 18 gewordenen auch wählen?
    Dürfen zwischenzeitlich Zugezogene wählen?

  20. 28.

    "Deshalb wird es für mich keine Neuwahl geben."
    Es ist keine Neu- sondern eine Wiederholungswahl. Was spricht dagegen, zugunsten einer höheren Wahlbeteiligung wiederholt das Kreuz dort zu setzen, wo Sie es 2021 gesetzt haben? Ein Hoch auf die Demokratie!

    Mein Kreuz hingegen wird woanders landen. Strategische Entscheidung. Da gehe ich mit #2 Heike konform. Extreme gehen gar nicht und RGR muss weg. Ein Hoch auf die Demokratie!

Nächster Artikel