Interview | Vom Wahllokal weggeschickter 21-Jähriger - "Gegen 19 Uhr kamen die Wahlleute raus und haben die Wahl abgebrochen"

Menschen warten am 26.09.2021 in einer Schlange vor einem Wahllokal im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg darauf, ihre Stimmen zur Bundestagswahl, der Abgeordnetenhauswahl und der Wahl der Bezirksvertretungen abgeben zu dürfen. (Quelle: dpa/Georg Hilgemann)
Bild: dpa/Georg Hilgemann

Philipp Wellner traf am Sonntag gegen 17:30 Uhr vor seinem Wahllokal in Pankow ein, um seine Stimme abzugeben. Doch daraus wurde trotz Warte-Marathon nichts, wie er im Interview erzählt. Es fehlte an Wahlzetteln. Die trafen zwar ein - doch es waren zu wenige.

Herr Wellner, Sie sind 21 Jahre alt und die Wahl am Sonntag war – zumindest was die Bundestagswahl betrifft – ihre erste Wahl.

Philipp Wellner: Das stimmt, es war beziehungsweise wäre meine erste Bundestagswahl gewesen. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2016 konnte ich schon mitwählen.

Sie sind also gestern zu Ihrem Wahllokal vor Ort gegangen. Was passierte dann?

Ich war zeitlich relativ knapp vor Ort in Pankow - gegen 17:30 Uhr war ich da. Da stand schon eine ziemlich große Menschenmenge vor dem Wahllokal. Allerdings nicht in Schlangenform. Ich dachte gleich, dass das etwas seltsam aussieht, und habe versucht herauszufinden, was da los ist. Dann stellte sich jemand aus dem Wahllokal auf eine Bank und hat gesagt, es gäbe keine Wahlzettel mehr. Und auch sie wüssten nicht so recht, was sie machen sollten. Sie würden herumtelefonieren, um noch Zettel heranzukriegen. Nachdem der Mann kurz überlegt hatte, sagte er, dass alle, die jetzt noch nicht gewählt hätten, sich anstellen und registrieren lassen sollten. Damit sie noch wählen könnten.

Das habe ich dann auch gemacht. Das ging schnell - ich habe meinen Ausweis vorgezeigt und meine Einladung zur Wahl. Der Mann hat dann vermerkt, dass ich da war. Dann bin ich wieder rausgegangen. Kurz darauf hieß es, dass alle, die sich registriert hätten noch weiter warten sollten. Vielleicht kämen noch Wahlzettel, hieß es. Also haben wir alle gemeinsam weiter gewartet.

Das galt aber nur für Menschen, die vor 18 Uhr am Wahllokal eingetroffen waren?

Ja, nach 18 Uhr ging gar nichts mehr, da wurde zugemacht. Ab dann kam keiner mehr rein. Eine Person kam nach 18 Uhr, weil sie nach eigenen Angaben vorher schon da war und man ihr gesagt hätte, sie solle später nach 18 Uhr wiederkommen – da könne man auch noch wählen. Die Person wurde dann aber weggeschickt.

Dass man nach 18 Uhr kommen und wählen könne, hat aber zu mir niemand gesagt. In meiner Gegenwart hieß es, alle müssten vor 18 Uhr registriert und auf dem Gelände sein.

Ich bin dann nachhause gegangen und habe dort die Wahlleiterin im Interview sagen hören, dass alle ihre Stimme abgeben konnten. Das hat mich wirklich geärgert.

Philipp Wellner, 21 Jahre

Sie haben dann so lange gewartet, bis die avisierten Wahlzettel noch kamen?

Genau. Ich habe mit den anderen Wahlberechtigten etwa eine Stunde auf dem Gelände gewartet. Dann kam ein Bote, der sagte, er hätte etwa 20 Wahlzettel dabei. Damit ging er zum Wahlleiter.

Und Sie waren auch etwa 20 Wartende?

Nein, wir waren deutlich mehr. Eher etwa zwischen 50 und 100 Personen warteten da noch. Aber eine ganze Menge waren da auch schon gegangen, weil sie nicht mehr warten wollten.

Wir haben uns dann nochmal angestellt – ich bin aber nicht drangekommen, weil ich zu weit hinten stand. Dann bin also wieder rausgegangen und habe auf dem Gelände weiter gewartet, weil ich davon ausgegangen bin, dass nochmal neue Zettel kommen. Aber dann wurde kommuniziert, dass unklar sei, ob die 20 Stimmen überhaupt abgegeben werden können, weil es ja zu wenige seien, um alle Wartenden wählen zu lassen. Das solle erst noch entschieden werden.

Soweit ich es mitbekommen habe, wurde dann die 20 Zettel nicht mehr verwendet. Ich habe dann draußen trotzdem noch ein bisschen gewartet. Da habe ich mir die Hochrechnungen dann angesehen.

Passierte denn dann noch was?

Ja, die Wahlleute kamen gegen 19 Uhr raus und haben die Wahl abgebrochen. Sie sagten, alle sollten nach Hause gehen, sie würden jetzt dicht machen. Ich bin dann nach Hause gegangen und habe dort die Landeswahlleiterin im Interview sagen hören, dass alle ihre Stimme abgeben konnten. Das hat mich wirklich geärgert. Denn das war eindeutig nicht der Fall. Und das müsste auch zu dem Zeitpunkt, zu dem das Interview stattfand, auch bekannt gewesen sein. Dass da also Leute nach Hause geschickt wurden.

Das heißt, Sie und mindestens 30 weitere Menschen haben jetzt schlichtweg nicht gewählt?

Mindestens, ja. Ich habe auch keinerlei Information dazu bekommen, ob und wie ich jetzt noch wählen kann.

Wie haben Sie das Verhalten der Wahlleute empfunden?

Die telefonierten die ganze Zeit herum, weil sie auch keine Infos hatten. Sie haben wohl auch niemanden erreicht – oder niemand hat ihnen helfen wollen. Sie wirkten ziemlich aufgelöst und wussten nicht, was sie machen sollten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

96 Kommentare

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  1. 96.

    ... Die Auszählung war auch mega anstrengend. Der Druck, die BT Zahlen schnellstmöglich zu liefern gepaart mit einem Stimmzettel mit 2 Kreuzen- einfach super. Ein Hin- und Hergereiche von Papieren. Und dann meckern noch welche weil die Berliner Stimmen auf 2 Zetteln waren- ich kann nur sagen Gott sei Dank.
    Ach ja aufräumen war auch noch im Programm. Im Schnitt 16 h für nen Fuffi und nen Blatt Papier. Btw. werden Wahlhelfer für Fehler auch noch haftbar gemacht.
    Ich meine, wo Menschen sind, passieren Fehler und je ungelernter, umso mehr. Es täte aber Not, der Aufklärung seine Zeit zu geben. Nicht die Landeswahlleiterin allein ist schuld, denn es gibt auch bei den Wahlen verschiedene Instanzen, wo Fehler passiert sind. Insgesamt sind es einige Wahllokale von vielen. Eine Vollkatastrophe sieht anders aus. Auch wäre es schön, wenn es nicht ständig hieße, "DIE BERLINER" sind dumm, wählen falsch etc. Wir haben reichlich Zuzug mit Wahlberechtigung ;) und 25% für x sind immer noch 75 % gegen

  2. 95.

    ...
    Mit den Wahlzettel geht es weiter. Welcher Laie soll erkennen, wie viele das sind, ob die reichen? Die "Hotline" war am routieren, dass hat man gemerkt. Wie gut die besetzt und geschult war, vermag ich nicht zu beurteilen. Wenn also in den meisten Lokalen noch genug Stimmzettel übrig waren und woanders zu wenig- vielleicht haben die einen Wahlvorstände zu viel Scheine eingepackt und die anderen zu wenig? Und schon wäre bei Nachorderungen nichts mehr da. Zum Zeitaufwand: Wähler haben sich streckenweise erst in der Kabine mit den Wahlmöglichkeiten beschäftigt, das hat ewig gedauert. Oder Briefwähler sind doch gekommen- das hat jedes Mal Extra-Zeit gekostet. Bei uns verlief die Wahl reibungslos, dennoch waren die Schlangen sehr lang, wir hatten dauerhaft Bewegung im Wahllokal. Dennoch wurden wir regelmäßig vollgeschnauzt, warum es nicht schneller ginge. Das frustriert und schreckt ab, sich so ein Ehrenamt noch mal anzutun. ...

  3. 94.

    Als eine der pösen WahlhelferInnen bin ich erschüttert, wie sich im Netz geäußert wird. Gleich wird mit der Mistgabel und brennenden Fackeln nach Schuldigen gesucht. Statt von unten nach oben zu gucken, wo die Probleme herrühren wird gleich scharf geschossen. Die ehrenamtlichen Wahlhelfer machten das zum ersten Mal oder eben nur alle paar Jahre. Das bedeutet learning by doing. Lediglich Wahlvorstand und Schriftführer erhalten eine Schulung. Die Räume werden fremdbestimmt, müssen in kürzester Zeit (max. 1h) ausgeräumt und umgebaut werden, Aufgaben verteilt werden, Wegweiser angebracht werden. Die Räumen geben nur eine bestimmte Anzahl an Wahlkabinen her, auch angesichts der Hygienebestimmungen. Andere Räume herrichten ist nicht drin- das Personal reicht ja gar nicht. Da liegt das nächste Problem- Viele wurden mit Impfungen gelockt, die diese dann abgegriffen haben, aber nicht halfen. Bei der Belastbarkeit der Helfer gab es auch einige Nuancen.

    ...

  4. 93.

    Hallo Jassa! Es war aber noch eine Berechnung zu bewältigen, die Kapazitätsberechnung, wie viel Wähler in der Öffnungszeit 8 bis 18 Uhr bei x Wahlkabinen und y mittlere Verweilzeit in den Wahlkabinen je Wahllokal abgefertigt werden können. Dazu hätte man sicher eine Expertin aus dem Senat bitten können, welche Wirtschaftsmathematik studiert hat.

  5. 92.

    Vielleicht hätte man einen Helfer hinzuziehen sollen, der einfache Mathematik beherrscht --- Wahlberechtigte pro Wahllokal = Anzahl der Wahlscheine , noch eine Sicherheitsreserve dazu - hätte passen müssen . Das hätte sicher einen gewissen Einfluss auf die Länge der Warteschlangen gehabt. Aber nun haben halt unsere europäischen Nachbarn auch Mal wieder Grund zur Häme

  6. 91.

    So ein Unsinn. Klage weswegen

    Der Kläger muss beweisen, dass die nicht angegeben stimmen das Wahlergebnis verändert hatten. Dieser Beweis ist nicht zu führen.

    Anstatt sich künstlich aufzuregen lieber akzeptieren und erkennen, dass Berliner eh zu doof zum wählen sind. Sieht man ja an der Abgeordnetenhaus Wahl

  7. 90.

    Wie kann man so einem Senat, wie kann man so einer Verwaltung etwas zutrauen?
    Ich denke dabei auch die ganzen Coronamaßnahmen. Wenn das dort auch nur annähernd ähnlich unkoordiniert, um nicht zusagen chaotisch zuging und weiter zugeht, also ich weiß ja nicht ...

  8. 89.

    Wie kann man so einem Senat, wie kann man so einer Verwaltung etwas zutrauen?
    Ich denke dabei auch die ganzen Coronamaßnahmen. Wenn das dort auch nur annähernd ähnlich unkoordiniert, um nicht zusagen chaotisch zuging und weiter zugeht, also ich weiß ja nicht ...

  9. 88.

    Pragmatisch wäre gewesen die Turnhallen zu nutzen um mehr Wahlkabinen zu platzieren. Wäre aber zuviel verlangt gewesen. Die Schlangen vor den lokalen hat das Defizit eindeutig aufgezeigt.
    Wir haben seit 18monaten corona Abstandsregeln.
    Also kam das nicht überraschend.

    Auch hier kann man das Behördenversagen erkennen. Das hat nichts mit geld sondern Arbeitseinstellung der verantwortlichen zu tun

    Nicht ausreichende Wahlzettel. Ohne Worte.

  10. 87.

    Diese Wahl war nicht korrekt und müsste wiederholt werden
    Sehr eigenartig alles verlaufen

  11. 86.

    Nun 18,00 ist 18,00 Uhr da lief ja schon die Hochrechnung
    Vielleicht sollte man früher aufstehen um zur Wahl zu gehen tja jetzt fehlen ein Haufen Stimmen
    Was soll jetzt geschehen ist doch unkorrekt

  12. 85.

    Jeder der vor 18:00 am Wahllokal ist darf wählen, auch wenn man wegen einer Schlange erst nach 18:00 an die Urne kann. Das ist gesetzlich so geregelt und wird im Training für Wahlhelfer auch so kommunziert. Das weiß ich, weil ich selber Wahlhelfer war.

  13. 84.

    Was hat denn ein Flugzeug mit Wahlen zu tun? Ferner gibt es ja da eine Bordingzeit, die sich von der Abflugzeit unterscheidet.

    Wenn ein Laden um 18 Uhr schließt, kann ich da auch noch um 17.59 Milch kaufen und in der Regel auch nach 18 Uhr noch bezahlen. qed

  14. 83.

    Es geht doch hier nicht um ein paar Minuten, sondern um mehrere Stunden. Soll auch Menschen geben, die am Sonntag Nachmittag noch arbeiten müssen oder die Kinder dabei hatten etc. Jeder hat das Recht seine Stimme in absehbarer Zeit abzugeben.

  15. 82.

    Es wurden ja teilweise erst weit nach 18 Uhr die fehlenden Wahlzettel nachgeliefert, also warum sollte das gelogen sein?

  16. 81.

    Ja, ich selber war ebenfalls als Wähler im Stimmbezirk Pankow-207 vor Ort in der benannten Grundschule und musste miterleben, wie ohnmächtig die Wahlhelfer vor Ort waren, weil Ihnen scheinbar am Telefon niemand sagen konnte, wie sie mit dieser - von Ihnen selber vermutlich nicht verursachten Situation - umgehen sollten. Die in Aussicht gestellte "Polizeieskorte" mit neuen Stimmzetteln kam leider vor Ort nie an und in Pankow fand KEIN Marathon statt. Ein Wahlhelfer hat sich bemüht selber noch Zettel zu besorgen, bekam jedoch für die Anzahl der noch wartenden Wähler viel zu wenig Zettel, weswegen die Wahl dann wie beschrieben tatsächlich abgebrochen wurde.
    Mit ist völlig unklar, warum die Landeswahlleitung hier den Wahlhelfern vor Ort telefonisch keine Informationen über das erforderliche Vorgehen geben konnte und sich im Anschluss in den Medien dann auch noch falsch äußert, da es hätte bekannt sein müssen, dass zumindest in diesem Wahllokal NICHT alle Wähler haben wählen können.

  17. 80.

    Das ist Deutschland, das ist Berlin.
    Was kümmern uns Gesetze. Wenn berichtet wird, noch um 20 Uhr konnte gewählt werden, dann sind das nicht alles Personen, die schon um 18 Uhr da waren. Niemals!
    Und Herr Laschet hält seinen Stimmzettel so in die Kameras, dass die Kreuze zu sehen sind.
    Alles rechtswidrig, aber nicht schlimm.
    In Berlin wird ja auch demnächst per Rechtsverordnung betrügen in Schulen und überall, wo Prüfungen notwendig sind, erlaubt sein.

  18. 79.

    Die Ausreden einiger Kommentatoren für dieses Desaster sind schon recht abenteuerlich. Kann man sich nur vor den Kopf fassen. Das kann doch bei den geschilderten Ereignissen schlicht nicht euer Ernst sein. Unglaublich.

  19. 78.

    Sie müssen die schweren Pannen in Berlin nicht mit absurden Vergleichen verhöhnen. In anderen deutschen Millionenstädten hat es diese Probleme nicht gegeben. Zu wenig Wahlzettel, "neutral Wählen" während die Hochrechnungen schon bekannt sind, paralleler Marathonlauf - alles das gab es nur in Berlin. Das ist ein Problem der Verwaltung in der Hauptstadt. Es gehört dokumentiert, bewertet und aufgearbeitet. Und nicht verleumdet, klein geredet und verhöhnt. Es geht um das Vertrauen in die Demokratie. Dazu sind reibungslose Wahlen von elementarer Bedeutung.

  20. 77.

    Ab zum Anwalt und Klage einreichen.

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